Flöte aktuell 1.2008 (1/3)
Was ist schlimmer als eine Flöte?...
Zur Geschichte des QuerflötenensemblesElisabeth Weinzierl und Edmund Wächter
Die Antwort „zwei Flöten“ stammt sicher nicht von Mozart, dem sie oft in den Mund gelegt wird, sondern von Cherubini. Sie mag uns ärgern, trifft aber das Problem: Die Flöte, an sich schon etwas „langweilig“ mit ihrem schmalen Klangspektrum, bildet im Zusammenspiel mit anderen Flöten, besonders in der hohen Mittellage sehr deutliche Differenztöne aus, die für manche Hörer als solche bereits unangenehm klingen. Wenn dann noch Intonationsprobleme dazu kommen... Andererseits kann der Zusammenklang mehrerer Flöten eine Magie ausüben, die die kultischen Ursprünge erahnen lassen. Und zu pädagogischen Zwecken dient das gemeinsame Flötenspiel allemal, wie schon Quantz bemerkt: „Es bleibt also dabey, daß Duette, zur Erlernung der Musik die bequemsten und nützlichsten Stücke sind“ u.a. „wegen der Beförderung einer sicheren Intonation“.1
Vor- und Frühgeschichte des Querflötenensembles
Die ältesten Flötenfunde datieren aus der jüngeren Altsteinzeit. Dass allerdings zu Zeiten der Geißenklösterle-Flöte vor knapp 40 000 Jahren bereits gemeinsam geflötet wurde, lässt sich nicht nachweisen. Dennoch legen Relikte prähistorischer Kulturen den Schluss nahe, dass Flötenspiel im Ensemble eine sehr frühe musikalische Ausdrucksform darstellt. In Papua-Neuguinea beispielsweise gehören Flötenensembles (mit den „größten Flöten der Welt“ aus Bambus) zu Initiationsfeiern und anderen Kulthandlungen. Ein-Ton-Flöten-Orchester mit fünf oder mehr unterschiedlich gestimmten Flöten existieren noch in traditionellen Kulturen Süd- und Südwestafrikas. Jeder Spieler ist nur für einen Ton zuständig und im artifiziellen Zusammenspiel entstehen die hochkomplexen harmonischen und melodisch-rhythmischen Bezüge.
Im Bereich der Volksmusik finden wir Flötengruppen mit einer langen Tradition noch häufig im alemannischen Raum. Besonders als Kriegsinstrument war die einteilige „Schweitzerpfeiff“ bekannt. Sie wird heute durch spezielle Flötenformen wie dem zweiteiligen „Basler Piccolo“ mit 5 Klappen und „Ansatzhilfe“, das bei der „Basler Fasnacht“ zum Einsatz kommt, ersetzt. Häufig werden die Flöten mit Trommeln kombiniert, so auch im bayerisch-österreichisch-südtiroler Alpenraum. Hier kommt der traditionelle einteilige Schwegel mit sechs Grifflöchern zum Einsatz, heute bisweilen in größeren Gruppen, früher oft zweistimmig. Zwei Flöten und Trommeln sind auch charakteristisch für die bandas de pífaros auf der iberischen Halbinsel und in iberoamerikanischen Ländern.
Zwei Schwegelspieler mit Trommelbegleitung (um 1900)Groß besetzte Spielmannszüge sind aus der Militär- und Volksmusik hervorgegangen. Sie benützen einfache klappenlose Flöten, heute meist aus Metall, und pflegen ein Repertoire mit Märschen, Volksliedern und populären Stücken ähnlich nordirischen flute bands, die im 19. Jahrhundert aus Garnisonskapellen hervorgingen und als Vereine seit 1907 in der North of Ireland Band’s Assocation organisiert sind. Ursprünglich wurden Flöten in einfacher Ausführung verwendet, seit 1912 zunehmend Böhmflöten in verschiedenen Stimmlagen: Piccolo, kleine Flöten in G, Flöten, Alt- und Bassflöten, dazu Trommeln.2
In der europäischen Kunstmusik lässt sich ebenfalls eine lange Tradition für des gemeinsame Spiel auf mehreren Flöten nachweisen: Die Illustrationen zu den Cantigas de Santa Maria von Alfons dem Weisen in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts deuten auf die instrumentale Begleitung der 420 Marienlieder im Codex Calixtinus hin, u.a. mit zwei Flöten.
