Flöte aktuell 3.2006 (2/2)
Sehen ist Silber — Hören ist Gold
Wieke Karsten
Der Besuch eines Konzerts ist eine Sache des Hörens. Das sollte man zumindest meinen, da es sich schließlich um Musik handelt. Aber das Auge will auch etwas, und zwar jede Menge. Die meisten Konzertbesucher 'hören mit den Augen'. Ein Musiker, der sich während des Musizierens bewegt, wird als ausdrucksvoller wahrgenommen, als jemand, der still steht. Ein wunderschönes Kleid macht die Musik für den Zuhörer noch viel schöner.
Eigentlich sollte man als Experiment einmal nicht nur das Publikum in Dunkelheit hüllen, sondern auch die Musiker auf der Bühne, und dann danach das Publikum fragen, wie es das Konzert fand!
Hören scheint so selbstverständlich, wenn wir über Musik reden. Während der Ausbildung zum Musiker steht diese Sinneswahrnehmung jedoch nicht an erster Stelle. Die Reihenfolge ist anders: Sehen, Fühlen (Propriozeption/ Eigenwahrnehmung ) und erst danach Hören. Selbst wenn man als Musiker fertig ausgebildet ist und alles kann, was man können muss, benutzt man die Sinne parallel. Man kann es so sehen: Sehen ist Silber, Fühlen ist Gold und Hören ist Platin. Alle drei sind sie wertvoll, aber nur in unterschiedlichen Momenten zu gebrauchen.
Betrachten wir einmal die erste Unterrichtsstunde eines Flötenanfängers. Sobald er hereinkommt, werden Sinneswahrnehmungen wie Sehen, Fühlen und Hören angesprochen. Er lernt, wie man die Flöte anständig zusammenbaut und auch, wie man sie in den Flötenkasten zurücklegen muss. Der Lehrer macht es vor.
Die ersten Atemübungen sehen so aus: Der Schüler sieht dem Lehrer zu und probiert, ihn nachzuahmen. Danach beobachtet er sich im Spiegel und spürt mit den Händen, wie die Atmung geht. Die Reihenfolge ist hier: Erst sehen, dann fühlen. Wenn man genau darauf achtet, wird hier auch noch ein wenig gehört: Wie klingt die Atmung, wie hört sich der Luftstrom an, wenn man bläst. Und nicht zu vergessen: Der Schüler hört die ganze Zeit den Anleitungen des Lehrers zu!
Danach spielt er die ersten Töne, natürlich zuerst einmal nur auf dem Kopfstück. Wie liegt das Mundstück am Kinn? Der Lehrer macht es vor. Wie sieht es aus, wie fühlt sich das an und zu guter Letzt: Wie klingt es?
Beim Thema Haltung steht der Schüler zunächst einmal ohne, danach mit Flöte da. Wie hält man die Flöte? Die Hände werden angeschaut, ein aufmerksamer Blick in den Spiegel und der Schüler spürt, wie sich das alles anfühlt.
Im Raum steht immer die wichtige Frage: Weiß der Schüler wonach er schauen muss, wie er spüren muss und wie es sich anhört? Begreift der Schüler dies alles gut genug, sodass er es zu Hause genauso machen kann?
Nicht ohne Grund fragen viele Lehrer, ob Eltern das erste (halbe) Jahr während der Flötenstunden anwesend sein oder sogar, ob sie mitspielen wollen. Zu Hause sind sie dann da, wenn ihr Kind übt und kontrollieren es bis zu dem Augenblick, in dem der Schüler dazu selbst in der Lage ist.
Die Entwicklung eines Schülers erfolgt zeitgleich mit der Entwicklung seiner Sinnesorgane. Je besser er sieht, fühlt oder hört, desto weiter kann er kommen.
Betrachten wir einmal die Artikulation: Zuerst lernt der Schüler mit seiner Zunge umzugehen. Er lernt das Hören am Anfang des Tones und am Ende. Des Weiteren lernt er die Zungenbewegung auch dann klein und locker zu halten, wenn er während des Vorspielens angespannt ist oder wenn die Musik schwieriger wird. Wie zum Beispiel in der dritten Oktave, in der Tiefe, bei starker Dynamik und schnellen Passagen. Auch lernt er mehrere Arten der Artikulation, wie Portato, Staccato, Doppelzunge und Trippelzunge.
Um all diese Schritte zu einer guten Artikulation machen und kontrollieren zu können, ist Propriozeption und ein gut entwickelter Gehörsinn notwendig, die sich hoffentlich beide mit den Jahren gut entwickeln.
Einen vergleichbaren Weg gehen wir bei allen anderen Facetten, die mit dem Flötenspiel zusammenhängen. Wie gut ein Schüler mit dem 'Handwerk' vorankommt, hängt vor allem davon ab, inwieweit er in der Lage ist zu sehen, zu fühlen und zu hören. Dieses betrifft Fingertechnik, Ansatz, Tontechnik, Artikulation, Atemtechnik, Haltung und so weiter.
Und dann gibt es natürlich auch noch die Aspekte, die mit dem Musizieren im Zusammenhang stehen, wie zum Beispiel die Nuancen in der Dynamik, Klangfarbe, das Vibrato, das Timing und auch die unterschiedlichen Stile. Auch hier gilt: Je besser die Sinne eines Schülers entwickelt sind, und es geht hier in erster Linie um die Ohren, desto besser wird sein Flötenspiel.
Talent und die Entwicklung der Sinne, vielleicht steht das in unmittelbarem Zusammenhang.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Marieke Wörmann

