Flöte aktuell 1.2008 (3/3)
Was ist schlimmer als eine Flöte?...
Zur Geschichte des QuerflötenensemblesElisabeth Weinzierl und Edmund Wächter
Teil 3
Mit vorwiegend pädagogischer Zielsetzung entstanden nach amerikanischem Vorbild Flötenensembles in Musikschulen – je nach Budget auch mit Alt- und Bassflöten. Das überregional bekannte Braunschweiger Musikschulensemble Flautissimo beeindruckte beim Eröffnungskonzert des European Flute Festival 1999 in Frankfurt unter seinem Leiter Hans Martin Zill, der unerwartet im vergangenen Oktober verstarb. In Holland wurde das Fluitorkest ’de Wâldsang’ sehr bekannt. Jelle Hogenhuis gründete dieses Musikschulensemble 1987 und leitete es 20 Jahre bis zu seinem Ruhestand. Er arrangierte und komponierte für seine Schüler zahlreiche Stücke, die teilweise veröffentlicht sind. Zudem konstruiert er selbst preiswerte tiefe Flöten, die auch bei professionellen Ensembles eingesetzt werden – Kontrabass- und Subkontrabassflöten aus PVC.
Fluitorkest ’de Wâldsang’ mit Jean-Louis Baumadier, Piccolo. Rechts: Subkontrabassflöte aus PVCDas Spiel in kleinen Flötengruppen – Trios und Quartette - wird in Musikschulen ebenfalls seit vielen Jahren gepflegt. Einerseits als Folge des Gruppenunterrichts, andererseits für bestimmte Anlässe: Schülerkonzerte, Wettbewerbe... Das Repertoire reicht von historischen Originalwerken über zahlenmäßig unüberblickbare Arrangements bis zu Neukompositionen, die sich dem methodischen Bedarf anpassen.
Einige Komponistennamen müssen stellvertretend genügen:
Hans-Günther Allers, Jan van Beekum, Josef Bönisch, Gilles Gagnard, Paul Cadow, Franco Cesarini, Seftom Cotton, Enzo Gieco, Friedgund Götsche-Niessner, Terence Greaves, Raymond Guiot, Thomas Hamori, Alexander Hanselmann, Paul harris, Manfred Hilger, Jirí Hidec, Claude-Henry Joubert, Hans Keuning, Christoph Kirschbaum, Peter Kütt, Béla Lajos, Frank Michael, Pierre Paubon, Rainer Petzolt, James Rae, Alain Ridout, Philippe Rougeron, Alexandre Rydin, Willy Schneider, Bernard Schulé, Leslie Searle, Pip van Steen, Fried Walter, Camillo Wanausek, Ferdinand Weiss, László Zempléni, Krysztof Zgraja... Größer besetzte Ensemblestücke stammen von Keith Amos, François Bru, Jelle Hogenhuis, Wil Offermans... Ein Event besonderer Art: Il cerchio tagliato die suoni für 4 Soloflöten und 100 wandernde Flöten (1997) von Salvatore Sciarrino (geb. 1947), erlebt u.a. 2005 auf der 1. Werkstatt für Flötenpädagogik in Würzburg der DGfF.
Flötenbearbeitungen von klassischer Musik, Liedern oder Folklore entstehen meistens aus der unmittelbaren Arbeit mit Schülerensembles. Veröffentlicht sind sie in Einzelausgaben, Sammelbänden, Flötenschulen und Ergänzungsbänden zu Flötenschulen. Auf einige Bearbeiter stößt man immer wieder:
Sally Adams, Guy du Cheyront de Beaumont, Jan van Beekum, Howard A. Cohen, Colin Cowles, Henner Eppel, Doris Geller, Barbara Gisler-Hase, Klaus Holle, Wolfgang Kossack, Joachim Linckelmann, Frank Michael, Paul Morgan, Mike Mower, Richard Müller-Dombois, Elisabeth Weinzierl/ Edmund Wächter, Hanns Wurz, Trevor Wye...
