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Flöte aktuell 1.2008 (2/3)

Was ist schlimmer als eine Flöte?...

Zur Geschichte des Querflötenensembles

Elisabeth Weinzierl und Edmund Wächter

Teil 2

In Stockholm befindet sich eine anonyme Handschrift um 1800 mit elf Arrangements für 4 Flöten – typisch für Liebhaber: (damals) bekannte Werke für den Bedarf zu bearbeiten. Vorlagen von Georg Friedrich Händel, Joseph Martin Kraus und Johann Gottlieb Naumann konnten identifiziert werden. Eingefügt ist ein achttaktiger musikalischer Spaß, der sich wunderbar auch als Übung für das Zusammenspiel hinsichtlich Klang, Artikulation und Dynamik eignet:

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Auch Übertragungen geeigneter Literatur waren üblich: 3 Divertimenti für 3 Flöten von Joseph Haydn gehen vermutlich auf verschollene Baryton-Trios zurück, zwei davon sind auch als Abschrift für Streichtrio überliefert, das dritte nur in der Flötenfassung. Ähnlich liegt die Quellenlage bei Mozarts V Pièces pour Trois Flûtes (1806). Nr. 1 bis 4 sind Umarbeitungen von Bassetthorntrios, Nr. 5 ist im ersten Teil unbekannter Herkunft (Mozart?) im zweiten Teil ein Arrangement des Duetts „Se a caso madama la notte ti chiama“ (Figaro). Von Beethovens Trio op. 87 für 2 Oboen und Englischhorn sind mehrere Fassungen für drei Flöten aus dieser Epoche überliefert. In dieser Art entstehen auch in heutiger Zeit noch unzählige Arrangements klassischer Werke vor allem für Unterrichtszwecke. Besonders bieten sich dafür auch die zahlreichen Stücke für mechanische Instrumente an (Flötenuhren, Orgelwalzen...), die sich quasi als klassische Originalwerke übertragen lassen.

Der Bedarf an Literatur für mehrere Flöten war groß, in erster Linie für den häuslichen Gebrauch und zu Unterrichtszwecken. Dies bestätigen auch einige Rezensionen in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung, zum Beispiel von op. 65 (eines von 9 Trios) des Coburger Hofflötisten und Kapellmeisters Kaspar Kummer (Oktober 1831): „Ein unterhaltendes, nicht schweres, aber doch alle drey Instrumente wohl beschäftigendes Trio, das besonders zur Uebung schon etwas vorwärts gekommener Schüler sowohl zum Nutzen als zum Vergnügen Lehrern und Lernenden zu empfehlen ist.“ Und zu seinem Trio op. 72 (Januar 1833).: „...dem Vergnügen und dem Nutzen für Liebhaber gleich günstig.“ Skeptisch begegnet dagegen die AMZ höheren Ansprüchen eines Flötenensembles. Zu Johann Wilhelm Gabrielskys Grand Trios op. 33 und 34 (rund 30 Trios und 3 Quartette für Flöten sind von dem Berliner Flötisten verzeichnet) wird bemerkt (Februar 1820): „Es ist wohl sonderbar, grosse Trios für drey Flöten – für dies Instrument, das nach der Tiefe hin so engbegränzt ist – zu schreiben; als wenn man etwas Bedeutendes blos mit lichten Farben malen wollte. Indessen, wer etwas Gutes zu sagen hat, kann es wohl auch einmal in enger und unbequemer Form, wenn gleich nicht so vollständig und frey, wie sonst; es wird auch nicht eben selten der Fall, dass drey Bekannte mit ihren Flöten zusammen zu treten Lust haben – welchen man ja entgegenkommen kann; und endlich, da jetzt bey Orchestermusik die Flöte – besonders wo man nur Eine anwendet – fast nur in der Höhe benutzt, damit aber der Spieler genöthigt wird, diese ganz vorzüglich auszubilden; im Trio hingegen man gezwungen ist, von der Tiefe häufigen Gebrauch zu machen: so kann, dies zu üben, von dieser Seite auch für die Praxis von gutem Nutzen seyn.“ Also doch wieder nur zum Üben und zur Unterhaltung! Aber immerhin: „Hr. G. hat nun in diesen beyden Trios wirklich etwas Gutes zu sagen gehabt.“ Friedrich Kuhlau (1786-1832), der 1829 seine letzte Auslandsreise von Kopenhagen aus antrat, traf in Berlin Gabrielsky und widmet diesem sein Quartett für 4 Flöten E-Dur op. 103. Gabrielsky war sehr erstaunt, dass Kuhlau selbst kein Flötist sei, bei diesem umfangreichen Flöten-Oeuvre, zu dem auch 7 Trios für drei Flöten zählen. Vom Quartett ist übrigens eine Aufführung in St. Petersburg zu Ehren Clara Schumanns bekannt, bei der Tschaikowsky, der dort 2. Flötist im Orchester war, mitwirkte.

