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Flöte aktuell 1.2006 (2/2)

Aurèle Nicolet zum 80. Geburtstag

Glückwünsche, gesammelt und editert von András Adorján und Marco Lehmann-Waffenschmidt

Lieber Aurèle, cher Aurèle ....
es fällt mir schwer, Dich nicht auf französisch anzusprechen, haben wir uns doch bald ein Leben lang en français unterhalten! Seitdem wir 1967 uns in Nizza kennengelernt haben, hast Du mich von Anfang an mehr für einen Franzosen gehalten, als ich es eigentlich bin, und mich sogar in Freiburg ausschließlich auf französisch (ausgenommen des einen Wortes dranblaibähn unterrichtet. Der Satz, den Friedrich II. einmal an Voltaire schrieb: "Daß ich lebe, ist nicht nothwendig, wohl aber daß ich thätig bin - dabei habe ich mich immer wohl befunden", könnte von Dir stammen.Aurèle NicoletAurèle Nicolet Du bist unermüdlich "thätig" gewesen, und wir tragen davon die Früchte. Von Dir inspiriert fingen zeitgenössische Komponisten an, sich wieder für die Flöte zu interessieren, und mit Deinen Konzerten hast Du maßgeblich dazu beigetragen, daß wir mit unserem Instrument auch solistisch allmählich ernstgenommen und akzeptiert werden. Dich als einen hervorragenden Lehrer huldigen zu wollen hieße "Eulen nach Athen (zu) tragen". Von Deiner Neugier und Deinen daher immer wieder neuen, manchmal scheinbar widersprüchlichen, Ansichten haben wir enorm profitiert. So wundern wir uns nicht, wenn unsere Schüler, und deren Schüler, also Deine Urenkel-schüler (auch dafür lohnt es, ein biblisches Alter zu erreichen!), von einem Deiner Meisterkurse heimkehrend genau das Gegenteil davon berichten, was Du uns damals gelehrt hast, und das wir seither unverändert mit Deinen Worten als unsere "Wahrheit" predigen! Und nun darfst auch Du nicht erstaunt sein, wenn nach der Lektüre dieses "Bouquet" sich herausstellt, daß Du mit Deinem Leben und Wirken für Deine Freunde, Kollegen, Schüler, Flötenbauer, Konzertveranstalter - und sogar für die Konzertagenten etwas geschaffen hast, was Dir immer schon verdächtig vorkam: "die heile Welt"! Danke dafür!
Bon anniversaire et "many happy returns", cher Aurèle, auch im Namen von Janne und allen Deinen Schülern - und von der Deutschen Gesellschaft für Flöte
Dein András Adorján, Flötist und Präsident der DGfF

Lieber Herr Nicolet! Herzliche Glückwünsche zu Ihrem 80. Geburtstag! 1968, als Sie zum ersten Mal nach Japan kamen, besuchten Sie unsere Werkstatt. Damals waren wir noch unerfahren, unsere Flöten waren noch unreif. Für uns spielten Sie Flöte, mit uns spielten Sie Trios, Duette usw., und Sie sprachen über die Musik und die Flöte, und wie man Musik mit der Flöte macht. Sie sagten, daß die Flöte nur ein Werkzeug ist, um damit Musik machen zu können. Als Flötenbauer hatten wir es sehr schwer. Seit dieser Zeit und bis heute haben Sie uns den richtigen Weg gezeigt. Wir wissen jetzt, daß wir die Musik verstehen müssen, damit wir es spielen und genießen können. Sonst können wir auch nicht wissen, welche Art Flöte wir bauen sollen. Sie haben uns beigebracht, wie man sich richtig hält, Sie haben uns Tonübungen für den Ansatz gezeigt, demonstriert, wie man am besten atmen soll. Sie zeigten uns den Weg zur richtigen Fingertechnik und machten uns auf die Wichtigkeit von Artikulation, Rhythmus, Intonation, Klangfarben, Nuancen und Vibrato aufmerksam. Sie erzählten uns, wie sehr man sich beim Spielen konzentrieren muß, daß ein Ideal als Klangbild ihm Ohr immer wichtig ist, daß man für seine Musik Vorbilder haben soll und wie man am effektivsten mit minimaler Energie spielen kann. Durch Sie erfuhren wir, wie man verschiedene Stile der Komponisten unterscheidet und wie wir unsere eigenen Lehrer werden können.
Meine tägliche Arbeit besteht darin, Flöten zu bauen und sie zu spielen. Seit vielen Jahren überlege ich schon, wie man gute Instrumente für Flötisten bauen kann. Am besten wäre wahrscheinlich, wenn der Spieler beim Spielen nicht mehr an das Instrument denken müßte. Eine Flöte ohne Existenz? Mein Traum ist es, so eine Flöte zu bauen! Ob das die Antwort auf Ihre Botschaften an uns Flötenbauer ist? Das wäre eine wirklich schwierige Aufgabe! Vielleicht erinnern Sie sich noch, wie Sie die Gruppenreise unserer Werkstattangestellten einmal begleitet haben? Wir besuchten gemeinsam Disneyland in Tokyo. Ich glaube, die Insel des Tom Sawyer erinnerte Sie an die Lektüre Ihrer Kindheit. Da gab es eine Hängebrücke, wie in einem Ihrer Bücher. Auf dieser Hängebrücke galt Einbahnverkehr, um Unfälle zu verhindern. Als ich das sagte, meinten Sie: "Kein Problem, ich verstehe ja kein japanisch!" und gingen fröhlich in die falsche Richtung. Sie genossen wirklich Disneyland. Am Abend badeten wir in den heißen Quellen (Onsen) und feierten dann mit allen 60 Werksangestellten, in Yukata, einen einfachen Kimono, gekleidet. Bei japanischen Feiern gibt es immer Karaoke. Sie interessierten sich sehr dafür, wie das Karaokegerät den Tonart wechseln konnte, ohne das Tempo zu verändern, und fingen zum Schluß sogar selber an zu singen. Natürlich kannten Sie nicht die japanischen populären Lieder, und fingen einfach zu improvisieren an! Ich glaube, wir waren die einzigen Zeugen des Karaoke von Herrn Nicolet!
Die Zeit, die ich mit Ihnen verbringen durfte, beim Essen, Biertrinken oder sogar Rauchen, war immer sehr wichtig für mich. Dort schöpfte ich Energie für die Zukunft. Ich freue mich sehr darauf, Sie bald wieder zu sehen. Passen Sie gut auf sich auf!
Herzliche Grüße, von Ihrem
Hiroshi Aoki, Flötenbauer (Muramatsu Flutes Inc., Japan) und Flötist

Schon zu Beginn meines Lebens im Westen, seit 1977, hatte ich das Glück, Aurèle Nicolet - dem wunderbaren Menschen und Musiker, dem Flötenkönig - zu begegnen. Unsere ersten gemeinsamen Auftritte waren Mozart gewidmet. Ich kann sie nicht vergessen! Man empfindet immer eine ungeheure innere Erregung, wenn man Mozart hört, vor allem aber, wenn man an einer Aufführung beteiligt ist. Wann immer aber Nicolet solo spielt, dann ist das eine ganz besondere Aufführung. Sein geistvolles Spiel hebt seine Partner geradezu in den Himmel. Die einzigartige Leichtigkeit, der natürliche Fluß der langen musikalischen Phasen wirken zauberhaft. Manchmal kommt es einem vor, als ob er diese Musik gerade selbst komponiert.
Aber da waren nicht nur Proben und Konzerte, Ich treffe ihn gerne zu den verschiedensten Anlässen. Sein reger Geist, seine reiche Phantasie und sein unverwüstlicher Humor machen die Kommunikation mit ihm zur Freude. Es ist ein großes Vergnügen, sich mit ihm über Musik, und nicht nur über Musik, zu unterhalten - oder wie es in einem uralten chinesischen Sprichwort heißt: Es gibt kein größeres Vergnügen als das Gespräch mit einem guten Freund bei einer Flasche Wein. Zum ehrenvollen Jubiläum entbiete ich meinem Freund die besten Wünsche.
Rudolph Barshai, Dirigent und Bratschist