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In der Renaissance gibt es genügend Hinweise auf Flötenensembles: Martin Agricola erwähnt 1529 einen Consort von Schweizerpfeifen, der an die fast zeitgleiche Federzeichnung der vier Basler Soldaten von Urs Graf (1523) denken lässt.
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Pierre Attaignant veröffentlichte 1533 zwei vierstimmige Sammlungen mit Chansons. Einige bezeichnet er als sehr geeignet für Querflöten („desquelles les plus convenables a la fleuste dallemant sont signees...“). Man könnte sie als die ersten überlieferten Kompositionen ausdrücklich für Querflötenensemble bezeichnen. Eine weitere – leider in keinem Exemplar erhaltene – Sammlung Attaignants mit 40 zweistimmigen Chansons von 1548 wird in einem Verzeichnis erwähnt: „chose delectable aux fleustes“ („Hübsches für Flöten“).
Ein vermutlich unvollständiger Satz Querflöten aus dem 16. Jahrhundert ist in der Accademia Filarmonica di Verona erhalten: 5 Alt-/ Tenor-Instrumente in d1 und 3 Bässe in g0. Nach Michael Prätorius würden Flöten in a1 die Sorten vervollständigen, die er 1619 in Syntagma musicum für den vollständigen Satz verlangt: 2 Diskant-, 4 Alt/ Tenor- und 2 Bassquerflöten. Im Kapitel Querflöiten oder QuerPfeiffen Chor schreibt er: „Die solcher gestalt Signierte und gezeichnete Chor/ sind recht uff drey Querflöiten und einem Fagott/ oder stillen Pombard/ oder Posaun gerichtet. [...] Denn der Tenor Kombt in der tieffe in den Querflöiten gar zu still/ daß man denselben vor dem Cant und Alt, so allezeit oben in den Oktaven bleiben/ nicht sonderlich hören kann: Derwegen dann besser ist, daß man eine Posaun oder Tenorgeig zu diesem Clave gebrauche...“ Auch Marin Mersenne empfiehlt in seiner Harmonie universelle (1636), die Bassstimme nicht auf der unbequemen Bassflöte zu spielen, gibt aber ein Notenbeispiel für 4 Flöten unterschiedlicher Stimmlagen: Air de Cour pour les Flustes d’Allemand (übertragene Notation):
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Blockflöten-Consorts sowie Hinweise auf variable Besetzungen sind im 16. und 17. Jahrhundert häufig zu finden, dass hierbei auch an Querflötenensembles gedacht ist, geht daraus nicht unbedingt hervor.
Damit endet die Vor- und Frühgeschichte der Querflöte. Von den Instrumenten unterschiedlicher Stimmlage blieb in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Flöte in d1 als solistisches Instrument übrig. Sie wurde nun nicht mehr zylindrisch sondern verkehrt konisch gebohrt und mit einer Klappe versehen. Der brauchbare Tonumfang erweiterte sich um mindestens eine halbe Oktave auf gut 2 Oktaven. Die neue Zeit beginnt an der Schwelle zum 18. Jahrhundert in Paris: Der Flötist Michel de la Barre komponierte 1702/ 3 die ersten Stücke ausdrücklich und ausschließlich pour la flute traversiere, Jacques Hotteterre schreibt 1707 die erste Querflötenschule und schon bald entstanden in diesem Umfeld auch die ersten Flötenduette. Die Musik für 2 Flöten wollen wir allerdings als gesondertes Thema hier ausschließen und uns auf die Musik für drei und mehr Flöten konzentrieren.