Es gab also auch professionelles Musizieren im Flötenensemble. In England gründete der damals bekannte Flötist James Mathews 1856 die Birmingham Flute Trio and Quartet Society, deren Präsident der königliche Hofflötist Joseph Richardson – Schüler von Charles Nicholson und dessen Nachfolger als Professor an der Musikakademie in London – war. Die Gesellschaft legte eine umfangreiche Flötenbibliothek an, in der sich auch ein Quartett für 4 Flöten von Antonio (Carlo?) Minasi befindet, das der Gesellschaft gewidmet ist. Richardsons Nachfolger als Professor an der Musikakademie war John Clinton (1810-1864), der in England die erste Schule für Böhmflöte schrieb. Er komponierte und arrangierte einiges für drei Flöten und gab bei Wessel & Co in London die Collection of Quartets for four flutes heraus, darunter neben einem eigenen Werk teils als Erstveröffentlichungen Quartette von Friedrich Kuhlau, Anton Reicha, Anton Bernhard Fürstenau, Eugène Walckiers, Luigi Gianella (1778-1817) sowie von Georg Abraham Schneider (1770-1839), der in Berlin die musikalischen Divertissements und die Musikalische Übungsakademie zur Bildung der Liebhaber ins Leben rief. Diese Zusammenarbeit von Laien und Profis spürt man auch in seinen Werken für 3 und 4 Flöten: Anspruchsvoll in Satz und Form, aber unterhaltend und spielfreudig in der Ausführung. Wie groß der Bedarf an Musik für Flötenensemble gerade in England war, zeigen auch die Bearbeitungen ganzer Symphonien für 3 Flöten von Beethoven (nicht auffindbar) und Mozart (KV 543) von dem Flötisten und Flötenbauer (Carte-System) Richard Carte (1808-1891), die heute doch etwas dürftig wirken, damals von der Kritik aber wärmstens empfohlen wurden.

In Paris trafen sich Mitte des 19 Jahrhunderts regelmäßig Flötisten zum Quartett, deren Namen für sich sprechen: Jean Firmin Brossa, Johannes Donjon, Paul Taffanel und Eugène Walckiers. Die 3 Quartette und 7 Trios von Walckiers könnten für diese Anlässe entstanden sein. Sie sind meisterlich komponiert und von instrumentengerechter Virtuosität. Kein Wunder, schließlich befindet sich Walckiers als Kompositionsschüler von Anton Reicha am Pariser Conservatoire in bester Gesellschaft mit Berlioz, Gounod oder Franck. Reicha spielte selbst Flöte und schrieb wohl die bedeutendste Bläserkammermusik seiner Epoche. Die Werke für drei (op. 26) und vier Flöten (op. 12 = 27, 18 und 19) entstanden wahrscheinlich während seiner Hamburger Zeit zwischen 1895 und 1898. Op. 12 ist nachträglich Jean-Louis Tulou (1786-1865) gewidmet, dem langjährigen Flötenprofessor des Pariser Conservatoires. Dieser hat seinerseits Virtuoses zum Repertoire für 3 Flöten beigetragen, ebenso wie sein ehemaliger Kommilitone Benoît Tranquille Berbiguier (1782-1835), von dessen über 20 Flötentrios nur wenige wiederveröffentlicht sind.