Lieber Aurèle Nicolet, die herzlichsten Gratulationen zu Deinem 80. Geburtstag, der mich zu vielen Gedanken anregt. Beispielsweise dazu, daß wir uns - vor bald 60 Jahren - beim Internationalen Musikwettbewerb in Genf kennenlernten, an dem wir beide erfolgreich waren - sehr zur Freude unseres gemeinsamen Lehrers Marcel Moyse, der selber einer der größten Flötisten und nicht zuletzt ein phantastischer Pädagoge war. Ich erinnere mich auch daran, daß Du in Kopenhagen, im Dänischen Rundfunk, die Partita für Flöte Solo von Bach aufgenommen hast - eine Aufnahme, die ich immer noch in meinem Tonband-Archiv aufbewahre. 1961 haben wir uns bei der Bachwoche in Ansbach wiedergesehen - eine herrliche Erinnerung.
Danke für eine so langjährige Freundschaft und Treue. Meine besten Wünsche für Deine Gesundheit und zukünftige Tätigkeit.
Dein alter Freund,
Poul Birkelund, Flötist

La flûte est, dit-on, dans la famille des bois l'instrument préféré des musiciens français, instrumentistes comme compositeurs. Si l'on juge seulement par les exemples de Debussy et Ravel, il est vrai que l'on constate le rôle priviligié qu'ils ont fait jouer à cet instrument dans leur musique. L'exemple le plus célèbre est, naturellement, la flûte du Prélude à l'Après-midi d'un Faune, auquel répondent les plus tardifs Syrinx et la Sonate pour flûte, alto et harpe. Quant à Ravel on ne peut oublier la Flûte enchantée dans Shéhérazade; pas plus que le redoutable solo dans Daphnis et Chloé. Aiguillés et aiguillonnés par ces exemples, il est vrai que les compositeurs français, dont je suis, ont fait plus souvent qu'à leur tour appel à la sonorité, à l'agilité, à la luminosité de cet instrument dans tous ses registres, dans toutes ses extensions possibles.
Un soliste exceptionnel comme Aurèle Nicolet a été le meilleur ambassadeur possible non seulement, d'ailleurs, du domaine français qu'il domine comme personne et dont, quant à moi, j'ai largement bénéficié, mais aussi bien dans toute la littérature qu'il explore avec bonheur et persévérance. Non seulement il a irradié par ses interprétations les ouvres écrites pour son instrument, mais il a formé, façonné par son enseignement nombre d'artistes, en mesure, maintenant, de prolonger sa personnalité dans la vie musicale actuelle. C'est donc à titre personnel que je puis témoigner à l'occasion de son 80e anniversaire, et il me reste de cette association un document très précieux à mes yeux, l'enregistrement vidéo du Marteau sans Maître réalisé dans les Studios SWF de Baden-Baden en 1968, où, en particulier, il joue superbement le solo qui se trouve à la toute fin de l'ouvre. Mais après ce témoignage égoïste, je tiens à dire et à redire que la musique, tant celle du passé que celle de notre temps a bénéficié sans réserve de son rayonnement personnel. Mais ayant été un priviligié, je tiens à la remercier de façon plus personnelle.
Pierre Boulez, Compositeur et chef d'orchestre

Mon cher Aurèle, voici venir l'heure des louanges où tout le monde va parler de toi. AH ah ah, je sais que tu n'aimes pas ça et pourtant ... qui peut échapper à sa renommée? Tu as formé un bataillon de professionnels qui ont tous conquis des postes de par le monde, tu as été soliste dans l'un des orchestres les plus prestigieux d'Europe et enfin tu as exprimé ta passion de vivre ta propre musique comme un artiste avide de liberté et de créativité. C'est bien fait pour toi, tu n'as que ce que tu mérites!...
Oui, cher Aurèle, tu mérites notre admiration, par ton intégrité artistique, qui fait de toi le musicien que nous respectons tous, et, par ta générosité à partager, le musicien que tous nous aimons, pour ce qu'il nous a donné en exemple: l'amour de la vérité, cette chose si essentielle qui nous construit durant toute notre vie d'artiste. J'ai un souvenir de Prague, pas si lointain,
où tu as exprimé tout cela, pour la plus grande joie de tous les étudiants qui nous entouraient et je me disais: "non, il ne renoncera jamais!"
Permets-moi de t'embrasser comme un grand frère en te souhaitant un joyeux anniversaire pour tes quatre vingt ans d'exigences, de droiture et de fidélité à cette déesse éternelle qu'est la Musique et que tu continues de servir dans ta pédagogie de par le monde.
Maurice Bourgue, hautboiste

Vor kurzem haben wir uns nach längerem Unterbruch ganz zufällig in Zürich getroffen, und es war für mich wieder - wie bei ganz alten Freundschaften üblich - wie wenn wir uns gerade gestern das letzte Mal gesehen hätten. Wieder war es die Herzlichkeit und Spontaneität, aber auch die Neugierde und Anteilnahme an dem Menschen, der ihm gerade gegenüber steht, die mich so berührt und angesprochen hat. Dies ist eigentlich eine Seite von Aurèle, die ich neben dem Musiker vom ersten Tag unserer Bekanntschaft und Freundschaft am meisten bewundert habe. Auch gegenüber ihm völlig fremden Menschen konnte ich diese Fähigkeit beobachten. Ich erinnere mich da besonders an zwei Episoden:
Es war in den Sechzigerjahren, als gerade mit Verstärkung experimentiert wurde. Mit vollgepacktem Auto fuhren wir nach Genf um ein Konzert zusammen mit J. Wyttenbach und H. Holliger zu geben. Nachdem alle Lautsprecher, Mikrophone etc. aufgebaut waren, sassen wir hinter der Bühne und warteten auf unseren Auftritt. Es war so eigentümlich ruhig im Saal; und als wir nachschauten, ob wir denn unser Konzert beginnen konnten, saß im Saal nur eine einzige Person - ein "Neger"! In seiner spontanen Herzlichkeit ging Aurèle auf ihn zu und, nachdem dieser freudig auf das Konzert verzichtet hatte, nahm er ihn mit zu einem fröhlichen Nachtessen.
Ein andermal, nachdem wir beide die damals für uns neue "Permanente Atmung" erlernt hatten, erzählte mir Aurèle eines Tages, wie er diese neuerworbene Technik angewendet hatte: Etwas angeheitert, wie er sagte, reagierte das Röhrchen bei einer Polizeikontrolle nicht, worauf er gemeinsam mit dem völlig irritierten Polizisten eine feuchtfröhliche Nacht auf dem Revier verbrachte.
Mit grosser Dankbarkeit denke ich an all die vielen Konzerte, die wir zusammen gegeben haben. Es war für mich immer ein Erlebnis, nicht nur mit einem begnadeten Flötisten, sondern vor allem auch mit einem ganz großen Musiker zu spielen.
Eduard Brunner, Klarinettist

Es war ein großes Glück für mich, mit Aurèle arbeiten zu können. Von ihm habe ich viel gelernt - zuallererst über Musik, natürlich, aber auch über andere Sachen: Moralität und Konsequenz - auf die Politik, auf die Leute und auch auf die Musik übertragen. Von Aurèle habe ich auch einen sonderbaren Satz, ein Oxymoron, gelernt: "l'arrogance de la modestie"; und vielleicht bin ich demütig stolz (noch ein Oxymoron!), das mit ihm zu teilen.
Bruno Canino, Pianist und Komponist

Ma première impression d'Aurèle Nicolet date d'un demi-siècle. Je n'étais qu'un aspirant au Conservatoire de Paris. Un jour on annonce que la Philharmonie de Berlin donnerait un concert à l'Opéra de Paris sous la direction de Furtwängler. Concert "historique" car, pendant la dizaine d'années précédente, les visiteurs allemands n'avaient pas tous été des musiciens en frac. Au programme Schumann, Ravel et la Suite No. 2 en si mineur de Bach. La Philharmonie était au grand complet pour cette oeuvre: dix contrebasses, au moins trente violons et... quatre flûtes dans les tuttis, avec un jeune échevelé jouant les solos. Autant dire que ce n'était pas le style baroque d'Harnoncourt. Mais c'était tout de même Furtwängler et je ne me doutais pas que cet ébouriffé deviendrait dix ans plus tard un ami pour cinquante ans. Au moins autant que le génial musicien, ce qui me rend Aurèle attachant, c'est les paradoxes qui en fait un être humain unique. Il est ensemble poète et paysan, esthéte et prolétaire. La Suisse est sa fibre et en rejette bien des traits. L'Amérique lui pèse et il aime parfois les pires idéologies totalitaires. Il déteste la musique salonarde et il voue un culte à Moyse, le champion de cette époque. C'est un vrai laïc mais habité de la nature divine des choses de l'esprit. Parfois sceptique quant à l'Allemagne mais pénétré de culture allemande. Agacé souvent par la superficialité francaise mais un amant exigeant et sincère.
On aimerait que cette culture pan-Européenne serve de modèle aux citoyens d'Europe que nous cherchons à être et d'exemple aux futurs musiciens et flûtistes.
Michel Debost, flûtiste