Das Flötenensemble im 18. und 19. Jahrhundert
1713 veröffentlicht der Pariser Organist Antoine Dornel (ca. 1685-1765) bei Foucault sein op. 3. Zum Abschluss folgt nach 6 Triosonaten mit B.c. das erste bekannte Trio für 3 Flöten und die Anmerkung: Cette Sonate est pour trois dessus. Dass laut Titelblatt neben Flûtes allemandes auch Violinen oder Oboen möglich wären, war bereits damals ein Marketing Trick. Der Tonumfang weist eindeutig auf Flöten hin. 1732 veröffentlicht er eine ähnliche Sammlung und beschließt sie wiederum mit einem Trio für 3 Flöten. Zuvor (ca. 1721) erscheinen die Airs et Brunettes A Deux et Trois Dessus Pour les Flutes Traversieres von Jacques Hotteterre: Sechs dreistimmige Arrangements sind hier eingestreut. Bei zwei dieser kurzen Stücke ist die 3. Stimme zwar im (französischen) Violinschlüssel notiert, aber als „basse“ bezeichnet. Das erinnert einerseits an die damals moderne Kompositionsform des Trios mit zwei Melodieinstrumenten und Begleitung des Basses, von der Johann Mattheson sagt, es sei „also das größte Meister-Stück der Harmonie“3, andererseits könnte manche ungünstige Stimmkreuzung von Bass und Oberstimmen vermieden werden, würde man sie mit einer Bassflöte in d0 ausführen, wie wir sie aus dem 18. Jahrhundert von Thomas Lot oder Charles Delusse kennen. Das Kompositionsprinzip der barocken Flötentrios entspricht jedenfalls der Triosonate: zwei kontrapunktisch, imitierend oder parallel geführte Oberstimmen werden von der 3. Flöte harmonisch gestützt – besonders abwechslungsreich für die Spieler, wenn die Rollen bisweilen getauscht werden. 1725 gibt der damals populäre Pariser Joseph Bodin de Boismortier (1689-1755) die bekannten 6 Sonates en Trio Pour Trois Flûtes Traversieres sans Basse op. 7 heraus. Rund 10 Jahre später sind heute nicht auffindbare weitere 6 Flötentrios desselben Komponisten angezeigt. Überliefert hingegen sind seine 6 Sonaten op. 34 für 3 Flöten und b.c. (1731 (oder Blockflöte und 2 Flöten: „le 1er dessus peut se jouer sur la flûte-à-bec, en cas de besoin“). Die meisten der etwas späteren 22 Concertos comiques op. 8 von Michel Corette (1709-1795) sind ebenfalls für 3 Flöten und b.c. komponiert. Absolut singulär in ihrer Zeit sind die VI Concertos Pour 5 Flûtes-Traversieres ou autres Instrumens sans Basse von Boismortier. Teilweise in Concerto grosso - Form, teilweise als Triosonate mit wechselnden Rollen, ließe sich bei den gelegentlichen Anweisungen „tutti“ – „soli“ an chorische Besetzung denken. So wären dies tatsächlich die ersten Werke für groß besetztes Flötenensemble. Die 5. Stimme ist beziffert und wirkt trotz Violinschlüssel und entgegen dem Titel wie ein bezifferter Bass. Die Ausführung mit einer Bassflöte liegt nahe. Gegen Ende des Jahrhunderts werden die 6 Flötentrios op. 19 des Flötisten François Devienne (1759-1803), einem der Gründungsprofessoren des Pariser Conservatoires, veröffentlicht. Hier wird der neue klassische Stil deutlich: Einfache Begleitungen und Alberti-Bässe verdrängen Imitation und Kontrapunkt.
Das Flötenzentrum Paris strahlte aus. Fürsten wie Bürger dilettieren auf der Flöte und der Bedarf an Flötenmusik stieg, auch an unbegleiteter Ensemblemusik. Drei Trios D-Dur QV 3:3 von Johann Joachim Quantz (1697-1773) sind bekannt. Ob Quantz wirklich der Autor ist, wird bezweifelt. Nr. 1 ist auch als Werk Reinhard Keisers (1674-1739) überliefert. Ein Trio von Johann Christoph Petz (1664-1716), der in der Nachfolge seines Vaters als Münchner Petersturmtrompeter begann und dann Hofkapellmeister in Bonn und Stuttgart wurde, trägt den Titel Sinphonia a tre Flut. Traversieres, Transpose. Pour S.A.S me le Prince Hereditaire. Auth. Petz. Gemeint ist die Hochzeit von Friedrich II von Mecklenburg mit Louise Friederike von Württemberg, die das Werk offensichtlich mit in die Ehe brachte. Die Hochzeit fand 1746 statt, also lange nach Petz’ Tod, so dass es sich wahrscheinlich um eine Umarbeitung eines anderen Werks handelt, worauf auch „Transpose“ hindeutet. Ein originales Querflötentrio in Deutschland vor 1716 wäre unvorstellbar und die Flötengeschichte müsste neu geschrieben werden. Außergewöhnlich in der Besetzung sind die Concerti für 4 Flöten (eines original mit 2 Terzflöten in Es) und bc. von Johann Joachim Molter (1695-1765), der in Eisenach und Karlsruhe wirkte. Die Komposition allerdings entspricht der traditionellen Triosonate, da die 4 Flöten meist abwechselnd paarig bzw. unisono geführt werden.