Italien war offenbar auch Mitte des 19. Jahrhunderts noch kein Pflaster für Flötenensembles. Zwar sind aus dieser Zeit einzelne Trios und Quartette von Saverio Mercadante (1795-1870), Giuseppe Rabboni (1800-1856), Giulio Briccialdi (1818-1881) und Vicenzo de Michelis (1825-1891) bekannt, ob sie aber für den unmittelbaren Gebrauch komponiert sind oder um den Bedarf in französischen, deutschen und englischen Flötenkreisen zu decken, ist nicht nachzuweisen. Zumindest fanden diese Komponisten/ Flötisten im Ausland hohe Reputation. Der deutsch-italienische Flötist Ernesto Köhler 1849-1907) überflutete von seiner Wirkungsstätte St. Petersburg aus den deutschen und europäischen Markt mit lusterweckenden Übungs- und Spielstücken, darunter sein Großes Quartett für 4 Flöten op. 92. Russische Originalwerke für Flöte gibt es zu dieser Zeit kaum und so nimmt sich der Quartettsatz G-Dur für 4 Flöten von Alexander Alexandrowitsch Aljabjew (1787-1851) als Exotikum aus.

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts verstummt das Flötenensemble und kaum neue Werke werden geschrieben. Flötenensemblemusik im Geist der Spätromantik stammt aus dem 1. Drittel des 20. Jahrhunderts: Das Grand Trio op. 14 des tschechischen Dirigenten und Komponisten František Neuman (1874-1927, oder Carl Rohrichs (1869-1941) Burleske op. 64 für 3 Flöten und Klavier von 1922 sowie die Quartette Paraphrasen über ein eigenes Thema op. 184 (1925) von Emil Kronke (1865-1938) und Visons de Corse op. 54 (1937, auch Piccolo) von Joseph Lauber (1864-1952).

Theobald Böhm und das 20. Jahrhundert

Verglichen mit Violinen beispielsweise ist der Tonumfang der Flöte begrenzt, was gerade für die Komposition für gleiche Flöten problematisch wird. Flötenbauer wie Koch und Ziegler in Wien oder Grassi und Orsi in Italien begegneten dem mit einer Verlängerung des Fußes. Dies nützt beispielweise Rabboni in seinem Quartett bis a0. Der Münchner Flötist und geniale Flötenbauer Theobald Böhm hatte eine andere Idee: „Dem längst gefühlten Bedürfniss tiefer, kräftiger und zugleich sonorer Flötentöne, konnte weder durch die ehemalige „Flûte-d’Amour“ noch durch die an der C-Flöte angebrachten Verlängerungen des Fusses genügend abgeholfen werden indem die hierdurch erlangten Töne schwach und unsicher, und ihre Verbindungen schwierig oder gar nicht ausführbar sind. Es musste in der Familie der Flöten ein ganz neues Instrument in tieferer Stimmung geschaffen werden, gleich dem Bassethorn und dem englischen Horn.“10 Böhm baute 1858 die erste Altflöte in G und schrieb einige Arrangements, um sein neues Instrument zur Geltung zu bringen, auch für 3 Flöten: Beethovens Trio op. 87 für 2 Flöten und Altflöte (verschollen, für die Gesamtausgabe der Werke Theobald Böhms (i.V.) rekonstruiert) sowie ein Cantabile von Vogler für zwei Flöten und Altflöte oder Flöte und zwei Altflöten nach Nr. 2 der 32 Préludes pour l’orgue von Abbé Vogler (1806).

Vorerst bleibt die Erfindung der Altflöte ohne große Folgen. Weder Dorus (Professeur am Pariser Conservatoire), dem Böhm eine Altflöte sowie Noten dafür geschickt hat, noch der Verleger Schott, dem Böhm die Veröffentlichung der Altflötenarrangements dringendst ans Herz gelegt hat, zeigten eine Reaktion. Dennoch, der neue Weg zu tiefen Flöten war gewiesen und die Vision einer neuen Klangfülle des Flötenensembles deutet Böhm in einem Brief an seinen Schüler Moritz Fürstenau 1868 an: „Die Trios von Kuhlau lauten viel besser, wenn die 3te Stimme mit der g. F[löte] geblasen wird.“

1900 waren in Paris 4 Bassflöten in C ausgestellt, über die allerdings der amerikanische Hobby-Flötist und Flöten-Sammler Dayton C. Miller notiert: „none of these flutes was practicable for musical performance.“11 Um 1910 lässt Abelardo Albisi (1872-1939), Soloflötist der Mailänder Scala, eine Bassflöte bauen. Gelegentlich lassen sich er und andere Flötisten wie Ary van Leeuwen auf diesem „Albisiphon“ solistisch hören. Seine beiden Miniature Suiten sind allerdings für drei „normale“ Flöten geschrieben. 1924 komponiert Charles Koechlin (1867-1951) das erste Ensemblestück mit der Böhmschen Altflöte: Trois Divertissements für 2 Flöten und Altflöte in G. Allerdings gibt es eine gewisse Unsicherheit in der Benennung dieses noch ungewöhnlichen Instruments: Flûte basse im Titel Flûte grave, en Sol in der Stimme.

