Flöte aktuell 4.2005 (1c)
Was für elendes Zeug hört man nicht da! - Teil 3
Fermaten und Kadenzen der Musik des 18. Jahrhunderts
Elisabeth Weinzierl - Edmund Wächter
Mehr Vortheil durch eine billige Kürze, als durch eine verdrüßliche Länge
Die Cadenzen für eine Singstimme oder ein Blasinstrument müssen so beschaffen seyn, daß sie in einem Athem gemacht werden können. Ein Saiteninstrumentist kann sie so lang machen, als ihm beliebt; sofern er anders reich an Erfindung ist. Doch erlangt er mehr Vortheil durch eine billige Kürze, als durch eine verdrüßliche Länge.1 Doch könnte dies unter gewissen Umständen eine Ausnahme leiden, wenn man den Gesang und die Figuren oder Passagen darnach einrichtet. Dieses geschiehet entweder durch kleine Pausen, oder kurz abgesetzte Noten wo man allezeit so viel Zeit gewinnet, Athem zu nehmen.5
Johann Georg Tromlitz (Ausführlicher und gründlicher Unterricht... 12. Kapitel, p)N.B.: Die zweistimmigen Cadenzen können etwas länger gemacht werden, als die einstimmigen: weil darinne enthaltene Harmonie dem Gehöre nicht so leicht verdrüßlich fällt; auch alsdenn das Athemholen erlaubt ist.1 Deshalb können uns die originalen Klavierkadenzen (z.B. von Mozart) - obwohl häufig angeführt - nur bedingt als Modelle dienen.
Mancher aber würde sein Stück mit mehr Ehre beschließen, wenn er gar keine Cadenz machete....
...wenn sie bey der Instrumentalmusik, bey solchen Stücken angebracht werden, wohin sich gar keine schicken; z. E. Bey lustigen und geschwinden Stücken die im 2/4, 3/4, 3/8, 12/8 und 6/8 Tacte gesetzet sind. Man muß bey den Cadenzen überhaupt sich hüten, die Töne womit sich die Clauseln anfangen, als welche sich dem Gehöre mehr, als die anderen eindrücken, nicht zu oft hören zu lassen: Denn dieses würde dem Ohre eben so widerwärtig vorkommen, als wenn man in einer Rede verschiedene Perioden nacheinander immer mit demselben Worte anfangen oder endigen wollte.1
Viele übrigens recht gute Spieler haben das schädliche Vorurtheil, man müsse in Kadenzen hauptsächliche große Fertigkeit zu zeigen versuchen. Nicht selten scheint es, ein Konzert werde blos der Kadenzen wegen gespielt. - Der Ausführer schweift dabey nicht nur in Absicht auf die zweckmäßige Länge aus, sondern bringt noch überdies allerley Gedanken darin an, die auf das vorhergegangene Tonstück nicht die geringste Beziehung haben, so daß dadurch der gute Eindruck, welchen das Tonstück vielleicht auf den Zuhörer gemacht hatte, größtentheils wieder wegkadenziert wird.3
Tipps für die Praxis
Das Vertrauen in die eigene Kunstfertigkeit wird dadurch gestärkt, dass bereits die ersten Anfänge gelingen. Ein paar Hilfen und Regeln haben sich bewährt:
- In einer Tonart bleiben und diese durch Tonleiterübungen vorbereiten.
- Tonleiter-Improvisationen - in aller Regel legato - gelingen meist leichter als Akkordbrechungen oder Sprünge.
- Mit aufsteigenden Linien zu beginnen fällt oft leichter, als mit absteigenden Linien.
- Vielfache Improvisationsversuche, evtl. abwechselnd SchülerIn - LehrerIn.
- Wir bemängeln keine “schlechten” Versuche sondern besprechen ggf. den Charakter mit zugehöriger Analyse.
- Gelungene Improvisationen kann der Spieler notieren und für eine Aufführung beispielsweise “studieren”.
- Zur Ausprägung des Stilgefühls Kadenzen aus alten Traktaten üben und auch transponieren. In einigen Fällen gibt es auch Originalkadenzen. Reichlich Beispiele gibt es in der Sammlung “Prélude · Cadence · Capriccio”, Hrg. Nikolaus Delius (Schott ED 8477)
Wer das bisher gesagete genau überleget...
Wer das bisher gesagete genau überleget, wird einsehen, daß es nicht wohl möglich ist allgemeine gute Cadenzen vorzuschreiben; so wenig als es möglich ist, jemanden witzige Einfälle vorher auswendig zu lehren. Denn eins und das andere wird durch die Umstände und die Gelegenheit theils hervorgebracht, theils bestimmt. Durch fleißiges Lesen und Beobachten der witzigen Einfälle anderer aber, kann einer seinen eigenen Witz erwecken, schärfen, und verbessern; so wie er ihn durch die Vorschriften der Vernunft in Ordnung halten kann.3
Alle kursiv gedruckten Abschnitte sind wörtliche Zitate aus folgenden Lehrwerken:
1 Johann Joachim Quantz, Versuch einer Anweisung die flûte traversière zu spielen, Berlin 1752
2 Carl Philipp Emanuel Bach, Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen, Berlin 1753
3 Pier Francesco Tosi/ Johann Friedrich Agricola: Anleitung zur Singkunst, Berlin 1757
4 Daniel Gottlob Türk, Klavierschule oder Anweisung zum Klavierspielen für Lehrer und Lernende, Leipzig und Halle, 1789
5 Johann Georg Tromlitz, Ausführlicher und gründlicher Unterricht die Flöte zu spielen, Leipzig, 1791

