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Flöte aktuell 4.2007 (2/3)

THEMA: Mario Caroli (Fortsetzung)

Die Uraufführung eines neuen Stücks etwa könne auch Gefahren bergen, meint er. Man wisse nie, auf was man sich einließe, auch wenn man den Komponisten kenne. Schlimmstenfalls sei er enttäuscht und müsse ein Stück spielen, das ihm nicht gefällt. „Manchmal geschieht aber das Gegenteil, und ich freue mich über das Privileg, mit einem tollen neuen Stück verbunden zu sein.“ Nach Phasen und Konzerten, in denen er viel Neue Musik spielt, wendet er sich auch wieder anderen Stilen zu. Demnächst wird beispielsweise eine CD mit romantischen Kompositionen erscheinen, auf der Werke von Schumann, Dvorak, Karg-Elert, Fauré, Mendelssohn und anderen zu hören sein werden. Teilweise hat er sich seine Flötenstimme dazu selbst arrangiert. Mario Caroli ist es wichtig, sein Repertoire zu erweitern, und dabei auch auf Stücke zurückzugreifen, die im Original nicht für Flöte geschrieben wurden.

Für den reichen Fundus an Werken zwischen den Zeiten, also für die Musik der klassischen Avantgarde – etwa Maderna, Zimmerman, Petrassi und auch Jolivet – setzt sich Mario Caroli besonders ein, denn diese finden selten ein adäquates Podium: Für das klassische Repertoire sind sie zu modern, und für Neue Musik-Festivals sind sie schlichtweg zu alt.

Mario Caroli wurde 1974 in Süditalien geboren und begann im Alter von 14 Jahren sein Flötenspiel. Er studierte bei Annamaria Morini. Außerdem bekam er wichtige Impulse von Manuela Wiesler. Diese Beziehung beschreibt er folgendermaßen: „Wir waren beide davon überzeugt, in einander unser alter ego gefunden zu haben. Seit ihrem Tod weiß ich, dass sie überall ist, wo Musik ist. Sie hat sich in reinen Klang verwandelt, wie Syrinx oder Echo; diesen Traum haben wir geteilt. Jedes meiner Konzerte ist ihr gewidmet.“ Dabei trage er ihre Worte im Herzen: „Ich weiß, dass du es kannst, du musst für uns beide spielen.“ Für ihn stand es nicht im Vordergrund, viele Lehrer aufzusuchen und auf Meisterkurse zu gehen, nur um die Namen seinem Lebenslauf hinzufügen zu können. Vielmehr legte er Wert auf die konzentrierte Arbeit mit einem Lehrer sowie die persönliche Beziehung zueinander, um die eigene Persönlichkeit zu entwickeln und nicht eine Kopie von jemand anderem zu sein. Er schlägt diesen individuellen Weg bewusst ein: „Heutzutage spielen sehr viele Flötisten sehr gut“, meint er. Das Instrument zu erlernen sei die Basis, darauf baue die musikalische Persönlichkeit. „Die technischen Fertigkeiten sind die Voraussetzung, um mich ungehindert ausdrücken zu können. Die Interpretation steht im Vordergrund.“ Die Flöte habe im Vergleich zu anderen Instrumenten eine relativ junge Tradition an Interpreten. „Oft macht es mich traurig oder langweilt mich, wenn jemand mit seinem Spiel nur beeindrucken will und sich nicht wirklich auf die Musik einlässt.“ Erstaunlich ist an Mario Carolis Lebenslauf, dass er neben seiner Flötenausbildung auch noch ein Philosophiestudium an der Universität Bari absolvierte, das er mit einer Examensarbeit über Nietzsches „Antichrist“ abschloss. Dieses war allerdings nie als zweites Standbein oder Alternative gedacht, Caroli sah sich immer als Musiker: „Die Flöte ist meine größte Liebe.“ Aber es war eine Chance, sich intensiv mit etwas Außermusikalischem zu beschäftigen. „In der Auseinandersetzung mit den Werken großer Philosophen lernte ich mehr über mich selbst, auch wenn ich dieses schwierige Ziel noch nicht erreicht habe…“ Auch sonst interessiert er sich für Poesie und Psychologie, schreibt und hat sogar eine Kolumne im Magazin „Syrinx“ der italienischen Flötengesellschaft. Dies alles mache seine Emotionen reicher und tiefer, was ihm nicht zuletzt als Interpret zu Gute kommt. Bereits im Alter von 22 Jahren gewann er den Kranichsteiner Musikpreis des Internationalen Musikinstituts Darmstadt. Er berichtet, wie verschüchtert er diese erste Reise ins Ausland antrat, und wie wenig er mit dieser bedeutenden Auszeichnung gerechnet habe: „Aber… es ist einfach passiert. Es hat mir viel Mut gegeben.“

Daran, ins Orchester zu gehen, hat er nie gedacht. „Ich würde mich dort auch nicht wohlfühlen“, ist er sich sicher. „Ich bin sehr dankbar dafür, meine eigenen Projekte verwirklichen zu können.“ Auf vielfältige Kammermusikerfahrungen kann er zurückblikken, aber am liebsten steht er alleine auf der Bühne und im Kontakt mit dem Publikum. „In einem Ensemble zu spielen ist eine kleine Welt für sich. Ich mag dies sehr gerne. Ich spiele sehr leidenschaftlich, in der Gruppe kann ich aber nicht immer alle Energie raus lassen, der Kontakt zu den Zuhörern ist anders. Alleine hingegen muss man alles geben.“

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aktualisiert am Mittwoch, 19. Dez. 2007 um 19:54:46 CET

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