1923 kam der italienische Flötist Leonardo de Lorenzo (1875-1962) als Professor nach Rochester an die Eastman School of Music. Er beantragte eine Altflöte, die ihm sogleich genehmigt wurde. Um 1930 kam eine Bassflöte in C dazu und zur selben Zeit konnte Leonardo de Lorenzo das Flötenensemble in den Lehrplan integrieren. Diese Saat fiel auf fruchtbaren Boden, denn bereits vor der Jahrhundertwende wurden in den USA die ersten Flute Clubs gegründet – Flötespielen wurde zunehmend populär in den USA. Es wäre zu untersuchen, welche Rolle hierbei die Tradition der Flute Bands durch die irischen Einwanderer spielte.

[fa/fa2008-1_bild7.jpg]Die Flötenklasse von Leonardo di Lorenzo, 1932. Vorne links und rechts Bass- und Altflöte.

Leonardo de Lorenzo schrieb selbst für Flötenensemble: I tre virtuosi op. 31 (3 Flöten), I Seguaci di Pan op. 32 (4 Flöten), Cappriccio Nr. 3 op. 82 (4 Flöten), Sinfonietta op. 75 (5 Flöten, auch Piccolo und Altflöte) und viele unveröffentlichte Stücke. Auch die Sonatina in the Old Style (3 Flöten) und Turkey in the Straw (3 Flöten und Altflöte) von Ary van Leeuwen (1875-1953) entstanden im Umkreis von Lorenzos Pionierarbeit. Eine Standardbesetzung für die amerikanischen Flute Choirs von Schulen oder Flute Clubs kristallisiert sich heraus: 4 Flöten (meist chorisch besetzt), bisweilen zusätzlich oder alternierend Piccoli, Alt- und Bassflöte (heute oft mehrfach besetzt, Bassflöte bisweilen auch ersetzt oder ergänzt durch Fagott, Violoncello und gestrichenen oder gezupften Kontrabass). Das Repertoire umfasst unzählige Arrangements populärer Klassik, Unterhaltungsmusik, Folklore, Swing und im Vergleich dazu nur wenige Originalkompositionen, auch wenn die Flötengesellschaften und Flute Clubs immer wieder Kompositionsaufträge erteilen. Als Arrangeure machten sich u.a.Bill Holcombe, Amy Rice-Young, Arthur Ephross, Shaul Ben-Meir sowie Nancy Nourse einen Namen.

Die erste Komposition für großes Flötenensemble schrieb Henry Brant (geb. 1913): Der New York Flute Club – 1920 von Georges Barrère gegründet und heute der am längsten bestehende amerikanische Flute Club – gab den Auftrag für das Jazz beeinflusste Angels and Devils. Bei der Uraufführung am 6.2.1932 spielte Barrère den Solopart begleitet von einem Flötenorchester, das in der endgültigen Fassung von 1956 die Besetzung 3 Piccoli, 5 Flöten und 2 Altflöten verlangt. Brant schrieb noch weitere Werke für großes Flötenensemble: Mass in gregorian chant for multiple flutes (1984) und Ghosts and Gargoyles (2001). Wie viele „Flötenkomponisten“ spielt Henry Brant selbst Flöte, ähnlich jüngeren amerikanischen KomponistInnen, die für Flötenensemble geschrieben haben: Katherine Hoover (geb. 1937), Cynthia Folio (geb. 1954) (sehr wirkungsvoll ihr Flötenquartett One for four, 1985), Jean Hasse (geb. 1958), die ihr aleatorisches Pulling for four or more flutes (1985) selbst mit Playback uraufführte, Gary Schocker (geb. 1959), Richard F. Hobson (Antiphonal music (1977) für 6 Flöten (auch Piccoli und 3 Altflöten)... Erweiterte Techniken verlangen Kompositionen von John Heiss (geb. 1938) ( Four movements for three flutes, 1969) und Robert Dick (geb. 1951) (Eyewitness für 4 Flöten, 1991). Harvey Sollbergers (geb. 1938) Grand Quatuor von 1962 ist Friedrich Kuhlau gewidmet und regte die in München lebende amerikanische Komponistin Gloria Coates (geb. 1938) an, für mehrere Flöten das Trio for three flutes (1966) zu schreiben. Darüber hinaus komponierte sie auch einige Stücke für großes Flötenensemble. Das „Masterpiece“ der minimal music für Flötenensemble schuf Steve Reich (geb. 1936) mit Vermont Counterpoint (1982): 3 Piccoli, 3 Flöten, 3 Altflöten sowie 1 Soloflöte und 1 „Tape Flute“, die aber auch live gespielt werden kann. Es ist der Mäzenin Betty Freeman gewidmet und wurde von Ransom Wilson alleine mit selbst produziertem Playback aufgenommen. Die Aufführung im Ensemble erfordert äußerste Konzentration: Die vielfach wiederholten Patterns sind exakt abgestimmt und wer rausfällt findet nie wieder rein... Leichter verwirklichen lässt sich der minimal music – Klassiker In C (1964) von Terry Riley (geb. 1935). Zwar ist dieses Stück ohne Besetzungsvorgabe, klingt aber mit Flötenensemble sehr wirkungsvoll. Nach ähnlichem Muster hat John Heiss (geb. 1938) Mosaics for Flute Choir (1986) komponiert. Erwähnenswert sind noch Monochrom I und V für 8 Flöten des P.D.Q.Bach-„Entdeckers“ Peter Schickele (geb.1935), der nicht nur ein erfolgreicher Komponist in allen Sparten ist, sondern auch mehrere Grammys als Comedian erhalten hat.12