Lieber Aurèle, zahlreich werden die Gratulanten zu Deinem 80. Geburtstag sein, da so viele Menschen Dir für so vieles zu danken haben: vom Kreis Deiner Schüler, die durch Dich geprägt, an so vielen Orten der Welt wirken, über die Vielzahl der Kollegen, die Du durch Dein brillantes Musizieren und Deine liebenswerte Ausstrahlung inspiriert und bereichert hast, bis hin zu allen Menschen der musikalischen Welt, die Dir unvergeßliche Konzerterlebnisse verdanken - wobei so manch einer gar nicht weiß, wie entscheidend Du für die Verbreitung Deines Instruments und seiner Literatur gewirkt hast.
Auch ich gratuliere Dir sehr herzlich und denke dankbar an die Zeit gemeinsamer Konzerte zurück. Obwohl nur drei Jahre jünger als Du, begegneten wir uns persönlich erst in den späten 60er Jahren. Die Stationen Deiner so früh begonnenen Karriere (Genf, Zürich, Winterthur und Berlin bei Furtwängler) habe ich als Student und während meiner Theaterjahre natürlich miterlebt und Deine Funk- und Plattenaufnahmen glühend bewundert, doch mußte ich zuerst mein Württembergisches Kammerorchester gründen und aus den ersten Anfängen heraus zu einem Ensemble entwickeln, das sich künstlerisch erlauben konnte, Solisten wie Maurice Gendron, Alfred Brendel, Maurice André oder Aurèle Nicolet einzuladen.
Für Dein damaliges Kommen und für viele Konzerte und Aufnahmen der darauf folgenden 20 Jahre möchte ich Dir hiermit noch einmal ganz herzlich danken. Begegnungen mit Dir, das waren Meisterkurse für uns, in künstlerischer wie auch in menschlicher Hinsicht. So denke ich, sozusagen symbolhaft, an die von Dir und Christiane uns geschenkte Abschlußfeier einer Dezemberreise (Du wirst Dich erinnern), bei der in liebevoller Form jeder von uns persönlich bedacht wurde. Daß unser Tannenbaum in Deinem Garten aufwachsen durfte, gehört mit ins bezeichnende Bild.
Nimm all meine guten Gedanken für noch schöne Jahre auf dieser Welt.
Vielleicht gelingt uns ein Wiedersehen!
Jörg Faerber, Dirigent

Die Erinnerung an das Musizieren mit Aurèle Nicolet ist reines Entzücken. Zuletzt taten wir uns mit Bach-Arien beim Hieber-Jubiläum in München gegenseitig etwas Gutes. Das geschah nach Jahrzehnten der Zusammenarbeit, ob im regelmäßig zusammenkommenden Kammermusikkreis, der in Konzerten oder bei Aufnahmen brillierte, bei Schallplattenaufnahmen oder in Konzerten mit den Berliner Philharmonikern. Auf meine besondere Bitte assistierte er auch nach seinem Ausscheiden bei den anspruchsvollen Stellen in einigen Verdi-Arien, die wir gemeinsam aufnahmen.
Aurèles sammetweicher, jederzeit aber zum Jubilieren und Brillanten bereiter, mit einem natürlich schwingenden Vibrato gesegneter Ton liegt mir noch in den Ohren. Den trage ich bis zum letzten Tag in Herz und Hirn. Nichts musikalisch noch so Verzwicktes schien irgendein Problem darzustellen. Hinzu kam ein geselliges, austauschfreudiges Naturell, das sich besonders daran erwärmte, über die diversen Qualitäten oder Mangelerscheinungen bei Dirigenten zu sprechen. Und wenn Aurèle begeistert von der Erinnerung an Wilhelm Furtwängler erzählte, dann waren wir völlig einer Meinung.
Nun haben wir beide ein biblisches Alter erreicht. Ich wünsche dem Jubilanten, es möchte ihm seine fröhliche Neugierde erhalten bleiben, trotz aller Schwierigkeiten, die die Jahre mit sich bringen. Meine freundschaftlichen Gedanken wandern zu einem Gefährten der besten Zeit, mit dem die musikalische Verständigung immer ein wahres Labsal bedeutete.
Dietrich Fischer-Dieskau, Sänger und Dirigent

Nachdem ich in Paris meinen Premier Prix für Flöte und mein Dirigenten-Diplom erworben hatte, wollte ich mein Studium, für das mein Vater weiterhin zu zahlen bereit war, noch fortsetzen. Nur wußte ich nicht genau wo und wie. In diesem Moment erhielt ich ein Telegramm von Aurèle, in dem er mir mitteilte, dass er nach Berlin gehe und seine Stelle in Winterthur frei werde. In einem symbolischen Akt verbrannte ich das Telegramm an einer Kerze. Erst ein zusätzlicher Brief brachte mich dazu - weniger dem eigenen Wunsch als dem Ratschlag des älteren Kollegen entsprechend - mich für seine Nachfolge zu bewerben. Ich fuhr nach Winterthur. Und damit waren für ein paar Jahre - weitgehend sogar für meine ganze Berufslaufbahn - Weichen gestellt. Bis heute weiß ich nicht, ob ich Aurèle dafür dankbar sein oder ihm heimlich grollen soll...
Jahrzehnte später spielten wir zusammen bei den "Berner Flöten-Rezitals". Obschon wir gelegentlich verwechselt wurden (vermutlich wegen unserer ähnlichen Haartracht), gab es Leute, die staunten, dass angeblich "so unterschiedliche Flötisten" gemeinsam auftraten. Ich glaube, es war eine schöne Gelegenheit, zu erfahren, dass man nicht "gleich" zu sein braucht, um musikalisch zu harmonieren. Allerdings wäre es dazu gar nie gekommen, wenn mich Aurèle nicht zu dem frühen beruflichen Start bewegt hätte. Ein Grund zu sagen: Lieber Aurèle, späten Dank!
Peter-Lukas Graf, Flötist und Dirigent

Daß einem für eine Laudatio zu Aurèle Nicolets 80. Geburtstag die richtigen Worte nicht einfallen, hat gute Gründe: Man muß ihn gehört, mit ihm musiziert, ihn von Musik sprechen gehört haben, um bei dieser Gelegenheit nicht verdächtig zu sein, mit abgeklapperten Phrasen aufzuwarten. Man muß ihn erzählen hören, wie er zum ersten Mal in seinem Leben Bachs Drittes Brandenburgisches Konzert erlebte; wie er - obwohl entschlossen, es nicht geschehen zu lassen - Furtwänglers "Tristan"-Vorspiel verfiel; wie er mit Scherchen, Karl Richter oder Boulez musizierte. Vielen erscheinen diese Fixsterne in seinem musikalischen Kosmos nicht kompatibel; bei ihm sind sie es - wie auch sein Engagement ebenso bei alter wie bei zeitgenössischer Musik: ein hochspezialisierter Anti-Spezialist, der, wenn er mit dieser Musik befaßt war, die Erfahrungen mit jener nicht leugnete, ein Universalist, wie man ihm heute selten begegnet. Auch aus anderen Gründen - wäre er nicht ein wunderbarer Flötist geworden, dann allemal ein wunderbarer Musiker, vielleicht Dirigent? Immer hat er mit ansteckender Begeisterung musiziert, Ermüdung hat es bei ihm und um ihn herum nie gegeben, nie erlahmend die Neugier, Offenheit, das Staunen, die rückhaltlose Erlebnisbereitschaft gegenüber der Musik, mit der er es zu tun hatte. Ich könnte mir vorstellen, daß der alte Furtwängler den jungen Nicolet ähnlich dem gleichaltrigen
Fischer-Dieskau als legitimen Erben seines radikal existentiellen Verhältnisses zur Musik betrachtete. Wenn es so war - wie sehr hätte er Recht gehabt!
Peter Gülke, Dirigent