Methodisch aufgearbeitet wird das Ensemblespiel mit entsprechenden Gruppenübungen:
Peter Thalheimer, in: Aspekte zur Holzbläsermethodik (1992)
Elisabeth Weinzierl und Edmund Wächter, in: Lern Querflöte spielen in der Gruppe Bd. 1 (1995)
Amy Rice-Young: The Flute Choir Warm-Up Book (1997)
Adah Toland Mosello: The Flute Choir Method Book (1997).
Etudes for Flute Ensemble (Muramatsu)
Das Quartett-Spiel unter professionellen Flötisten hat Tradition in Paris. An das Quartett um Walckiers im 19. Jahrhundert sei erinnert. Von Louis Fleury (1878-1926) ist das Quartettspiel fotografisch dokumentiert. 1939 schrieb Alexander Tcherepnin (1899-1977) Trio op. 59 und Quartett op. 60, während er in Paris lebte und Kontakt zu dem vielseitig kammermusikalisch tätigen Flötisten Lucien Lavaillotte hatte. Marc Berthomieu (1906-1991) widmete 1941 seine Arcadie dem Quatuor de Flûtes de Paris, das unter seinem Leiter André Prieur (1921-2005) bestand, bis dieser als Flötist und Dirigent 1950 nach Dublin ging (wir kennen Galways Mozarteinspielungen unter seiner Leitung). 1945 gründete Roger Bourdin (1923-1976) das legendäre Quatuor de flûtes Roger Bourdin mit Pol Mule, Eugène Masson und Jean-Pierre Rampal als Mitspieler, die bald darauf durch Robert Hériché, Léon Gamme und Jacques Royer ersetzt wurden. Der lichte Klang und die elegante Virtuosität des Quartetts ist in einigen Aufnahmen erhalten und mag anregend auf viele weitere Ensembles in Frankreich und darüber hinaus gewirkt und Komponisten inspiriert haben.
„Pariser“ Quartette und Trios (Auswahl):
Marc Berthomieu: die erwähnte Arcadie, Chats für 3 Flöten und Altflöte (1969), Suite éolienne (1983) und einige weitere Quartette und Trios
Eugène Bozza (1905-1991): Jour d’été à la montagne (1953) 2 Esquisses (1969), 3 Pièces en ut (1978)
Athmosphères 4 Flöten und Orchester (1968)
Jacques Castérède (geb.1926): Flûtes en vacances (1962) für 3 oder 4 Flöten
Jean-Michel Damase (geb. 1928): Quatuor (1988), Suite pastorale für 3 Flöten (1988)
Yvonne Desportes: (1907-1994) Suite Italienne (1950)
Pierre Max Dubois (1930-1995): Quatuor (1961)
Raphaël Fumet (1898-1979): Trio (1956), Quatuor
Faustin Jeanjean (1900-1979): Ski-Symphonie
Raymond Loucheur (1899-1979): Divertissement sur les Flûtes (1975) (auch Piccoli, Alt- und Bassflöten)
Paule Maurice (1910-1967): Suite pour quatuor de flûtes (1967 ?)
Pierre Paubon (1910-1995): Quatuor (1968), Quatre Aspects Féminins (1976), Pour quatre flûtes (1993 auch Piccolo und Altflöte) und einige weitere Quartette und Trios
Florent Schmitt (1870-1958): Quatour de flûtes op. 106 (1944)
Yoshihita Taïra (1938-2005): Fu Mon (1978)
Henri Tomasi (1901-1971): Trois Pastorales für 3 Flöten (1964)
Bernard Wystraete (geb1943): Quatuor (1983), Trio (1984)
Diese Werke sind aus dem Repertoire eines Flötenquartetts nicht mehr wegzudenken. In vielen Fällen sind sie auch von Amateuren und fortgeschrittenen Schülern zu bewältigen.
v.l.n.r. Aurèle Nicolet, János Bálint, Jean-Claude Gérard, Felix Renggli in YokohamaIn England gibt es eine ähnliche Kultur des Klassenmusizierens wie in Amerika und an den Schulen entsprechende Flute Choirs mit eigenem Repertoire. Über die Insel hinaus machte sich Itchy Fingers als Saxofon-/ Flötenquartett einen Namen. Crossover - Kompositionen des Leaders für verschiedene Flötenbesetzungen sind veröffentlicht. Als Wye’s Men (und als Ableger Bamboozle) tourte in den 80er und 90er Jahren ein Quartett/ Quintett aus dem Schülerkreis von Trevor Wye, das durch perfektes Spiel verbunden mit visuellen Anleihen aus der Unterhaltungsbranche und witzigen Arrangements von Trevor Wye und anderen neue Wege aufzeigte.