Im Jazz konnte sich die Flöte nach 1950 etablieren. Flötenensembles sind allerdings selten, und wenn, dann nur für einmalige oder kurzfristige Projekte. Die Saxofonisten Frank Wess, Bobby Jasper, Sheldon Powell formierten sich 1958 mit ihrem „Nebeninstrument“ zu einem Flötentrio, um mit einer Rhythmusgruppe die LP Flutin’ the Bird aufzunehmen. 45 Jahre später machte Altmeister Frank Wess gemeinsam mit den Flötistinnen Holly Hofmann und Ali Ryerson vergleichbare Aufnahmen, die unter dem Titel Flutology auf CD erschienen sind. 1958 existierte für zwei Jahre ein Flötenquartett mit Rhythmusgruppe um den Saxofonisten und Flötisten Buddy Collette, zu dem Paul Horn, Bud Shank und Harry Klee gehörten. Diese Swinging Shepherds präsentieren auf zwei LPs raffinierte Arrangements, bei denen auch Es-, Alt- und Bassflöte zum Einsatz kommen. Die kanadische Flötistin Jane Bunnett organisierte mehrmals in Kuba mit einheimischen Musikern Jazz meets Cuba – Projekte. Ein schönes Dokument ist die CD Havana Flute Summit (1996) mit 4 FlötistInnen und Rhythmusgruppe. Am Bodensee ist das Quintett des australischen Jazzflötisten Charles Davis (geb. 1946) beheimatet: Four or more Flutes besteht seit 1990 und präsentiert sich inzwischen mit einer großen Flötenfamilie einschließlich Kontrabassflöte. Mit Yusef Lateef (geb, 1920), Lennie Niehaus (geb. 1929) und Bill Dobbins (geb. 1947) haben auch bekannte Jazzmusiker für mehrere Flöten komponiert.

Ein kontinuierlicher Trend, die Flötenfamilie in die Tiefe zu erweitern, lässt sich seit Böhms Altflöte und dem Albisiphon verfolgen. Dem Flötenensemble, dass unbestritten an Diskantlastigkeit leidet, konnte das nur willkommen sein. 1970 entwickelte der Wiener Flötist Thomas Pinschoff zusammen mit dem Flötenbauer Werner Wetzel eine Bassflöte in C mit G-Fuß. Das Pinschofon wird (wie das Albisiphon) senkrecht geblasen. Werner Wetzel baute ab 1973 die Flötenwerkstatt der Firma Hieber auf und war bekannt als Spezialist für Alt- und Bassflöten. Christian Jäger, ab 1981 sein Nachfolger als Werkstattleiter, experimentierte mit noch tieferen Flöten und konnte schon bald brauchbare Kontrabassflöten in G oder C und noch tiefere Instrumente anbieten. In Paris entwickelte zur gleichen Zeit Jaques Lefevre („Jack Leff“) eine Oktave unter der Bassflöte die „Flute Octobasse“. Angeregt durch diese Pionierleistungen perfektionierte in Japan die Firma Kotato & Fukushima die tiefen Flöten und baut sogar eine gut ansprechende Subkontrabassflöte in C. Hieber/ Jäger hat den Flötenbau eingestellt, dazugekommen ist die innovative holländische Flötenbauerin Eva Kingma, zu deren Sortiment auch Kontrabassflöten gehören.

