PDF erzeugen Diese Seite drucken

Flöte aktuell 4.2005 (1a)

Was für elendes Zeug hört man nicht da! - Teil 1

Fermaten und Kadenzen der Musik des 18. Jahrhunderts

Elisabeth Weinzierl - Edmund Wächter

Taffanel & Gaubert, Donjon... die Kadenzen zu Mozarts Flötenkonzerten standen fest. Bei anderen Konzerten, sofern sie überhaupt im Repertoire waren, spielte man, was die Verlage mitlieferten, oder der Lehrer gab dem Schüler eine Kadenz, die er selbst von seinem Lehrer geerbt hatte und deren Autor nach Generationen nicht mehr feststellbar war... So war das noch vor wenigen Jahrzehnten. Freilich, Rampal und Kollegen leisteten sich bald eigene Kadenzen und wir spielen sie nach, seit sie im Druck erschienen sind. In zunehmenden Maß beauftragten namhafte Interpreten befreundete Komponisten, ihnen Kadenzen zu schreiben, oder bemühten sich um eigene Kreationen. Da finden wir beachtenswerte aktuelle Deutungen alten thematischen Materials, aber bisweilen werden Noten auf Noten gehäuft, die nicht das geringste Gefühl des Hauptsatzes verraten; wenn die Cadenz nur recht lang wird, da heißt es alsdenn: bravissimo! Was für elendes Zeug hört man nicht da! Wahrhaftig es wäre oft besser, man endigte bloß mit einem schönen Triller! Wenn man nun eine solche Mißgeburth gehöret hat, so kömmt nun auch wohl noch ein erbärmlicher Bockstriller hinter drein, und doch erfolget ein bravo! bravissimo! Ich will mit allen diesen nicht gesaget haben, als ob eine schöne, und der Sache angemessene Cadenz nicht ihre gute Wirkung thun könnte; wenn sie zum Ganzen gehöret, eine angemessene Länge hat, und im guten Geschmack und mit Einsicht gearbeitet ist, so ist sie in der That eine Schönheit.5

Auch was Fermaten und Kadenzen betrifft, färbt die “historische Aufführungspraxis” zunehmend auf die “modernen” Instrumentalisten ab und setzt auch die Welt der “Böhmflötisten” in Bewegung. So plädiert Peter-Lukas Graf in einem vielbeachteten Artikel (Das Orchester, 9/01) für eigene Kadenzen, wie sie bereits Wettbewerbe, z.B. der Wiesbadener Mozart-Wettbewerb 2003 fordern, und Robert D. Levin bietet bei den neuen Ausgaben der Mozart-Flötenkonzerte im Henle-Verlag Kadenz-Baukästen an. Mittlerweile gehört in manchen Ausbildungsklassen eine selbstgestaltete Kadenz wieder zur Selbstverständlichkeit und wir FlötenlehrerInnen sollten so früh wie möglich diese Art von eigenschöpferischer Kunst fördern. Im frühen Lernstadium gelingt das oft sehr ungezwungen mit den besten Einfällen, während später häufig das Vertrauen in die eigenen kreativen Fähigkeiten schwindet. Auch als Lehrer müssen wir den Mut dazu haben, und selbst wenn wir uns zuvor noch nie damit beschäftigt haben, werden wir feststellen, dass das gar nicht so schwer ist, wenn wir uns von den historischen Quellen ermuntern lassen, die uns mittlerweile in Taschenbuchausgaben zur Verfügung stehen.

Fermaten und Cadenzen...

Es ist vielleicht ein halbes Jahrhundert her [also um 1700], dass diese Cadenzen bey den Italiänern aufgekommen, nachher aber von den Deutschen und von anderen, welche sich beflissen haben im italiänischen Geschmacke zu singen und zu spielen, nachgemachet worden sind. Die Franzosen haben sich ihrer noch immer enthalten.1 Im engeren Sinne des Wortes Kadenz versteht man jetzt vorzugsweise darunter: die willkürlichen Verzierungen, welche vor einem völligen Tonschlusse in der Hauptstimme angebracht, und unmittelbar vor der Schlussnote mit einem Triller geendigt werden. Die Kadenz soll unter anderem, wenn ich nicht sehr irre, vorzüglich den Eindruck, welchen das Tonstück gemacht hat, auf das lebhafteste verstärken, und die wichtigsten Theile des Ganzen gleichsam in einem Abrisse oder äußerst gedrängten Auszuge darstellen.4

Fermaten und Cadenzen scheinen mehr willkürliche als wesentliche Auszierungen zu sein. Die ersten kommen in der Mitte, die letzteren am Ende eines Stückes vor.5 Zuweilen kömmt eine solche Fermate gleich am Anfange vor. Nach diesen Fermaten folgt immer eine Pause, auf welcher man sich von neuem aufzuhalten pflegt. Hier wird nun, nach Belieben, auf der anschlagenden Note, eine, der Hauptleidenschaft des Stücks gemäße willkürliche Auszierung gemacht, welche sich nicht an den Tact bindet. Sie muß sich aber allemal auf die anschlagende Harmonie der Bassnote gründen, über welcher sie angebracht wird, und keinen anderen Accord berühren.3

Die Fermaten über Pausen kommen mehrentheils im Allegro vor, und werden ganz simple vorgetragen. Die anderen zwey Arten [über der letzten oder vorletzten Note des Basses] findet man gemeiniglich in langsamen und affecktuösen Stücken, und müssen verzieret werden, oder man fällt in den Fehler der Einfalt.2

Carl Philipp Emanuel Bach (Versuch... Tabula VI Fig: XCVI)Carl Philipp Emanuel Bach (Versuch... Tabula VI Fig: XCVI)

Dieses Zeichen [Fermate] kömmt auch im Rondo vor; wo es zuweilen eine bloße Haltung, zuweilen aber eine Einleitung zum Hauptsatze anzeiget.

Johann Georg Tromlitz (Ausführlicher und gründlicher Unterricht... 12. Kapitel, k)Johann Georg Tromlitz (Ausführlicher und gründlicher Unterricht... 12. Kapitel, k)

Man sieht aus diesem Beyspiel, daß die Einteilung sich an keinen Takt bindet, sondern ganz freie Fantasie ist.5 Überhaupt pflegt man, wenn es der Affekt erfordert, schon bey den Noten vor der Fermate die Bewegung allmählich etwas langsamer zu nehmen; vorausgesetzt daß man alleine spielt, oder aufmerksame Begleiter hat.4

» weiter zum 2. Teil des Artikels . . .



^ zum Anfang
aktualisiert am Montag, 27. Nov. 2006 um 12:08:53 CET

Vorherige Seite: Online-Artikel
Nächste Seite: Impressum