Flöte aktuell 4.2007 (1/3)
THEMA: Mario Caroli
Unbeirrt auf eigenen Wegen
Der italienische Flötist
Mario Caroli im Porträt
VON JULIA KIESEWALTER
„Meinen größten Schock habe ich ungefähr im Alter von 15 Jahren erfahren“, meint Mario Caroli, und fügt lächelnd hinzu: „Aber es war natürlich ein positiver Schock.“ Bis dahin nur von der sogenannten klassischen Musik geprägt, hat er damals zum ersten Mal moderne Musik gehört und zwar Schönbergs „Pierrot lunaire“. Dieses Werk hat ihm eine faszinierende, neue Welt erschlossen sowie ungeahnte Klangräume und Ausdrucksmöglichkeiten gezeigt. Mittlerweile ist der italienische Flötist vor allem für seine Interpretationen zeitgenössischer Werke bekannt und hat auf diesem Gebiet immens viele CDs veröffentlicht; von Salvatore Sciarrino beispielsweise hat er beinahe alle Werke für Flöte, von den Solostücken bis hin zur Kammermusik und den Konzerten, eingespielt. Die Liste bedeutender Komponisten, mit denen er zusammengearbeitet hat, ist lang, darunter sind etwa Kurtág, Ferneyhough, Rihm oder Saariaho. Viele haben ihm Stücke gewidmet, immer wieder seine schier unbegrenzten technischen Fähigkeiten hervorgehoben und seine tiefe, poetische Ausdruckskraft bewundert. „Diese Musik ist noch sehr jung, sie hat noch keine so lange Interpretationsgeschichte, ich fühle mich beim Spielen viel freier. Es ist die Musik der Zeit, in der ich lebe, und die ich verstehen kann. Ich weiß teilweise ganz genau, was in dem Jahr passierte, in dem ein Komponist ein bestimmtes Stück schrieb. Oft kenne ich
die Komponisten und ihr Umfeld persönlich, so dass ich die fantastische Möglichkeit habe, sie bei Unklarheiten zu fragen oder mit ihnen ihr Stück aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Die Arbeit mit lebenden Komponisten zeigt einem auch, wie flexibel sie sind. Die Noten auf dem Papier sind nur eine Spur, ein Vorschlag, wie präzise auch immer die Angaben sind.“ Manchmal könne er sich kaum ein Lächeln unterdrücken, wenn er Leute sagen hört, dass Werke von bestimmten Komponisten nur so und nicht anders gespielt werden könnten.
Bei der Realisierung gehe es ihm aber nicht primär darum, neue Maßstäbe zu setzen oder besonders virtuos zu sein. Er will eher seinen eigenen Weg gehen und die Freiheit, die sich ihm bietet, nutzen, um sich selbst ganz in den Stücken auszudrücken. Seine Herausforderung sieht er darin, dabei die eigene Identität zu wahren. „Durch die Musik kann ich mich offenbaren. In Worten kann ich nicht ausdrücken, was ich in der Musik sagen kann.“ Dabei sei die Flöte ein Teil seines Körpers, manchmal träume er sogar davon, wie er ganz im Klang aufgehe: „Wie die Nymphe Syrinx in der griechischen Mythologie.“
In diesem Zusammenhang mag es verwundern, dass er sich selbst gar nicht als einen Flötisten ausschließlich zeitgenössischer Musik sieht. Generell ist ihm die Bezeichnung „Musiker“ lieber als Flötist, seine Art und Weise die Flöte zu spielen, nennt er romantisch, und über die Musik unserer Tage sagt er: „Neue Musik – das ist kein ,Ghetto‘, wie manche Leute glauben mögen. Dieser Auffassung widerspreche ich vehement: Es ist lediglich die Musik, die heute geschrieben wird – es ist und bleibt Musik! Es ist gefährlich, für einen Spezialisten gehalten zu werden: Klar, zum einen spiegelt es das große Verständnis für eine spezielle musikalische Sprache wider, aber sonst gibt es keine Unterschiede; wie jeder andere Flötist arbeite ich an der Intonation, Technik und vor allem an meinem Klang.“ Bei der Auswahl seiner Stücke gibt es für ihn keine Grenzen und schon gar keinen
Filter nach Komponisten oder jüngster Entstehungszeit: „Ich habe keine Abneigung gegen Stile oder Epochen. Es gibt für mich Musik, die mir gefällt, oder eben die, die mir nicht gefällt. In Konzerten will ich dem Publikum das Maximum an musikalischem Ausdruck geben, dabei kann Alte Musik beispielsweise ebenso wild wie die zeitgenössische sein. Man braucht Mut. Abrupte Wechsel von Stimmungen oder Stücken unterschiedlicher Epochen sind durchaus provokativ: Aber wo es keine Reaktion gibt – ob auf dem Podium oder im Publikum – gibt es auch keine Kunst“, ist sich Mario Caroli sicher.
