Flöte aktuell 3.2007 (2/3)
Die Flöte der Mozartzeit — Teil 2
Peter Spohr
Andere international bekannte Flötenbauer zur Mozartzeit auf dem europäischen Festland waren Carl Augustin (I) Grenser (1720-1807) in Dresden, Friedrich Gabriel August Kirst (c.1750-1806) in Potsdam und Johann George Tromlitz (1725-1805) in Leipzig, wobei der letztere vermutlich nur eine vergleichsweise kleine Anzahl von Instrumenten produzierte und wahrscheinlich auch erst nach Beginn seiner Flötenpublikationen 1783 als Flötenbauer bekannter wurde, besonders mit seinem oben erwähnten "Ausführlichen und gründlichen Unterricht..." von 1791. Berühmte Londoner Flötenbauer wie Thomas Cahusac senior (1714-1798) und Richard Potter (c.1726-1806) bauten schon mehrklappige Flöten für den englischen Markt aber es dauerte noch bis kurz vor Mozarts Tod, bevor diese Instrumente auf dem Festland importiert, benutzt und kopiert wurden.
Bild 4 zeigt eine Ebenholzflöte von August Grenser, vermutlich aus den 1770er Jahren, im Original-Pappkasten und Bild 5 zeigt den zugehörigen Stempel. Diese Flöte besitzt sieben Mittelstücke zur Anpassung an unterschiedliche Stimmtonhöhen (von etwa 406 bis 447 Hz, genau ein Ganzton wie bei Quantz beschrieben) und einen Registerfuß (zur Anpassung der Fußlänge bei verschiedenen Stimmungen). Typisch für Grensers Modell ist die schlankere Außenform und eine engere Bohrung mit einem stärkeren Gefälle. Durch die enge Bohrung wird eine leichtere Ansprache in der Höhe gefördert, was das Spiel der oft vergleichsweise hochliegenden Orchester-Flötenpartien bei Mozart erleichtert. Tromlitz verkleinerte die Bohrung noch weiter und kombinierte sie mit einer größeren Wandstärke. Der Klang der Grenser-Flöte ist nicht so voll, aber sehr klar und elegant mit guter Tragfähigkeit. Die Intonation ist ausgezeichnet und die Ansprache der dritten Oktave extrem leicht. Die Grenser-Werkstatt begann vermutlich erst Ende der 1880er Jahre auch mit der Herstellung mehrklappiger Flöten.
Auf Bild 6 sehen wir eine Ebenholzflöte von Kirst mit den gebräuchlicheren drei Wechselstücken, wahrscheinlich ebenfalls aus den 1770er Jahren, auf ihrem Original-Lederfutteral. Bild 7 zeigt den zugehörigen Herstellerstempel am Fuß. Diese Flöte mit ihrem Quantzschen Stimmzug sieht altmodischer aus als die Grenser-Flöte (und ist es auch tatsächlich), obwohl sie vermutlich nicht früher gebaut wurde. Die drei Mittelstücke können für Stimmungen zwischen etwa 413 und 434 Hz verwendet werden. Die Bohrung ähnelt der obigen Grenser-Flöte, aber die Wandstärke ist beträchtlich dicker. Ihr Klang bewahrt die Stabilität und Wärme der Barockflöte und kombiniert diese wiederum mit einer sehr leicht ansprechenden dritten Oktave. Die Intonation genügt höchsten Ansprüchen.
Wie oben erwähnt kann wenig Zweifel daran bestehen, dass Mozarts Konzert für Flöte und Harfe KV299 für eine englische Flöte 'mit den zusätzlichen Klappen' geschrieben wurde, weil sein Auftraggeber, der Flötenliebhaber Duc de Guines, bis 1776 Botschafter in London war und die Flötenstimme bis zum C1 hinabsteigt. Es scheint sogar so zu sein, dass Mozart nicht nur beim vergrößerten Tonumfang sondern auch beim Rest des Flötenparts an eine Flöte mit mehr als einer Klappe dachte, auf welcher besonders in der unteren Oktave ein ausgeglichener Klang und ein größerer Dynamikumfang bei den zuvor mit Gabelgriffen gespielten Noten möglich sind.
Auf Bild 8 können wir eine sechsklappige Elfenbeinflöte von Thomas Cahusac sen. in einem originalen Mahagonikasten sehen. Am Fuß beginnend hat die Flöte Klappen für C, Cis, Es, F, Gis und B (die lange F-Klappe und die obere C-Klappe waren noch nicht erfunden). Nahaufnahmen des Stempels, eines grünen Glaseinsatzes in der Kappe und der Verzierungen am Hebel für die C-Klappe zeigen die Bilder 9, 10 und 11. Diese individuellen gegossenen Verzierungen finden sich auch an den C-Hebeln der unten beschriebenen Flöten von 'Florio' und Potter (siehe Bilder 15 und 19). Die Existenz zahlreicher Elfenbeinflöten von Cahusac legt nahe, dass er einen guten Namen hatte, welcher ihm den Verkauf dieser teuren Instrumente ermöglichte. Bild 12 zeigt ein Geschäftsblatt mit seiner Adresse seit 1755, auf welchem er schreibt, dass er 'die Ehre habe für die königliche Familie zu arbeiten' und wo er sogar Querflöten 'versehen mit Gold' (gemeint sind Ringe, Kappe, Klappen usw.) anbietet.
Aufgrund ihrer drei Wechselstücke, der winzigen Klappenlöcher und Klappen und der niedrigen Stimmung von etwa 407 bis 438 Hz wurde die hier beschriebene Flöte wahrscheinlich schon in den 1760er Jahren gebaut. Die Bohrung ist größer und das Gefälle weniger steil, genau wie bei der Thomas Lot-Flöte, und auch das sehr kleine Mundloch erinnert an das französische Instrument. Die Wände der Flöte sind sehr dünn, aber das liegt wahrscheinlich mehr an der Verwendung des schweren und teuren Materials Elfenbein, weil nicht nur bei Cahusac-Flöten die Wandstärke von Elfenbeinflöten meist erheblich geringer ist als bei Holzflöten desselben Instrumentenbauers aus derselben Zeit. Die Spielqualitäten sind sehr gut mit einem angenehmen, ausgeglichenen Klang, guter Intonation und einer leichten Höhe.
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