Flöte aktuell 2.2005
Die Erfindung der Musik - Teil 1
Der Klang erscheint im Pleistozän: Älteste Flöte entdeckt
Ulf von Rauchhaupt
Schätze sind nicht immer gleich als solche zu erkennen. Das gilt etwa für ein Stückchen Mammut-Elfenbein, das Mitte der siebziger Jahre bei Grabungen im Geißenklösterle, einer Höhle im Achtal unweit von Blaubeuren auf der Schwäbischen Alb zutage kam. Das "mit einer Kerbreihe verziertes Elfenbeinstabfragment" regte damals kaum jemanden auf. Stoßzahnschnipsel waren die Archäologen hier gewohnt. Die eiszeitlichen Jäger, die das Geißenklösterle in der jüngeren Altsteinzeit, vor etwa 40 000 bis 30 000 Jahren, bewohnten, waren geschickte Elfenbeinschnitzer. Einige figürliche Darstellungen von Tieren und Mischwesen aus Mensch und Tier, die sie hier und in drei weiteren Höhlen in den Tälern von Lone und Ach hinterließen, gehören zu den frühesten Zeugnissen bildlicher Kunst. Es sind die ersten eindeutigen Zeugnisse für kulturelle Modernität, also für ein Interesse des Menschen über Ernährung und Fortpflanzung hinaus. Daß sie in der Werkzeugkultur des sogenannten Aurignacien bereits vollendet und ohne Vorläufer aus dem Nebel der Frühzeit auftauchen, das ist eine der großen Überraschungen, welche die Forschung gerade auf der Schwäbischen Alb in den letzten Jahren und Jahrzehnten an den Tag gebracht hat.
Doch die Überraschung wird immer größer. Wie ein Team um den Archäologen Nicholas Conard von der Universität Tübingen in einem Artikel für die heute erscheinende Ausgabe des "Archäologischen Korrespondenzblatts" berichtet, entpuppte sich das "verzierte Elfenbeinstabfragment" als etwas, das mit einer Art geistigem Interesse zu tun hat, das man gemeinhin für komplexer, auf jeden Fall aber für abstrakter hält als gegenständliches Abbilden - nämlich Musik. Aber es geht nicht um das rhythmische Getrommel, das man vielleicht mit den Begriffen "Steinzeit" und Musik zunächst assoziiert, sondern um melodisches Spiel. Denn besagtes Fragment ist Teil einer Flöte.
Diese Erkenntnis erbrachte eine genauere Untersuchung alten Kleinmaterials aus dem Geißenklösterle, sogenannte Sammel- und Schlämmfunde, die seinerzeit aus Kostengründen nicht analysiert werden konnten. Daß man sie sich nun noch einmal genauer vornehmen konnte, ist zu einem nicht geringen Teil Wolfgang Schürle, dem Landrat des Alb-Donau-Kreises, zu verdanken. Denn eine Grabung zu finanzieren ist das eine, Geld für die Auswertungen alten, scheinbar kaum sensationsträchtigen Kleinmaterials bewilligt zu bekommen, noch einmal etwas ganz anderes. Schürle jedoch hat schon länger erkannt, welch ein Eldorado für die Erforschung der frühen kulturellen Modernität sein Kreis beherbergt, und so sorgte er zusammen mit dem Landesdenkmalamt Baden-Württemberg für Gelder, mit denen die Tübinger ihre alten Bestände aus Splittern und Stückchen noch einmal in Ruhe durchsehen können.
Die Nahtstelle beider Hälften der Geißenklösteler-Flöte
Dabei fielen Conards Archäotechnikerin Maria Malina weitere Elfenbeinsplitter auf, die mit ähnlichen eigentümlichen Kerben versehen waren wie das bereits veröffentlichte Fragment. Die insgesamt 31 Stücke schienen zusammenzugehören, und siehe da - sie fügten sich zu zwei zusammenpassenden Längshälften eines Rohres mit drei leicht als Grifflöcher identifizierbaren Öffnungen. Die Kerben - ohne welche die Archäologen das Puzzle als solches nie erkannt, geschweige denn gelöst hätten - dienten dem eiszeitlichen Flötenbauer wohl zur Vergrößerung der Fläche, als er die Hälften, vermutlich mit Birkenpech, luftdicht zusammenleimte.
Nun ist es nicht das erste Musikinstrument aus dem Aurignacien. Bereits im Jahre 1990 entdeckte das Team des inzwischen verstorbenen Tübinger Archäologen Joachim Hahn im Geißenklösterle in derselben, etwa 35 000 Jahre alten Fundschicht die Fragmente zweier ähnlicher Flöten, die aus den Speichenknochen (dem sogenannten Radius) von Schwänen gearbeitet waren. Anhand von Rekonstruktionen konnte der Archäomusik-Experte Friedrich Seeberger zeigen, daß man darauf tatsächlich musizieren kann.
Daß man im Aurignacien melodisch musizierte, war also klar. Unklar war dagegen, welchen Stellenwert die Musik seinerzeit hatte. Die neu identifizierte Flöte spricht hier eine aufregend deutliche Sprache: Musik spielte keine untergordnete Rolle, sondern muß eine ähnliche - womöglich auch sakrale - Bedeutung gehabt haben wie die bildende Kunst.
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