As-tu pensé, mon cher Aurèle, que nous nous connaissons depuis soixante ans ? En effet, nous avons été reçus au concours d'entrée au conservatoire supérieur de Paris en 1945 et en sommes sortis en 1947. Déjà à la classe de Monsieur MOYSE, tu nous épatais par ta musicalité, ta technique instrumentale qui traduisaient parfaitement ton émotion et ta grande érudition. J'ai eu la chance d'apprendre beaucoup de toi et essayé (modestement) de m'inspirer du même idéal.
Bon anniversaire cher copain.
Raymond Guiot, flûtiste

Mein lieber Aurèle, nun ist es also über 50 Jahre her, dass wir gemeinsam, von Fräulein Schumann mit ihren Kohlrouladen betreut, in der Thielallee in Berlin-Dahlem hausten. Zwei Schweizer in Berlin: Du hattest sensationell den Concours de Musique in Genf gewonnen und Dir Dein Engagement bei den Berliner Philharmonikern erspielt - ich hatte meinen ersten Vertrag an der Deutschen Oper in Berlin.
Mit Deinem wunderbar runden, warmen Flötenton und mit Deinem unverwechselbaren eigenen Timbre hast Du den alten Dirigenten Furtwängler betört, und das kritische Berliner Philharmoniker Publikum jubelte Dir zu und strömte zu Scharen in Deine Konzerte - was den damaligen Intendanten Dr. Westermann zu dem bestürzten Ausruf "ER IST EIN STAR, er weiss es nur noch nicht!" veranlaßte. Die Grundlage für diese Anerkennung, für diesen Erfolg, war eiserne Disziplin: Jeden Morgen um 5 Uhr verschwandest Du im schalldichten Keller der Thielallee-Wohnung zum unerbittlichen Üben.
Aber zum Glück hast Du sogar manchmal nicht geübt, so dass Zeit blieb für Schach, für Freundschaften. Mit den Lachers etwa in der Schweizer Botschaft oder mit der fröhlichen Sylvia Kind in ihrem Chaos in Halensee. Wie haben wir uns gefreut, als das Power-Couple Anna und Günter Grass in Berlin auftauchte, das uns nicht nur mit hitzigen Diskussionen, sondern auch mit erstaunlichen schlesischen Gerichten wie Lamm mit Bohnen und Birnen überraschte!
Lieber Aurèle, so sehr wir uns über Politik streiten konnten, so sehr waren wir eins im Phrasieren, später im unvergeßlichen Dreiklang mit dem großen Freund Karl Richter! Unsere beruflichen Wege haben uns beide schon lang von Berlin weggeführt, zum Glück haben wir uns immerhin alljährlich bei unseren japanischen Freunden in Kusatsu getroffen. Anna und ich würden so gerne mit Dir auf Deinen Geburtstag anstoßen, aber - wie Du weißt - fällt zu diesem Datum auch in unserer Familie ein runder Geburtstag an...
So sei herzlich, mit allen besten Wünschen umarmt, wir hoffen auf ein baldiges, frohes Wiedersehen,
Deine Anna und Ernst (Ernstli)
Ernst Haeflinger, Sänger

Lieber Aurèle, es ist unmöglich, alle musikalischen und menschlichen Tugenden aufzuzählen, die mir aus Deiner unvergeßlichen Karriere in Erinnerung geblieben sind. Ich kenne Dich seit Deiner ganz frühen Zeit bei den Berliner Philharmonikern. Schon damals warst Du ein Fixstern in diesem Orchester, das wirklich nicht arm war an großen Musikerpersönlichkeiten in der Glanzzeit von Karajan. Für mich warst Du immer eine der größten Musikerpersönlichkeiten. Unvergessen bleiben mir auch die fünf letzten Konzerte mit Dir und Karl Richter als kongeniales Duo. Ich habe Euch beide damals mit dem Auto von Stadt zu Stadt gefahren. Wenige Tage danach starb Karl Richter - viel zu früh.
Lieber Aurèle, die Musikliebhaber auf der ganzen Welt lieben und schätzen Dich auch heute noch. Mit Deinem unnachahmlichen Charme hast Du sie noch zusätzlich alle verzaubert. Danke für diese Freundschaft. Mit vielen, vielen guten Wünschen und Grüßen bleibe ich stets herzlich verbunden.
Georg Hörtnagel, Münchner Konzertdirektion Hörtnagel GmbH und Kontrabassist

I congratulate Nicolet-san from my heart on his 80th birthday. Nicolet-san joined the Kusatsu Music Academy & Festival first in 1992, when our Academy & Festival was in its 13th year. He seemed to be very pleased about the festival program, the selection of artists, the organization, and the atmosphere of the Academy, as he declared that "from next year I will take charge of the flute master class myself!" Since then "summer in Kusatsu" is his word and he comes whenever time allows. Nicolet-san takes up new compositions enthusiastically, that is seen also in his master class where such assignment as Berio's Sequenza is given. His students are often recommended to face contemporary works. In consideration of his mind I asked Mr. Akira Nishimura to compose a work for him. The work "concerto for flute, winds and percussion" was premiered at Kusatsu Festival in 1997. Thomas Indermühle and Milan Turkovic were gladly joined in the ensemble. Nicolet-san played with Bruno Canino "sonata for flute and piano" (orig. "wind quintet op. 26") by Schönberg in Kusatsu 1993. His vivid playing impressed me strongly and the sound remains still in my ears.
Much to my regret as record producer I met him too late. What I could record were only his live performances and their re-take sessions in Kusatsu. I missed working together with him in recording productions around the time when I did with Rampal and Gazzeloni. In summer 2005 in Kusatsu again Nicolet-san was so energetic in teaching and in listening to all concerts giving us various comments. We thank him much for his encouragement. For all who love and admire him, I do hope he takes care of himself! "Keep from smoking" ... though I wonder if I could say.
Hiroshi Isaka, secretary general, Kusatsu International Music Academy & Festival, Japan

Professor Nicolet und ich haben sehr viel zusammen musiziert, hauptsächlich in Japan. Vielleicht mehr als die Hälfte unserer Konzerte waren Bach-Abende. Jedes Mal verlangte er so viele Proben wie nur möglich. Eine Probe dauerte normalerweise etwa drei Stunden. Er wollte immer, daß ich jeden Moment mit meiner linken Hand die Baßlinie sehr plastisch gestalte. Manchmal hat er mir sogar die problematischen Stellen vorgesungen, so wie er sie sich vorstellte. Drei Stunden flogen vorbei, als wären es nur drei Minuten gewesen. Ich habe dabei wahrscheinlich zum ersten Mal begriffen, was Interpretation eigentlich bedeutet. Als Musiker verdanke ich Professor Nicolet unwahrscheinlich viel!
Michio Kobayashi, Pianist

Mein Grusswort ist nicht so sehr an Aurèle Nicolet, den genialen Flötisten, gerichtet, es gilt viel mehr dem universellen Musiker, dem inspirierenden Erzieher von Generationen von Flötisten, dem exemplarischen Menschen, der alle Probleme zu lösen weiss und dem vielleicht gar nicht bewusst ist, wie sehr sein Künstlertum mehr als nur seine Flötenschüler beeinflusst. Gerne gestehe ich ein, daß ich in meinen jüngeren Jahren die Flöte nicht besonders gemocht habe, und nachdem ich einige wenig ruhmreiche Auftritte gehört hatte, wäre ich - wie fast jeder Tastenspieler - geneigt gewesen, diesem Instrument keine Beachtung mehr zu schenken und die Möglichkeiten dieses virtuosesten aller Holzblasinstrumente ganz zu verachten - bis mir jemand begegnet ist, dessen Begabung, künstlerischer Anspruch und Hingabe mir den Weg jenseits alles Instrumentalen zeigte und mir als Beispiel dienen konnte gegen die, die geistige Freiheit lähmende, musikalische Alltäglichkeit und Trivialität.
Es mag einen wundern, daß ich, ein Pianist, gerade durch die Vermittlung eines Flötisten zu solcher Einsicht gelangt bin, die sich später als von entscheidender Bedeutung herausstellen sollte. Vor unserer ersten Begegnung hätte ich nie daran gedacht, daß ein scheinbar schlechtes Üben auch Erfolg bringen könnte. Ich hätte mir nie vorstellen können, daß aus Frustration unmerklich Erfolg entstehen kann, und daß man mit einem geglückten Ton dem dahinsterbenden Ehrgeiz Paroli bieten kann. All dies ist kaum erwähnenswert (ist es doch sehr privat, wem man wieviel verdankt), würde das, was ich von Aurèle Nicolet auf der Bühne gehört habe, dies nicht 100fach bestätigen.
Unter den unvergesslichen Eindrücken muss ich seine Bach- und Mozart-Interpretationen hervorheben, deren tiefe musikalische Deutung sogar die instrumentale Perfektion vergessen liess. Was kann man noch hinzufügen? Bartók, Rachmaninoff, Richard Strauss haben mich nie unterrichtet, trotzdem verehre ich sie als meine Meister. Aurèle Nicolet - dem ich gute Gesundheit, ein langes Leben und noch viele, viele schöne musikalische Erlebnisse wünsche, hat mir auch nie etwas mit blossem didaktischem Ziel gesagt: Doch bin ich stolz, daß ich ihn trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - als meinen Lehrmeister ansehen darf.
Zoltán Kocsis, Pianist und Dirigent