Japan, ein Land mit einer großen Flötentradition, adaptierte mit der westlichen Kultur auch eine Vorliebe für die Böhmflöte. 1974 wurde das erste professionelle japanische Flötenensemble, die Tokyo Flute Ensemble Academy gegründet, das von Beginn an durch den Einsatz mehrerer Alt- und Bassflöten mit einem warmen, orchestralen Klang faszinierte. Für dieses Ensemble schrieb Ryohei Hirose (geb. 1930) mit Blue Train (1979) das „Hauptwerk“ der Gattung in der Besetzung 2 picc, 4 Flöten, 3 Alt-, und 2 Bassflöten, das auch chorisch besetzt werden kann. Sein Klanggemälde Marine City wurde 1980 in Tokyo von über 100 Spielern uraufgeführt. Weitere Kompositionen von Hirose (Papillon, 1980, Paramita and Kada 1980, Amagoi, 1988), sowie Arrangements klassischer Musik von Akira Aoki, Hiroshi Hari und anderen prägen den kultivierten den Klang japanischer Flötenorchester. 1982 integrierte die Tokyo Flute Ensemble Academy bereits eine Kontrabassflöte und inzwischen treten die zahlreichen japanischen Flötenensembles mit vielfach besetzten Bassgruppen (gelegentlich klanglich kontrastiert durch Harfe) auf, wie hier das JFA Flute Orchestra 1991:

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Bei Kursen und Flötenfestivals in Europa lassen prima vista Kostproben von spontanen Flötisten-Ansammlungen Möglichkeiten eines philharmonisch dimensionierten Flötenorchesters erahnen. Aber auch hierzulande formieren sich mehr und mehr professionelle Flötenensembles. Bereits 1971 gründete die italienische Flötistin, Dirigentin und Komponistin Marlaena Kessick (geb. 1935) ein Orchestra di Flauti mit 14 Flötisten, das über 300 Konzerte gab. Kessick selbst schrieb zahlreiche Kompositionen dafür. Solche Ensembles treffen meist projektweise zusammen, existieren aber oft über Jahrzehnte bis heute. Um Riccarda Bröhl formierten sich 1979 die Coelner Stadtpfeiffer, die untrennbar mit der Uraufführung der programmatischen Abfahrt einer Dampflokomotive für 6 Flöteninstrumente (1976) von Tilo Medek (1940-2006) verbunden sind. 1983 entstanden die Vienna Flautists aus dem Kreis damaliger Absolventen und Studenten (Stammbesetzung 9 Spieler). 1985 schlossen sich das Schweizer Flötistenehepaar Anne Utagawa und Dominique Hunziker mit 6 KollegInnen zu den Joueurs de Flûte zusammen.1988 gründeten PierreYves Artaud und Pierre Alain-Biget das Orchestre Français de Flûtes mit 30 und mehr Mitwirkenden. Aus der Arbeit mit StudentInnen von Elisabeth Weinzierl und Edmund Wächter entstand 1990 das zehnköpfige Münchner Flötenensemble. Auch die Flute Band ‚92 mit bis zu 13 Mitgliedern initiierte Peter Thalheimer im Rahmen seiner Lehr- und Kurstätigkeit. 1993 rief Jorge Caryevschi Het Nederlands Fluitorkest ins Leben, 1996 versammelte Andreas Blau erstmals die 14 Berliner Flötisten aus verschiedenen Orchestern... Alle diese Flötenensembles haben eine spezielle Besetzung und ein eigenes Instrumentarium. So erklärt sich das unterschiedliche Repertoire, das kaum kompatibel ist, neben Arrangements klassischer Werke Originalkompositionen beauftragter Komponisten umfasst und das auch von den Vorlieben und dem Geschmack der Leiter und Mitglieder zeugt. Das Repertoire ist weitgehend von den Ensembles auf CD dokumentiert.