Das gemeinsame Musizieren gehörte an der Schwelle zum 19. Jahrhundert zum guten Ton des biedermeierlichen Salons und auch das gemeinsame Flötenspiel zur Unterhaltung Gleichgesinnter war beliebt, wie die Fülle der leichten, unterhaltsamen Literatur für mehrere Flöten belegt. Inzwischen etablierte sich der vierstimmige Satz, und analog zum klassischen Streichquartett entstanden nun neben Trios auch Flötenquartette, natürlich mit dem Problem der Instrumente gleicher Stimmlage und einem gesamten Tonumfang von höchstens zweieinhalb Oktaven, der für Vierstimmigkeit wenig Raum lässt. Das Problem löst bisweilen die damalige Mode des quatuor dialogué, bei der die Flöten häufig einzeln oder paarweise in einem Ruf- und Antwortspiel abwechseln, wie zum Beispiel bei den 6 „Freunde“-Quartetten von Johann Friedrich Klöffler (1725-1790).4 Bereits die Titel deuten auf den geselligen Aspekt des Musizierens hin (Nr. 1: Der Ruf und das Gespräch einiger Freunde, Nr. 2: Die zärtlichen Freunde usw.). Klöfflers flötespielender Dienstherr, der Burgsteinfurter Graf Carl Paul Ernst von Bentheim-Steinfurt, sein Sohn, ein befreundeter Arzt sowie der Komponist und Flötist Friedrich Hartmann Graf, der zwischen 1765 und 1768 hier im Dienst stand, trafen sich zum gemeinsamen Flötenspiel. Hierfür könnten Klöfflers Quartette gedacht gewesen sein und möglicherweise auch Grafs stilistisch verwandtes Quartett D-Dur. Das Notturno (Cassation) von Karl Ditters von Dittersdorf (1739-1799) für vier Flöten ist ebenfalls zur gefälligen Unterhaltung konzipiert wie auch ein Trio für drei Flöten des Darmstädter Hofkapellmeisters Wilhelm Gottfried Enderle (1722-1790). Dieses Trio wurde 1942 durch Brand beschädigt. Der zuständige Abteilungsleiter der Landesbibliothek Karlsruhe Richard V. Knab hat 1952 eine Rekonstruktion versucht. Der Stuttgarter Hofmusikus Christian Ludwig Dietter (1757-1822) lieferte mit Douce Pièces concertantes pour Trois Flûtes op. 26 qualitätvolle Spielmusik ebenso wie der Würzburger Militärmusikdirektor Joseph Küffner (1776-1856) mit dem Trio op. 34 oder in Amsterdam Ferdinand Hauff mit einem einsätzigen Trio voor drie Dwarsfluiten op. 5. Etwas simpler muten die Sonata per tre flauti traversi und das Quatuor a IV Flauti Traversi von Domingo Simoni del Croubelis an, dessen Handschrift an seiner vermuteten Wirkungsstätte Kopenhagen aufbewahrt ist. Ein Quartett D-Dur mit einem reizvollen Echo Adagio weist der Herausgeber und ausgewiesene Flötenensemble-Kenner, Joachim Kremer, dem Brüsseler Flötisten Joseph Cardon (1783-1850) zu. Bernard Pierreuse hält dies für falsch und verzeichnet stattdessen 2 Quartette (e-Moll und D-Dur) von einem gewissen Louis Cardon (ca.1747- ca.1805).5 Sicher nicht fürs häusliche Musizieren war ein etwas ausladendes Konzert für 3 Flöten und Orchester des damals angesehenen Opernkomponisten Maximilian Friedrich von Droste-Hülshoff (1764-1840), dem Onkel der Dichterin, gedacht. András Adorján hat das Konzert ausgegraben und mit Klavierauszug veröffentlicht. Ohne dass die Ensemble-Flautomanie des 18. und 19. Jahrhunderts lokal begrenzt werden kann, lassen sich drei Zentren ausmachen: Paris, London, Wien. Exemplarisch belegt das Franz Christoph Neubauer (1760-1795). Der Böhme, im Umfeld der Wiener Klassik ausgebildet, veröffentlichte in London 6 Flötentrios: Three/ Trios/ Composed by F. Neubauer/ Adapted for/ THREE FLUTES/ [...] by/ G: WEISS. Hierbei fügte er 3 eigenen (?) Trios 3 weitere eines gewissen G. (Carl?) Weiss, die bereits in Paris