Flöte aktuell 1.2005 (II)
Das klangliche Potenzial unserer Ohren
Die Tomatis-Methode und Aktive Sitzungen für Flötisten - Teil 1
Text: Florian Hasel
Fotos: Claudia Kupfer
"Meine erste Aktive Sitzung mit der Flöte war überwältigend! Vieles, worum ich mich jahrelang bemühte und bei dem ich immer nur in kleinen Schritten vorwärts kam, passierte, während ich an das ,Elektronische Ohr' angeschlossen war, in Sekunden."
Damit beginnt Prof. Gunhild Ott, Soloflötistin des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg und als Professorin für Flöte tätig an der Folkwanghochschule in Essen, über die Tomatis-Methode zu berichten. Vor Jahren kam sie als Mutter von zwei Kindern mit der Tomatis-Methode als beeindruckende Entwicklungstherapie für Kinder in Berührung. Welchen Nutzen sie als Musikerin aus dieser einzigartigen Hörtherapie ziehen kann, wurde ihr erst in der intensiven Zusammenarbeit mit dem Tomatis-Institut Freiburg und deren Leiterin Kirsten Klopsch bewußt.
Was ist die Tomatis-Methode? Kirsten Klopsch erklärt es kurz: "Die Tomatis-Methode ist ein sehr intensives Hörtraining. Es wurde in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts von dem französischen Hals-Nasen-Ohren-Arzt und Phoniater, Prof. Alfred Tomatis, entwickelt und richtet sich an alle Menschen, die eine gestörte Hörwahrnehmung haben und/oder deren Hörwahrnehmung auf Grund ihrer beruflichen Anforderungen optimiert werden sollte."
Letzteres betrifft vordergründig Musiker. Auch sind Musiker immer häufiger wegen der hohen Lärmbelastung im musikalischen Umfeld in ihrer Hörwahrnehmung durch Tinnitus, Hörsturz und frühzeitig beginnende Schwerhörigkeit eingeschränkt. Als Oboistin und langjährige Orchestermusikerin hat Kirsten Klopsch diese Problematik vielfach an ihren Kollegen beobachten müssen.
Das Tomatis-Hörtraining beinhaltet zu Beginn zwei passive Hörkurblöcke, in denen der Tomatis-Therapeut das Hörvermögen des Musikers optimiert und beginnende Hörschwächen ausgleichen kann. Dies passiert mit individuell bearbeiteter Musik, vor allen Dingen frühen Werken von Mozart, und über Kopfhörer, die die Luft- und Knochenleitung gleichzeitig beschallen. Die Musik wird durch das "Elektronische Ohr", ein von Prof. Tomatis für das Hörtraining speziell entwickeltes Gerät, bearbeitet. Mit Hilfe dieses Geräts und der speziellen Kopfhörer wird in der Zeit der Hörkur Mittel- und Innenohr stimuliert und optimal aufeinander eingespielt. Außerdem wird die Analyseleistung des Gehörs in Bezug auf die Obertöne extrem stark trainiert, was zu einer Sicherheit in der Intonation und im Finden von Klangfarben führt.
Prof. Gunhild Ott beschreibt die Hörkur: "Zu Beginn des ersten Teils der Hörkur musste ich mich erst einmal an diese neue Art des Hörens gewöhnen. Nach vier bis fünf Tagen fühlte ich mich konzentrierter, die neuen Höreindrücke stabilisierten und integrierten sich.
In der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Hörkurteil spürte ich beim Spiel im Orchester mehr Stabilität und damit einhergehend mehr Selbstbewusstsein. Auch im täglichen Leben habe ich bemerkt, daß ich schneller reagieren kann. Das Ganze ging mit einer angenehmen Gleichgewichtsregulation einher."
Im Innenohr liegen die Cochlea und das Vestibulum. Die Cochlea, die Innenohrschnecke, verarbeitet alle Frequenzen bis zu einer Tonhöhe von über 20 000 Hz und gibt diese Informationen als elektrochemische Impulse an das Gehirn weiter. Das Vestibulum ist unser Gleichgewichtsorgan, das durch tiefe Frequenzen stimuliert und reguliert werden kann. Am Vestibulum hängt jeder Muskel unseres Körpers, da es unsere Aufrichtung und Bewegung im Raum verarbeitet und organisiert. Durch die Hörkur und insbesondere durch die Aktiven Sitzungen erfährt der Musiker eine Regulation des Muskeltonus und erhält dadurch ein optimiertes Körperschema.
» weiter zum 2. Teil des Artikels