András Adorján lud mehrmals Kollegen zu einer internationalen „Flötisten Gala“. Besonders nachhaltig wirkte seine Einladung im Mozart-Jahr 1991. Damalige Kompositionsaufträge gehören heute zum Repertoire: Wilfried Hiller (geb. 1941) Notenbüchlein für Tamino, Edison Denisov (1929-1996) Variations sur un thème de Mozart und Alfred Schnittke (1934-1998) Moz-Art à la Mozart. Das achtköpfige Uraufführungsensemble ist ein who is who: András Adorján, William Bennett, Michel Debost, Peter-Lukas Graf, Marianne Henkel, Wolfgang Schulz, Ransom Wilson, Trevor Wye.

Neben genannten Werken ist für große Besetzungen veröffentlicht (Auswahl):

Paul Angerer (geb. 1927): Il Promesso (1976) für 8 Flöten
Martin Bärenz (geb.1956): Oktett (1997) für 8 Flöten
Patrice Bocquillon (geb. 1945): Feuilles d’Album pour un nombre de flûtistes déterminé ou non (1983)
Thomas Christian David (1925-2006): Toccata (1985) für 2 Piccoli, 4 Flöten, 2 Alt- und Bassflöte
Helmut W. Erdmann (geb. 1947); Raumkomposition für acht Flöten (1969)
Jindřich Feld (geb. 1925): Cassation (1980) für 9 Flöten
Nicolas Gilbert (geb.1979): Vingt-Trois Aphorismes (2004) für 2 Piccoli, 5 Flöten und Bassflöte
Werner Heider (geb.1930): Edition (1969) für multiple Besetzung, auch Flötenensemble möglich
Peter Hoch (geb. 1937): Nocturne (1994) für 8 oder mehr Querflöten (auch Piccolo, Alt- und Bassflöte)
Donald Jenni (1937-2006) : Cherry Valley (1976) für 7 Flöten und 2 Altflöten (auch Bassflöte ad. lib.)
Patrice Mestral (geb. 1945): Intention III pour flûte solo et 8 ou 16 flûtes (1983)
Frank Michael (geb. 1943): Spiele op. 38 (1974) für Flöten
Akira Miyoshi (geb. 1933): Huit Poèmes pour Ensemble de Flûtes (1969) (auch Piccoli und Altflöten)
Christian Ofenbauer (geb.1961): 2 Stücke für 8 Flöten (1996) (auch Piccoli, Alt-, Bass-, Subbass- und Kontrabassflöten)
Wil Offermans (geb. 1957): Jungle Dance (1995) für 6 Flöten, 2 Bassflöten, Flaschen, Vogelpfeife, Koketan (1997) für 5 Flöten, Altflöte und 2 Bassflöten, Itsuki-no-Komori-uta (2000) für 8 Flöten auch Alt-,Bass-, und Kontrabssflöte ad.lib.)
Peter Ostendorf (geb. 1944): For Me, Metamorphosen in E für 8 Flöten (1978)
Hans Georg Pflügler (geb. 1944): Metamorph (1982) für Piccolo, 2 Flöten, Alt- und Bassflöte
Lucas van Regteren Altena (1924-2000): The entchanted isle (1960) für 8 Flöten
Helmut Schmiedinger (geb. 1969): ex tempore (1992) 6 Flöten (auch Alt-, Bass- und Kontrabassflöte)
Yoshihita Taïra (1938-2005): Erosion I (1980), Flautissimo (1988), Réminiscence (1998)
Fisher Tull (geb. 1934-1994): Cyclorama (1973) für 2 Piccoli,. 6 Flöten, 2 Alt- und Bassflöte
Gottfried Veit (geb. 1943): Capriccio (1988) für Piccolo, 7 Flöten und Altflöte
Martin Wendel (geb.1925): Pièce brève op. 18 (1964) für Piccolo, 4 Flöten und Altflöte Bernard Wystraete (geb.1947): Passeriforme für 7 Flöten (1992)
Zahlreiche weitere Ensemblestücke in verschiedenen Flötenbesetzungen sind in der japanischen Brain Ensembla Collection erschienen. Zudem sind Arrangements – oft von Mitgliedern der Flötenensembles – verlegt.

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aktualisiert am Samstag, 01. Mär. 2008 um 19:52:24 CET

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