Aurèle Nicolet ist für mich einer der "Grossen". Schon allein deswegen, weil er stets mit unserer Zeit im Gleichschritt ging. Die Musik, die "Bruder-Kollege" Aurèle erzeugte, war für eine ganze Generation - und wahrscheinlich sogar für mehrere! - ein Beispiel, wie man der Musik dienen kann, wenn man ihr in all ihrer (oft zeitgenössischen) Vielfalt treu ist.
Ich wünsche meinem lieben Freund Aurèle - einem der Mitbegründer auch der Lockenhaus-Festspiele -, noch viele Jahre gesund und begeistert zu bleiben. Musiker und Flötist zugleich zu sein ist eher eine Seltenheit, und so hoffe ich, dass wir alle noch lange mit diesem Phänomen in Berührung kommen können.
Gidon Kremer, Geiger

Es erscheint mir unmöglich, Aurèle Nicolet mit wenigen Worten zu würdigen. Denn seine maßgebende Klangsprache und seine exemplarischen Interpretationen sowie sein universeller Geist konnten nur erlebt werden und sind mit Worten kaum zu beschreiben. Daher möchte ich Aurèle selber 'sprechen' lassen, indem ich kurz von einer Begebenheit berichte, die sich während meines Studiums in Berlin ereignete. Meiner Ansicht nach spiegelt sich darin ein charakteristischer Aspekt seiner großen Persönlichkeit wieder.
Eines Tages faßt sich Aurèle während des Unterrichts an den Kopf und sagt: "Rainer, ich habe ja ganz vergessen, meinen Kunstpreis abzuholen. Ich fahre schnell zur Kongreßhalle und komme danach gleich wieder." Dann verschwand er aus dem Zimmer, schwang sich aufs Fahrrad, sorglos gekleidet mit Tennisschuhen und Lederjacke, und fuhr in Richtung Kongreßhalle, wo ihn bereits der Regierende Bürgermeister, der Kultursenator und andere Honoratioren erwarteten. Eine halbe Stunde später kam er wieder und legte eine Mappe auf den Flügel mit den Worten: "Darin kannst du lesen, weshalb ich den Kunstpreis bekommen habe. Aber wegen meiner Kleidung hab ich mich doch etwas geschämt."
Von ganzem Herzen möchte ich Aurèle zu den ersten 80 Jahren seines reichen Lebens gratulieren. Er gehört zu den glücklichsten Begegnungen meines Lebens. Mögen für ihn viele glückliche und gesunde Jahre folgen.
Jörg Rainer Lafin, Flötenbauer und Flötist

Lieber Aurèle Nicolet, auf diesem Wege möchte ich Ihnen von Herzen alles Gute zu Ihrem besonderen Ehrentag wünschen. Ihr 80jähriger Geburtstag ist für mich Anlaß, Sie als herausragenden Musiker und Menschen zu würdigen. Ich hatte das Vergnügen, bei meinem Eintritt in das Berliner Philharmonische Orchester noch eine Saison mit Ihnen gemeinsam zu musizieren. Diese wunderbare Zeit habe ich bis heute nicht vergessen.
Eine besondere Freude war es für mich, Ihnen beim Kusatsu-Festival in Japan nach langer Zeit wieder zu begegnen.
Für Ihren weiteren Lebensweg wünsche ich Ihnen Gottes Segen und verbleibe mit herzlichen Grüßen,
Ihr Karl Leister, Klarinettist

Es war Anfang der 50er Jahre. Ich hatte gerade mein Studium in Detmold begonnen. Da waren die Berliner Philharmoniker zu Gast in Bielefeld und spielten in der Oetkerhalle, die berühmt ist wegen ihrer Akustik. Als die Kommilitonen vom Konzert zurückkamen, gab es nur ein Thema. Alle sprachen über den jungen Solo-Flötisten der Philharmoniker, über seine poetische Ausstrahlung, seinen zauberhaften Klang. Von da an war für mich der Name Aurèle Nicolet wie Musik und schon eine Legende. Lieber Aurèle, später kreuzten sich unsere Lebenswege so manches Mal. 1960 warst Du Juror im ARD-Wettbewerb in München, ich noch Teilnehmer. 1961 begegneten wir uns erstmals in Ansbach beim gemeinsamen Spiel in der Matthäus-Passion und im 4. Brandenburgischen. Seitdem verbinden uns die Arbeit mit Johann Sebastian Bach und die Erinnerung an Karl Richter und das Münchener Bach-Orchester. Diese Zeit hat bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren. Jetzt - inzwischen gehören wir zum alten Eisen - treffen wir uns immer wieder einmal bei gemeinsamer Jury-Arbeit in internationalen Flöten-Wettbewerben. Dort versuchen wir - möglichst kommentarlos, was gar nicht so leicht ist - die Vorträge der Kandidaten auf uns wirken zu lassen und sorgen uns - mehr und mehr - um die Seele in der Musik. Mit zunehmendem Alter wird uns der Faktor Zeit immer bewußter. Wir stellen fest, dass 20 Minuten manchmal kurz wie ein Blitz sein können, oft aber auch geradezu quälend lang. Und wenn dann die Zeit bleiern wird und der Rauch Deiner Gauloise in blauen Schwaden zur Saaldecke steigt, dabei die Sprinkleranlage auszulösen droht und das Betreuungspersonal in helle Aufregung gerät - dann sind wir wieder voll da! - Lieber Aurèle, bleib' uns noch lange erhalten - wir brauchen Dich!
Dein Pauly
Paul Meisen, Flötist

