Flöte aktuell 3.2007 (3/3)
Die Flöte der Mozartzeit — Teil 3
Peter Spohr
Eine andere englische sechsklappige Flöte, diesmal aus Buchsbaum, wird mit Einzelheiten in den Bildern 13, 14 und 15 gezeigt. Der Name Florio auf ihren Stempeln steht für Pietro Grassi Florio, einen erfolgreichen Flötisten in London, dem zusammen mit seinem Kollegen Joseph Tacet, der sich auch um 1760 in London niederließ, zu Unrecht das Hinzufügen zusätzlicher Klappen zur einklappigen Flöte zugeschrieben wurde. Die Flöte wurde eventuell von Thomas Collier in London gebaut bevor John Hale 1785 sein Nachfolger wurde obwohl das äußere Erscheinungsbild auch stark einem Instrument mit dem Stempel (Lilie)/I.HALE/LONDON in der Dayton C. Miller-Sammlung in Washington ähnelt. Die Klappen der Flöte sind auf der Unterseite 'IH' für John Hale gestempelt (siehe Bild 16), und Hale machte seine schönen Klappen nicht nur für Collier, mit dem er seit etwa 1770 zusammenarbeitete, sondern auch für andere bekannte Londoner Flötenbauer wie Astor, Cahusac, Potter und Proser. Die B-Klappe dieser Flöte mit den für Hale typischen Abschrägungen im Bereich der Klappenlagerung sieht man auf Bild 17. Die Bohrung dieser Flöte ist etwas kleiner als bei Cahusac, und die drei Mittelstücke mit den zu dieser Zeit üblichen Nummern 4, 5 und 6 entsprechen Stimmtonhöhen zwischen etwa 426 und 442 Hz. Obwohl nicht nur die Klappen, sondern die Bauweise der ganzen Flöte höchsten handwerklichen Ansprüchen genügen, sind die Spielqualitäten etwas enttäuschend. Die Flöte funktioniert von der Tiefe bis zum A3, aber der Klang ist etwas stumpf und nicht sehr flexibel mit einem eingeschränkten Dynamikbereich. Beim Spielen entsteht der Eindruck, als wären alle drei Wechselstücke zu kurz für die Bauweise der Flöte. Dies wird auch durch die etwas problematische Intonation bestätigt.
Der Vollständigkeit halber soll als letzte Flöte ein Instrument des berühmtesten Londoner Flötenbauers der Zeit, Richard Potter, beschrieben werden, obwohl diese gebaut wurde, nachdem Mozart sein Konzert für Flöte und Harfe bereits komponiert hatte (in meiner Sammlung gibt es keine frühere Potter-Flöte mit mehr als einer Klappe!). Die sechsklappige Buchsbaum-Flöte sieht man mit Einzelheiten auf den Bildern 18, 19 und 20. Potters Adresse 'Johnson's Court/Fleet Street', die man im Stempel sehen kann, galt seit 1785, und wahrscheinlich wurde die Flöte kurz danach gebaut, da Potter 1785 auch ein Patent für ein Modell erteilt wurde, welches ein großer kommerzieller Erfolg in England und später auch im übrigen Europa wurde. Der hier gezeigte Flötentyp ist noch der, den Potter in den 1770er Jahren zu bauen begann und beinhaltet nicht die Merkmale des 1785er Patentes wie einen verstellbaren Stimmkork, ein metallgefüttertes Kopfstück mit graduiertem (mit Ringmarkierungen und Zahlen versehenen) Stimmzug, Bleipolster und anderes. Die Bohrung ist kleiner als bei Cahusac mit stärkerem Gefälle. Nur das kürzeste Wechselstück (Nummer 6) ist noch erhalten mit einer Stimmung von etwa 448 Hz. Selbst in dieser hohen Stimmung hat die Flöte einen runden, farbigen und flexiblen Klang mit leichter Ansprache im gesamten Bereich und meistenteils guter Intonation.
Vergleicht man die drei Londoner Flöten, so zeigt nach meiner Ansicht die Collier/Hale-Flöte die beste und die Potter-Flöte die schlechteste (aber noch akzeptable) handwerkliche Qualität, während es mit dem Klang genau umgekehrt ist. Diese Klangqualität mag erklären, warum Potter bereits einen guten Ruf hatte, bevor er neue Verkaufsanstrengungen mit seinem 1785er Patent startete. Die Cahusac-Flöte liegt dazwischen, und wenn man klangliche Ausgeglichenheit und gute Intonation mit berücksichtigt, könnte sie das musikalisch beste und universellste Londoner Instrument sein. Natürlich sind drei Instrumente nicht genug für ein fundiertes Urteil, aber die meisten Beobachtungen an diesen Flöten wurden für mich durch Untersuchung anderer Flöten derselben Hersteller bestätigt.
Zu Mozarts Lebzeiten waren die Flöten von Grenser vermutlich die von professionellen Flötisten am meisten benutzten auf dem europäischen Festland, und mir scheint, dass die oben beschriebene Grenser-Flöte am besten mit dem übereinstimmt, was wir uns heute unter dem Klang und den anderen Spieleigenschaften einer klassischen Flöte vorstellen. Auf jeden Fall sind die meisten der beschriebenen französischen, deutschen und englischen Instrumente in der Hand eines kompetenten Spielers historischer Flöten dazu geeignet, Mozarts Solo-, Kammer- und - die im Flötenrepertoire noch wichtigere - Orchestermusik auch für heutige Ohren überzeugend zu vermitteln.
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Zuerst erschienen in der Zeitschrift der British Flute Society "pan", Volume 25, Number 3, September 2006.
Deutsche Übersetzung und alle Flötenfotos vom Autor.