Dem vergleichbar feiert das V.I.F.-Flötenquartett (very important flutists) aus Düsseldorf mit frischer Performance und dem Motto „von Renaissance bis Avantgarde“ Erfolge bis zum Gewinn des Echo Klassik 1997. Jürg Baur (geb.1918) komponierte 1992 für das Ensemble seine Petite Suite und Albumblatt, Heike Beckmann (geb. 1959) jazz-beeinflusst Uptime (1990), Four People (1992) und Levada (1999) und Oskar Gottlieb Blarr (geb. 1934) Arba’a challilim (1990). Der Startschuss für die Karriere von V.I.V. fiel 1989 mit einem Preis beim Kuhlau-Wettbewerb in Uelzen. Dieser Wettbewerb ist wohl der einzige regelmäßig stattfindende Wettbewerb für professionelle Flötisten, der seit 1980 unter anderem die Kategorie Flötentrio bzw. -quartett ausschreibt: Für viele junge FlötistInnen ein Anreiz, sich zum Ensemble zu formieren. Ohne Berührungsängste verbindet auch das junge Quartett VerQuer Klassik, Latin, Jazz und Show.
Kurt Hessenberg (1908-1994) schrieb 1976 sein Quartettino op. 99 zur Gründung des Frankfurter Bozza-Quartetts. Diese Formation kann als das erste regelmäßig konzertierende Flötenquartett in Deutschland gelten. Im Laufe seines rund zwanzigjährigen Bestehens brachte das Bozza-Quartett die klassische Quartett-Literatur, eigene Arrangements sowie zahlreiche gewidmete Werke auf die Bühne, darunter Ritual (1982) von Gerhard Müller-Hornbach (geb. 1951). Die Mitglieder Ruth Wentorf und Henner Eppel sowie zeitweise Rüdiger Jacobsen, Thadeus Watson und andere sind auch eng mit Gründung und Leitung der Deutschen Gesellschaft für Flöte e.V. verbunden.
Seit 1978 existiert das Sanssouci-Quartett Freiburg unter seinem Spiritus Rector Frank Michael (geb. 1943). Neben dem klassischen Repertoire ist zeitgenössische Musik der Schwerpunkt des Quartetts, das in 30 Jahren ein gewaltiges Œuvre zur Uraufführung brachte, darunter viele Werke von Frank Michael selbst: Quartetto sereno op. 53 (1981), Due Canzoni Op. 65,1 (1987) und für drei Flöten: Tre Capricci op. 65,2, (1987), Dumka op. 69 (1991) u.a.
Das japanische Albireo Querflötenquartett besteht seit 1980 und ist, seit die Mitglieder in Europa ihr Aufbaustudium absolvierten, auch in Deutschland zu hören. Seine CD-Produktionen repräsentieren einen Großteil des bekannten Repertoires. Vorwiegend aber nicht ausschließlich der zeitgenössischen Musik für drei Flöten widmet sich seit 1992 das TRIO SOLI SONO mit Natalie Becker, Johanna Daske und Olaf Futyma.
Weitere Quartette und Trios formieren sich in Flötenklassen an Ausbildungsinstituten, unter Kollegen von Orchestern oder an Musikschulen... Viele existieren über einen langen Zeitraum. Zu nennen wäre Halil, Österreich (mit Erwin Klambauer), das Berner Flötenquartett, Trio d’Argent, Paris, European Flute Trio, Frankreich/ Italien (mit Maxence Larrieu)...