erschienen waren, hinzu. Weitere Flötentrios Wiener Tradition stammen von Rafael Dressler (1784-1835): Grand Trio concertant op. 64, Franz Alexander Pössinger (1766-1827): 6 Pièces op. 5 sowie 12 Divertimenti, Franz Joseph (Benedikt) Dussek (1766-1799): Notturni op. 1 und Franz Anton Hoffmeisters (1754-1812): 6 Trios op.12 und vor allem sein Terzetto La Gallina, il Cucco, e l’Asino: Ein Spaß bis heute, die lautmalerische Verteilung der Tiere auf drei Flöten in klarer klassischer Form! Auch der „neue Haydn“, Ignaz Pleyel (1757-1831), versuchte sich in dem Genre: Ein hübscher 1. Satz für 3 Flöten ist daraus geworden, im 2. Satz (nur zweistimmig) bricht die Handschrift ab. Gleichsam als Doppel-Duett komponierte Anton Wranitzky (1761-1820) seine Echo-Sonate und führt damit das quatuor dialogué ad absurdum. Ungewöhnlich sind Sechs neue Canon für Drey Flöten op. 69 von Karl Kreith [1748-1803]. Daraus die Nr. 6:
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Eine skurrile Wiener Musizierrunde beschreibt der Schubert-Freund Leopold Sonnleithner: „Zur Vervollständigung meiner Schilderungen darf ich hier auch die Quartettabende des Magistratsrates Alois Gulielmo (im Schottenhofe) nicht mit Stillschweigen übergehen, zu welchen ich im April 1818 geladen wurde. Gulielmo, ein Rat des Kriminalgerichtes und in den Jahren schon bedeutend vorgerückt, war ein herzensguter Mann von weichem Gemüthe, mit großer Vorliebe für die Musik und insbesondere für die Flöte. Um diese Leidenschaft gründlich zu befriedigen, veranstaltete er an Mittwochen musikalische Abende, wobei er mit einigen gleichgesinnten Freunden Tonstücke für drei und vier Flöten ausführte. Er selbst spielte die Unterstimme auf der um eine Terz tiefer gestimmten Flute d’amour, und alle Tonsetzer Wiens wurden um neue Kompositionen für diese Instrumente geplagt. Nachdem die Freunde, durchaus ältliche Herren, sich eine Zeit lang zusammen eingespielt hatten, wurden auch einige gute Bekannte als Zuhörer geladen. Allein die vier Flöten bewirkten, daß nicht nur die Ratten und Mäuse sich ferne hielten, sondern daß auch die Zuhörer nach einmaligem Besuche nicht wieder kamen. Man wendete nun ein Reizmittel an und reichte zwischen dem zweiten und dritten Quartette geselchte Würste mit Kren und den Trank des Gambrinus. Dies zog wohl etwas an; aber bald richteten es sich die Besucher so ein, daß sie erst kurz vor der Raststunde erschienen und bei Wiederbeginne der Musik sich leise entfernten.[...]“6 Bis zu seinem Tod 1823 hatte Gulielmo über mehrere Jahrzehnte ein stattliches Repertoire an Originalliteratur zusammengetragen: Trios, Quartette und auch Quintette von Paul Maschek, Leonard von Call, Simon Sechterii, Engelbert Aigner, Giuseppe Richter und Joseph Drechsler sind teilweise für gleiche Flöten, die meisten mit Flûte d’amour in As besetzt, einem Modeinstrument in Wien um diese Zeit, die in Neuausgaben durch Altflöte in G ersetzt werden kann. Peter Thalheimer macht sich um die Veröffentlichung dieser dankbaren Spielliteratur verdient. Darüber hinaus findet sich im Nachlass Gulielmos gedruckte Ensemblemusik von Johann André, Leonard von Call, Gottlieb Heinrich Köhler und Friedrich Kuhlau ebenso wie Arrangements bekannter Kompositionen von Haydn, Mozart und Beethoven.8