Warschauer Herbst 1981. Zum Festival reisen gleichzeitig Heinz Holliger und Aurèle Nicolet an, die gemeinsam das Doppelkonzert von Edison Denissow und das Concert avec plusieurs instruments von Paul-Heinz Dittrich spielen sollen. Der Auftritt von beiden Künstlern war ein außergewöhnliches und nicht nur ein künstlerisches Ereignis. Ihr unmittelbares Verhalten, ihr Optimismus, die Herzlichkeit im persönlichen Gespräch - all dies trug zu einer einzigartigen Atmosphäre bei, die den Organisatoren des Festivals sehr dabei behilflich war, mit den vielen organisatorischen Schwierigkeiten fertig zu werden.
Als Mitglied der Programmkommission hatte ich die angenehme Aufgabe, beide Künstler zu begrüßen. Aurèle Nicolet kam gleich zu Sache: "Ich möchte, dass Sie für mich ein Konzert für Flöte und Orchester komponieren", sagte er zu mir auf Deutsch mit dem für ihn so charakteristischen französischen Beiklang. "Sie möchten mein Flötenkonzert spielen?" fragte ich, nicht vorbereitet auf diese Art Gespräch. "Ich habe schon ein Konzert für Flöte geschrieben." "Ich weiß, ich weiß", unterbrach mich Nicolet, "aber Ihr Konzert ist mit Kammerorchester, und ich denke an die Begleitung eines großen Sinfonieorchesters." Ich hatte zu der Zeit einige völlig andere Projekte in Arbeit und hatte auch ehrlich gesagt keine große Lust, noch ein weiteres konzertantes Werk für Flöte und Orchester zu schreiben. Während ich noch darüber nachdachte, wie ich meine Ablehnung formulieren sollte, ohne unseren Gast zu kränken, trat unerwartet jemand hinzu, unterbrach mich, und damit war auch unser Gespräch zu Ende. An diesem Tag kamen wir nicht mehr darauf zurück.
Zwei Tage später fand das geplante Konzert mit beiden Künstlern statt. Das Orchester der Philharmonie in Lodz unter der Leitung von Andrzej Markowski führte glänzend drei sehr komplizierte Werke auf (die letzte Position im Programm war das Debüt eines jungen polnischen Komponisten). Während der Aufführung der Werke von Denissow und Dittrich spürte man, dass das Publikum wie elektrisiert der Kunst beider Interpreten lauschte. In der Pause auf dem Flur hörte man Stimmen, dass dieser Abend zweifellos zu den Höhepunkten des Festivals gehörte. Da war es für mich klar, dass ich mich bei einer Ablehnung von Aurèle Nicolets Vorschlag eines ungewöhnlichen Erlebnisses berauben würde, wie es der nähere Kontakt und die Zusammenarbeit mit diesem wunderbaren Künstlern sein würden. Um so größer war meine Freude, als ich nach dem Konzert beiden Künstlern gratulierte, dass Nicolet sofort auf unser Gespräch von vor zwei Tagen zurückkam. Natürlich versprach ich ihm, dass ich nach Erledigung meiner anderen Projekte sofort mit der Arbeit beginnen würde. Er nahm dies mit aufrichtiger Freude auf.
Leider mußten zwei Jahre vergehen, bevor ich die Arbeit an dieser Partitur beginnen konnte. Während der Arbeit war ich mehrfach mit Nicolet in telefonischem Kontakt, denn ich war mir über gewisse Dinge im unklaren, vor allem mit der Behandlung der Baßflöte. Mein neues Konzert hatte ich nämlich für 4 Flöten konzipiert, und ich plante, dass jedes Instrument bei einem anderen Satz beteiligt war: im ersten Satz Altflöte, im zweiten Piccolo, im dritten Baßflöte, und erst im letzten Satz die "normale" große Flöte. Unsere Telefongespräche waren kurz, die Anmerkungen von Nicolet lakonisch, und ich fühlte, dass er mir beim Komponieren "grünes Licht" gab.
Wir trafen uns erst bei den Proben in West - Berlin. Dies war im Dezember 1984. Die Leitung des Orchesters des Senders Freies Berlin hatte Peter Gülke. In den Pausen und nach den Proben spielte Aurèle Nicolet Solist für mich verschiedene Fragmente. Mein erster Eindruck war, dass er so hervorragend vorbereitet war, als hätte er dieses Stück schon viele Male gespielt. Viel wichtiger jedoch war, dass er mich nach den kleinsten Details der Interpretation befragte. Er zeigte mir verschiedene Arten der Phrasierung, Nuancen der Klangfarbe; er verlangte von mir in diesen Einzelheiten eine abschließende Entscheidung, und er schlug sogar einige kleinere Änderungen vor. Ich muß sagen, dass ich während dieser wenigen Tage sehr viel gelernt habe, obwohl mir schien, dass ich nach dem Komponieren mehrerer Werke für Flöte, darunter auch ein Kammerkonzert mit Soloflöte, schon einiges über die Behandlung dieses Instrumentes wußte. Die Gespräche und Proben mit diesem großen Künstler eröffneten mir völlig neue Klangwelten. Muß ich noch hinzufügen, dass die Berliner Aufführung phänomenal war?
Ich erinnere mich auch an die erste Aufführung dieses Werkes in Polen, in Breslau. Ich bemerkte damals, mit welcher Geduld Nicolet den Orchestermusikern Einzelheiten erklärte, wie er Details mit dem Dirigenten besprach und auch mit einzelnen Orchestermusikern. Dieses Ereignis blieb intensiv in meinem Gedächtnis, und ergänzend auch der Eindruck von Nicolet als Mensch, als Optimist, der anderen Menschen gegenüber so wohlwollend eingestellt war, an sein Gespür für Humor und an seine Begeisterung für die begabte Jugend (in Breslau führte er auch einen Interpretenkurs durch.)
Heute werde ich mir dessen bewußt, daß wir den 80jährigen Geburtstag dieses Künstlers feiern. Was möchte ich noch hinzufügen zu den üblichen Wünschen für Erfolg, Gesundheit und ein langes Leben? Vor allem, Aurèle, möchte ich Dir meine große Dankbarkeit ausdrücken für all die wunderbaren Augenblicke, die ich mit Dir erleben durfte, und dafür, dass ich so viel von Dir lernen konnte, und dafür, dass Du Dich mit Deiner großer Kunst auch meiner Musik gewidmet hast. Ad multos annos!
Krzysztof Meyer, Komponist

Mon trés cher Flautraverseur! Liebster, Bester Freund! - ich wünsche ihnen alles erdenklich gute, was nur immer zu wünschen ist. - doch nein, ihnen wünsche ich nichts, sondern alles mir. - Ich wünsche also m i r, daß sie immerzu gesund bleiben möchten, und noch unzählige Jahre zu meinem glück und grösten vergnügen leben sollen. - wünsche mir, daß dies alles, was ich thue und unternehme, nach ihrem wunsch und vergnügen seyn möchte - oder vielmehr, daß ich nichts thun möchte - was nicht - zu ihrer grösten freüde ausschlagen sollte. - und seien sie dessen versichert, daß mein brief mit den bitterkeiten von manheim mich reüet und daß ich gar nicht mehr gleich stuff bin, seit ich recht habe hören können, wie unvergleichlich Magnifique sie die flötte spiellen. - und ich hoffe, es bleibet auch so - denn was zu ihres freündes glück beytragen - muß ihnen Ja natürlicherweise auch angenehm seyn! - unser holländischer Indianer de jean, der flutraversist wendling, der Duc de guines und dessen Tochter, und die gnädige frau und die 2 freullein, /:bey den ich eben schreibe :/ machen auch ihren glückwunsch.
Ewig ihr verbundester freünd und ergebener dienner,
Wolfgang Amadé Motzard, Compositeur und Clavierspieller
(auch ein Jubillant, kurz vor seinem 250. Geburtstag - was sind dann erst 80?)

I remember Aurèle when he was about 16 (?) coming for a lesson with my father in a café near the concert hall in Geneva. He played the Bach E Major Sonata. I remember saying to myself "well, he is secured in himself", and I then felt he spent his whole career in the same state of mind with great success. In the afternoon of his first prize in Paris, he came to a restaurant in the Grands Boulevards where we were eating and played Syrinx for us.
Congratulations, happy birthday and best wishes.
Louis
Louis Moyse, Flutist and Composer (Sohn von Marcel Moyse)

Zum 80. Geburtstag von Prof. Nicolet möchte ich dem Jubilar von Herzen gratulieren und wünsche ihm beste Gesundheit für seinen weiteren Lebensweg.
Im Jahr 1968 durfte ich zum ersten Mal den Jubilar nach Japan einladen. Er hat damals einen tiefen Eindruck bei den Liebhabern der klassischen Musik in Japan hinterlassen, die er mit seiner Musik begeisterte. Der Grund für diese Einladung war die nachträgliche Empfehlung von Yasukazu Uemura vom NHK-Symphonieorchester, der seinerzeit bei Prof. Nicolet an der Freiburger Musikhochschule studierte, sowie die Unterstützung durch die inzwischen leider verstorbenen Pioniere der japanischen Flötenwelt, Masao Yoshida und Liliko Hayashi. Ich erinnere mich noch heute gerne an das Konzert in Basel zur Feier des 70. Geburtstags von Prof. Nicolet vor genau zehn Jahren (1996), anläßlich dessen Yasukazu Uemura das "Air" von Toru Takemitsu zur Welturaufführung brachte, das Takemitsu eigens für diesen Geburtstag komponiert hatte - als letztes Werk vor seinem Tod.
Nach seinem ersten Aufenthalt hat der Jubilar Japan sehr oft besucht, so oft, daß ich mich an die genaue Zahl nicht erinnern kann; ich vermute aber, daß es mehr als 25 Aufenthalte waren. Prof. Nicolet hat bei seiner Konzerttätigkeit ganz Japan bereist und mit vielen Orchestern zusammen musiziert, ist in vielen Fernseh- und Radioaufnahmen aufgetreten und hat eine Vielzahl von Studenten in Meisterklassen unterrichtet. Wenn ich mir das heutige hohe Niveau der Flötenmusik in Japan vergegenwärtige, das durch viele japanische Flötisten von Weltklasse belegt wird, so bin ich überzeugt davon, daß Prof. Nicolet hierzu entscheidend beigetragen hat. Ich möchte ihm hierfür von ganzem Herzen danken.
Ich möchte zum Schluß dieser Grußbotschaft meiner Hoffnung Ausdruck verleihen, daß der Jubilar auch in Zukunft in bester Gesundheit uns weiter mit seiner Musik bereichern und fortbilden wird.
Akira Obi, Präsident, Million Concert Co. Ltd., Japan