Eine Auswahl weiterer zeitgenössischer Werke für Flötentrio:
Harald Genzmer (geb.1909): Trio (1990)
Etsuki Hori (geb. 1943): Two Movements for Three Flutes (1980)
Alan Hovhaness (1911-2000) The Spirit of Ink op. 230 (1968)
Klaus Huber (geb.1924): Oiseaux d’Argent (1977) für 1, 2 oder 3 Flöten
Gordon Jacob (1895-1984): Introduction und Fuge (1983) für Piccolo, Flöte und Altflöte
Erhard Karkoschka (geb.1923): Im Dreieck (1975)
Rudolf Kelterborn (geb.1931): Terzett (1982)
Dietrich Manicke (geb.1923): Richard Strauss – Metamorphosen (1988)
Vivienne Olive (geb.1950): out of context (1973)
Reinhard Pfundt (geb. 1951): Suite (1976) auch Piccolo und Altflöte
Willy Schneider(1907-1983): Suite capricieuse (1966)
Patrice Sciortino (geb. 1922): XYZ (1990) für Piccolo, Flöte und Altflöte
Ulrich Stranz (1954-2004): Varioloc (1968)
Takehito Shimazu (geb.1949): Evolution (1977)
Karl Heinz Wahren (geb.1933): Permutation (1986), Scherzando, Ritmico e Fugato (1986)
Für Quartett:
Heinz Benker (1921-2000) Insekten-Ballett (1986) (auch Piccoli und Altflöte)
Jean-Yves Bosseur (geb.1947): l’accent et l’écart (1982)
Oldřich Flosmann (1925-1998): 3 Präludien und Fugen (1996)
Harald Genzmer (geb.1909): Quartett (1988)
Sofia Gubaidulina (geb. 1931): Quartett (1977) (auch Altflöten)
Heinrich Keller (geb. 1940): Puzzle (1973)
Aubert Lemeland (geb. 1932): Etat d’Horizon 2 „L’Eté“ op. 31 (1975)
Theo Loevendie (geb. 1930): Two Pieces on Canon by Guillaume de Machaut (1993) für 3 Flöten und Altflöte
Tilo Medek (1940-2006): Quartett-Flötenuhr (1984)
Roupen Shakarian (geb. 1950): Flute Quartet (1978)
Manfred Trojahn (geb. 1949): Epitaphe (1986)
Isang Yun (1917-1905): Quartett (1986) (auch Piccoli, Alt- und Bassflöten)
Weiterführende Literatur: Peter Thalheimer: Aspekte zur Holzbläsermethodik, Trossingen 1992
Joachim Kremer: Das Flötenensemble und der Flötenchor: in Handbuch Querflöte, Hg. Gabriele Busch-Salmen und Adelheid Krause-Pichler, Kassel 1999
Bernard Pierreuse, Le grand répertoire de la flûte (Auflage 2005, CD ROM)
1Johann Joachim Quantz: Vorwort zu Sei duetti a due flauti traversi (1759)
2Rüdiger Jacobsen: Das Land der Flöte: Flutebands in Nordirland, in: Flöte aktuell 4/1991
3Johann Mattheson: Der vollkommene Capellmeister (1739)
4vergl. Joachim Kremer: Satzstruktur und Klangfülle. Das Quartett für vier Flöten im ausgehenden 18. Jahrhundert, in: Kongressbericht Abony/ Ungarn 1994, Hg. Wolfgang Suppan, Tutzing 1996
5Bernard Pierreuse: Le grand répertoire de la flûte, Auflage 2005 (CD ROM)
6Leopold von Sonnleithner: Musikalische Skizzen aus Alt-Wien; Hg. O. E. Deutsch, in: Österreichische Musikzeitschrift, 16. Jahrgang 1961, S. 154 ff.
7vergl. Joachim Kremer: Zwischen Kontrapunkt und Trinklied: Simon Sechters Kompositionen für vier Flöten, in: Flöte aktuell 3/1997
8vergl. Peter Thalheimer: Die Wiener Tradition des Flauto d’amore, in: Scripta Artium Nr. 1, Leipzig 1999
9Elisabeth Weinzierl, Edmund Wächter: Beethoven? Call, Köhler, in: Flöte aktuell 1/1999
10Theobald Böhm: Die Flöte und das Flötenspiel (1871)
11Nancy Toff: The Flute Book (2. Auflage 1996)
12siehe auch: Leonardo de Lorenzo: My complete Story of the Flute (1951)
Erschienen in: Flöte aktuell 1/2008, Seite ?