Auch der Haydn-Schüler Sigismund Neukomm verwendet diese Flûte d’amour in As in seinem Flötenquartett Es-Dur von 1802 mit dem abschließenden Variationssatz aus Haydns „Kaiser-Quartett“. Hat sie Neukomm, er selbst spielte auch Flöte, für ein Wiener Flötenensemble um Giuseppe Richter und Joseph B.de Palm geschrieben? Wirkte er evtl. selbst mit? Neukomm arbeitete es 1836 in England um, offensichtlich für ein Quartett, das eine Flûte d’amour in B besaß. Pikanterweise diente es auch Anton Bernhard Fürstenau für sein Quartett op. 88, George Rudall gewidmet, als Vorlage. Im Wesentlichen tauschte er das Menuett aus, fügte noch Sätze dazu und transponierte die Stimmen nach F-Dur, um sie für 4 gleiche Flöten spielbar zu machen. Solch „Urheberdiebstahl“ war nicht unüblich. Gottlieb Heinrich Köhler fügte zum Flötentrio op. 2/1 von Leonard von Call ein paar Sätze hinzu und machte daraus nach op.113 sein zweites Amusement (op. 117) für drei Flöten, ohne den Urheber zu nennen. Im 20. Jahrhundert wurde das Call-Trio fälschlich als Werk Beethovens veröffentlicht und auch als solches von Rampal eingespielt.i Nur teilweise wiederveröffentlicht sind dreistimmige Opernbearbeitungen – „the best of“ Mozart, Rossini, Verdi, Weber (Freischütz) u.a., oft in anonymen Bearbeitungen, die bis weit in das 19. Jahrhundert hinein sehr populär waren.
England versorgte James Hook (1746-1827) mit leicht spielbarer Musik im aktuellen klassischen Stil, darunter 6 Flötentrios op. 83 und 6 Trios op.133, deren 3. Stimme für Patent Voice Flute eingerichtet ist, die der heutigen Altflöte in G entsprach. Der deutsche Karl Friedrich Weidemann (gest. 1782) ist laut Charles Burney um 1726 nach London gekommen und wirkte hier als einer der führenden Flötisten. In seinem op. 6 finden sich neben „normalen“ Triosonaten 2 Sonaten for three German Flutes without a Bass. Etwas später veröffentlichte Luigi Gianella (ca. 1778-1817), der als Flötist und Komponist an der Mailänder Scala und später in Paris wirkte, alle seine Werke für Fötenensemble in London: mehrere Trios und ein Quartett für Flöten. Es war Mode: Italiener (zumindest Komponisten/ Flötisten mit italienischem Namen – genaue Lebensdaten sind oft nicht zu ermitteln) veröffentlichten um 1800 Flötentrios in England (Filippo Ruge, Rozelli, Bourdani) oder auch in Paris (Giuseppe Demachi, J. Brinzini und Bernardo Porta, der über 20 Flötentrios geschrieben hat).
In Italien selbst – traditionell das Land der Oper und Violinvirtuosen – waren es zu dieser Zeit vor allem Ausländer, die Musik für Flötentrios schrieben: Der in Wien geborene Christiano Giuseppe Lidarti (1730- nach 1793) wirkte in Pisa, ein gewisser Giovanni Aber (um 1740-nach 1783), der aus Deutschland stammen soll, war in Mailand, ebenso Niccolò Dôthel (1721-1810), der als Sohn eines Hofoboisten des Großherzogs von Lothringen geboren wurde. Er trat 1736 als Flötist in die Hofkapelle ein und zog mit dem Fürsten nach Florenz, als diesem das Erbe der Medici zufiel. Dort pflegte er auch das Musizieren mit Kennern und Liebhabern, wie es bislang in Italien unbekannt war. Er schrieb einige wertvolle Sonaten für 3 Flöten, die bisweilen an den empfindsamen Stil Carl Philipp Emanuel Bachs erinnern. Zu seinen Flötenschülern zählte vermutlich der deutschstämmige Mathias Stabing(h)er (1739-ca. 1815), der 6 kurze Flötenquartette op. 6 hinterlassen hat. Aus dem Umkreis um die Hofkapelle existieren auch Stücke für 4 Flöten und Bass(flöte), die sich als Arrangements von Triosonaten Carlo Antonio Campionis einerseits und Alessandro Besozzi bzw. Giuseppe Tartini andererseits erweisen. Auf der Suche nach dem Bearbeiter drängt sich dem Herausgeber und Kenner italienischer Flötenmusik Nikolaus Delius der Name Niccolò Dôthel auf.