Ich bin ein spät Hinzugekommener - der aber nichtsdestoweniger sehr rasch die Aura und das Wesen Aurèles erfahren durfte: 1982 feierten die Berliner Philharmoniker ihren 100-sten Geburtstag. Ich war erst seit wenigen Jahren Solo-Oboist dort. Aurèle dagegen war in dem Orchester viel früher als Solo-Flötist tätig - ich glaube von 1946 - 55. Zu den 100-Jahr-Feierlichkeiten wurden möglichst viele frühere Mitglieder und Freunde des Orchesters eingeladen - so auch Aurèle. So saßen wir also ganz überraschend in einem sehr populären Konzert der Philharmoniker unter Seiji Ozawa bei der Ouvertüre zu "Donna Diana" nebeneinander - der absolute Meister der Flöte neben dem Novizen - , und doch tat sich Aurèle ein wenig schwer, nach so langen Jahren wieder im Orchester zu spielen. Es wurde zu einem höchst amüsanten Augenblick, zu einem wirklich menschlichen Kennenlernen - woraus sich eine herzliche Verbindung entwickelte.
Einige Jahre später, als Aurèle gleichzeitig mit mir an der Accademia Chigiana in Siena unterrichtete - immer mit einer übervollen Klasse, immer hochintensiv und direkt in seiner unterrichtenden Aktivität - hatten wir Gelegenheit, nicht nur Gedanken auszutauschen, sondern auch gemeinsam zu musizieren. Mir ist in besonderer Erinnerung die Sonate für Flöte, Oboe, Klarinette und Klavier von D. Milhaud, bei deren Proben wir mit zwei ganz verschiedenen Interpretationskonzepten aufeinander stießen: Ich sah in dem Stück (1918 geschrieben) die Klage über den 1.Weltkrieg, Aurèle dagegen ein Stück über den Karneval in Rio: Seine emotionale Kraft, seine Unmittelbarkeit im Umgang mit jeder Musik hat mich überzeugt, seine Bilder zu dieser Musik wurden so leuchtend, so ein-leuchtend, dass ich mein Konzept zwar nicht gänzlich aufgegeben, es aber doch seiner Idee weit untergeordnet habe........!
Schließlich saßen wir mehrmals in Wettbewerb-Jurys zusammen: Da habe ich erlebt, wie unkonventionell, wie direkt Aurèle Begabungen erfassen kann, sie förmlich riecht und sich heftig gegen - auch kollektive - Fehlurteile zur Wehr setzen kann. Das hat mir sehr imponiert: Dieser Mann ist zutiefst ehrlich, denkt nicht politisch, sondern absolut sachbezogen und liebt die Leistungen und Fähigkeiten junger begabter Menschen. Darum lieben ihn alle, die bei ihm studieren durften - und sie haben allen Grund dazu!
Hansjörg Schellenberger, Oboist und Dirigent

Lieber Aurèle, zu Deinem großen runden Geburtstag möchte ich hier alles Gute und Liebe wünschen. Du hast uns mit Deiner Kunst, mit Deinem ganzen Wesen reichlich beschenkt. Die Begegnung mit Dir hat mein Leben wesentlich beeinflußt. Mit Dir redet man über wichtige Dinge, auch wenn sie oft lustig klingen. Wie leer, dumm, egoistisch und langweilig sind die meisten Musiker! Da bist Du eine Ausnahme, ein Gegenbeispiel. Sei herzlichst bedankt dafür!
Mit lieben Grüßen,
Dein
András Schiff, Pianist

Lieber Aurèle!
Ich denke mit allen besten Wünschen an Dich; und mit großer Freude: Dich kennen zu dürfen, mit Dir gespielt zu haben (viel zu selten, aber 100% unvergeßlich!!) - aber auch jedes Glas Rotwein und jede gemeinsam gerauchte Zigarette sind große Schätze in meinem Inneren.
Für all das danke ich Dir aus vollem Herzen und umarme Dich,
Dein Heinrich Schiff, Cellist und Dirigent

Lieber Aurèle, es ist kaum zu glauben, daß Du tatsächlich 80 wirst! Vor mir steht ein immer jugendlich gebliebener, lebhafter Mann, so wie ich Dich aus unserer letzten Begegnung in St. Petersburg beim Hochschulwettbewerb vor einigen Jahren in Erinnerung habe. Deine warmherzige, engagierte und stets konstruktive Art des Umgangs mit den jungen Leuten hat mich tief beeindruckt und ist ja in den letzten Jahrzehnten ein wichtiger Teil Deines Lebens geworden.
Die Zusammenarbeit mit der Konzertdirektion währt nun auch schon über 30 Jahre und begann lange vor meiner Zeit in der Firma. Soweit ich dies rekonstruieren konnte, mit einer Tournee mit den Wiener Solisten im Jahr 1971. "Solistenmöglichkeit: Aurèle Nicolet", stand damals auf unserer Tourneeliste. Es folgte eine Tournee mit der Sinfonia of England ein Jahr später, wo Du die Leitung hattest und gemeinsam mit Maurice André Solist warst. Auf unserer Künstlerliste warst Du erstmals 1971/72 zu finden, als Duo mit George Malcolm, später dann als Solist im weltweiten Generalmanagement.
Meine erste persönliche Erinnerung ist eine Tournee mit dem legendären Basel Ensemble im Jahr 1975. Ich war damals sehr bewegt von Deinem Spiel (hatte nicht gedacht, dass so etwas auf der Flöte möglich ist), auch von der Lebendigkeit des Musizierens dieses einmaligen Ensembles und von Deiner Persönlichkeit. "Entscheidend aber dürfte sein, daß alle Brillanz und Zartheit, Eleganz und Prägnanz der Wiedergabe getragen wird von einer urwüchsigen, dennoch kultivierten Musikalität." So schrieben wir einmal in einer unserer alljährlich erscheinenden Hauszeitschrift. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Wir sind sehr stolz darauf, so lange für Dich gearbeitet zu haben. Die gesamte Konzertdirektion Hans Ulrich Schmid gratuliert Dir ganz herzlich zum 80. Geburtstag!
Cornelia Schmid, Präsidentin der Konzertdirektion Schmid, Hannover

Lieber, hochverehrter Auréle Nicolet,
mir ist so, als hätte ich eben noch mit Ihnen musiziert, muß aber erstaunt feststellen, daß Sie in wenigen Tagen Ihren 80. Geburtstag feiern. Unser letztes musikalisches Zusammentreffen hat mich so glücklich gemacht (Jubiläumskonzert für Musik-Hieber), daß ich das Gefühl habe, es war vor wenigen Tagen. Lassen Sie mich zu diesem Anlaß meinen Dank sagen für musikalische Erlebnisse, die Einmaligkeit besitzen. Natürlich war die Zeit mit Karli Richter für mich prägend, und Sie haben einen Teil - wenn ich an die "Frohe-Hirten-Arie" denke oder das "Benedictus" aus der h-moll-Messe - dazu beigetragen. Ihr bewunderungswürdiges Legato, Ihr außergewöhnlich schöner Ton machten Sie "zum Sänger" unter den Flötisten.
Ich schätze mich glücklich, Ihnen in meinem musikalischen Leben begegnet zu sein, bedanke mich für diese Erlebnisse und wünsche Ihnen ganz besonders gute Gesundheit zum 80. Geburtstag
Ihr Peter Schreier, Sänger und Dirigent

Es war das "Siècle d'Or" der von Karl Richters Genius, Kunst und Charisma entflammten Bach-Bewegung - ach was, der Richterschen Evangelisierung des katholisch definierten Kultur- und Musikmilieus Münchens. In dieser Mythologie einer faszinierenden, weil authentischen Bachszene der Siebziger und Achtziger Jahre hat Aurèle Nicolet seinen Platz als einer der tonangebenden Erzengel, noch dazu der strahlendste - umschwärmt ob seiner tiefen Musikalität und unerhörten Leichtigkeit des Seins zugleich. Nicolets Rezitals - weit mehr als nur accompagniert von Karl Richter, Sir George Malcolm oder Zuzana Ruzicková - waren für unsere Konzertbesucher wiederkehrende Rituale, überwältigende Initiationen großer Musikkultur. Telemanns Doppelkonzert e-moll mit Frans Brüggen an der Seite Aurèle Nicolets und unter dem hinreißenden Primarius Bogdan Warchal und seinen fetzig aufspielenden Slowaken oder aber Mozarts Flötenquartette im Paket mit Sascko Gawriloff, Hirofumi Fukai und dem taufrischen Heinrich Schiff (neben Ursula und Heinz Holliger) klingen mir wie zeitlose Legenden im Ohr der Erinnerung. Die Generalversammlungen unter András Adorjáns synoptischer Programmkunst à la Boehm und Doppler mit Jean-Pierre Rampal, William und Michie Bennett, Michel und Kathy Debost, Maxence und Véronique Larrieu, András und Marianne Adorján und eben Aurèle Nicolet (nur der römische Grandseigneur Severino Gazzeloni fehlte) waren mehr als ein flautophiles Rencontre einer fabelhaften Flötistenelite. Die Alltagssprache der Postmoderne hätte solche Grandeur und Grandezza eines rauschenden Abends im Herkulessaal wohl auf Neudeutsch einen "Event" genannt. Aurèle Nicolet war die geistige Mitte.
Wir - ein junges Veranstalterehepaar damals - danken Aurèle Nicolet nicht nur die Teilhabe an seinen wunderbaren Konzerten. Wir danken Aurèle Nicolet das grundlegende, eben auch menschliche Vertrauen, unter unserem Dach zu spielen - lange bevor Bell'Arte daraus wurde.
Man erlebt ja viel in vierzig Jahren, und manch gute Literatur kommt einem in den Sinn. Vielleicht ist Aurèle Nicolet - so denke ich - einer jener couragierten "Krieger de Lichts", denen der Mystiker Paulo Coelho in seinen Erzählwanderungen zwischen Okzident und Orient die "Sanctissima Fides" an eine gute Welt (und Weltmusik) von morgen zumißt.
Klaus und Marie-Theres Schreyer, Bell'Arte Konzertdirektion, München

Lieber, hochverehrter Aurèle Nicolet, zu Deinem Geburtstag möchte ich Dir zusammen mit meiner Familie aufs herzlichste gratulieren. Es war mir immer die größte Freude, Dir zuhören zu können und Dich als Solist in Konzerten zu haben, die ich persönlich dirigieren durfte. Schon während unseres Studiums an der Musikhochschule, hast Du uns "Anfänger" mit nach Traunstein begleitet und unseren Konzerten mit Deinem Auftritt großen Glanz verliehen.
Wir alle haben sehr viel von Dir gelernt, nicht nur musikalisch. Dein umfassendes Wissen und Können hat uns alle beeinflußt und bis heute beeindruckt. Das Musizieren mit Dir begeisterte uns immer, egal ob Du als Solist mit dem Bachorchester musiziertest oder Dich zu uns als Orchestermitglied setztest. Unseren Flötenbauern Werner Wetzel und Christian Jäger hast Du mit Deinen Vorschlägen, Verbesserungen und Ideen geholfen - jede neue Flöte, und sei es eine noch so tiefe und große gewesen, hat Deine Neugier geweckt.
Eines meiner schönsten Erlebnisse mit Dir war 1993 - beim Jubiläumskonzert vom Musikhaus Bauer. Im ersten Teil spieltest Du als Solist mit dem Kammerorchester die Ouvertüre h-moll von Bach, dann die Arie "Ächzen und erbärmlich weinen" aus der Kantate Nr. 13 von Bach mit Fischer-Dieskau, und nach der Pause kamst Du mit dem Orchester auf die Bühne, um unter Leitung von Peter Schreier die Haffner-Sinfonie von Mozart zu spielen. Dies war ein unvergeßliches Ereignis für uns alle.
Du warst für uns einer der größten Solisten und gleichzeitig ein sehr liebenswürdiger und bescheidener Musiker, der immer mit Rat und Tat zur Seite stand.
Wir wünschen Dir alles erdenklich Gute, Gesundheit und sagen herzlichen Dank für alle die schönen Erlebnisse mit Dir.
Ulrich Seibert mit Familie, Freund und vormaliger Geschäftsführer Fa. Hieber-Bauer, München

80 years is true according to the calendar, but totally untrue when meeting this man who, all through his life, has been and remains the symbol of the avant-garde from the point of view of his amazing appetite to embrace knowledge in all its forms. The moment one dives into the deep, pure blue of Aurèle's eyes, one becomes a better human being, a better artist, and cannot escape becoming a better musician. Aurèle will stay forever as a master of the flute. But the flute, with its purity of sound and almost sinus-tone, is the embodiment of Aurèle Nicolet's personal stamp on the pages of history and in the hearts of those lucky enough to have known him.
With fondest wishes and embrace,
Noam Sheriff, Composer and conductor

Lieber Aurèle, auch ich möchte mich einreihen in die Schar der Gratulanten, wenngleich es mir schwer fällt, zu glauben, dass nun auch Du zu den 80-jährigen zählen sollst. Wenn ich so zurück denke, dann hatte ich oft die Freude, mit Dir aufs Podium zu gehen, und jedes Mal profitierte ich von Deinem Charme, der den Erfolg schon sicherte, noch bevor Du einen Ton geblasen hast. Was dann geschah, war " r e i n e M u s i k ". Dein blühend warmer Ton und Deine gestalterische Fantasie, fern ab von allem Geschmäcklertum und grauer Theorie, brachte alle Werke zu neuem Leben, selbst wenn wir sie schon zum x-ten Mal gespielt haben. Dein reiches, schweres Leben erzähltest Du durch Deine Flöte, und man war sodann als Dein Begleiter mit auf dem Weg, quasi Schicksalsgefährte.
Was bleibt von alldem? Vielen Menschen hast Du Freude gemacht. Allein schon durch Deinen enormen Einsatz für neue Musik hast Du so manchen Komponisten (nicht zuletzt auch mir) Mut gemacht. Eine Unzahl Deiner Schüler bestellen heute die Felder, deren Äcker Du tief gegraben hast.
Für all' das danke ich Dir und wünsche Dir alles erdenklich Gute. Wirke weiter, so wie Paracelsus sagt: "...denn da feiert kein Stern, kein Stern steht stille."
Dein Hans Stadlmair, Dirigent und Komponist

Die Freundschaft zwischen Aurèle Nicolet und mir hat sich nun schon über ein halbes Jahrhundert bewährt. Als er 1950 zu uns "Berlinern" kam, waren wir auf Anhieb Vertraute. Aurèles Auftritt war eine Sensation: Nicht nur sein blühender Ton, seine makellose Technik wirkten aufhorchend, auch seine kraftvoll-gesunde Erscheinung, gepaart mit hohem Haarwuchs - gleich einem "aufgeplatzten Sofa" (so die Kollegen) - machten ihn auch optisch zum Mittelpunkt des Orchesters!
Gemeinsam konnten wir uns der Gunst Wilhelm Furtwänglers erfreuen. Auf vielen und langen Konzertreisen wurden wir stets in Doppelzimmern im gleichen Hotel untergebracht, das auch Furtwängler bewohnte. Das änderte sich auch nicht in der Ära Karajans, bis Aurèle 58 das Orchester verließ, um eine sehr erfolgreiche Karriere als Solist zu beginnen. Wir blieben dann noch einige Jahre an der Musikhochschule Kollegen.
Von den vielen schönen Erinnerungen an Aurèle Nicolet hat mich stets eine besonders bewegt: 1953 hatte Aurèle unter Furtwänglers Leitung in Paris einmalig schön die h-Moll Suite Bachs geblasen. Nach dem Konzert gingen Aurèle und ich zu unserem Hotel, als ein alter Straßenmusikant sich ebenfalls um das gleiche Werk - allerdings kaum erkennbar - vergebens bemühte. Ob der alte "Kollege" wohl wußte, wer vor ihm stand und spendete? Glanz und Elend - wie dicht kann das sein? Mein Jahrgang 1919 weiß es.
Alle guten Wünsche und Dank meinem Freunde Aurèle Nicolet.
Karl Steins, Oboist



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aktualisiert am Mittwoch, 20. Jun. 2007 um 18:00:58 CEST

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