Flöte aktuell 3.2005 - 20 Jahre DGfF (III)
Interview mit Hans-Udo Heinzmann
zum Jubiläumsjahr der DGfF
Jürgen Franz
Lieber Udo, in diesem Jahr feiern wir den zwanzigsten Geburtstag der DGfF. Als Gründungsmitglied und Gründungsvorstand hattest du maßgeblichen Anteil an der Entstehung der DGfF. Welche Gründe bewegten euch dazu, eine Flötengesellschaft zu gründen?
Die Ursprünge sind im Grunde genommen ganz einfach zu erklären, es gab damals ja schon seit ca. 20 Jahren die NFA in den USA ebenso wie die British Flute Society. Auf den Conventions dieser beiden Organisationen habe ich gesehen, welchen Einfluss so etwas auf die ”Flötenwelt” haben kann. In Deutschland gab es das nicht, wir hatten keine Informationen über Flötisten oder Instrumente, sowie andere Themen rund um die Flöte. Wir, das waren hauptsächlich Rüdiger Jacobsen und ich, überlegten dann zusammen ob man das nicht auch in Deutschland machen sollte. Rüdiger und ich waren damals sehr eng befreundet, kannten uns von Meisterkursen bei Graf, schon seit meiner Zeit im Frankfurter Museums-Orchester. Ich war damals häufig in Frankfurt. Bei nächtlichen Gesprächen mit Rotwein und Käse kamen wir immer wieder auf die Idee, eine deutsche Flötengesellschaft zu gründen. Irgendwann, ergriffen wir dann die Initiative und sagten, jetzt machen wir es.
Die Idee zu haben um solch ein Projekt zu verwirklichen und die Ausführung sind ja zwei verschieden Dinge. Welche Probleme hattet Ihr bei der Gründung der Flötengesellschaft?
Die Probleme waren natürlich mannigfaltig, wir hatten ja beide keine Ahnung von Vereinsrecht und Rüdiger hat sich da wirklich reingehängt, die rechtlichen Dinge abzuklären. Es gibt ja genaue Vorgaben wie ein Verein gegliedert sein muss, vom Vorstand über den Kassenwart usw. Dann muss man als eingetragener Verein eine Satzung haben, in dieser müssen dann auch Ziele des Vereins angeführt werden. Da habe ich dann meine Beziehungen benutzt, ich kannte hier in Hamburg einen sehr hohen Handelsrichter, mit dem ich die Satzung ausgetüftelt habe. Wir sahen uns viele Satzungen von Sportvereinen und sonstigen Vereinen an und haben Ziele festgelegt die in der Satzung enthalten sein müssen. Die Verbreitung von Musik, im speziellen Flötenmusik und die Beschäftigung mit der Flöte für die Allgemeinheit. Dann mussten wir natürlich die richtigen Leute für eine Gründung finden. Im Freundes- und Kollegenkreis suchten wir dann Leute, die den Enthusiasmus mit uns teilten und mitmachen wollten. Juristisch gesehen mussten wir auch noch klären, wie man sich als Verein verbreitet und was man überhaupt macht, um die Ziele zu erreichen. Das waren ungeheure logistische Probleme.
Die Zeitschrift ”Flöte aktuell” ist ja dann gleich zu einem wichtigen Faktor für eure Ziele geworden, einen solch großen Aufwand zu leisten war sicherlich nicht leicht.
Es war uns natürlich klar, dass ein solcher Verein nur mit einer Zeitschrift funktioniert, es ist das elementare Medium für die Flötengesellschaft. Die Ziele mussten sein, Schüler, Studenten, Amateure und professionelle Flötisten gleichermaßen anzusprechen. Ein weiterer Punkt waren dann auch die Festivals, und Wochenend-Veranstaltungen, heute würde man vielleicht Events sagen. Wir wollten die internationalen Flötensolisten präsentieren, pädagogische Aspekte diskutieren und eben mit der Zeitschrift die Ziele des Vereins erreichen.
Dieses Magazin musste dann natürlich auch schnell entstehen, es musste jemand gefunden werden, der die Zeitschrift macht. Wir haben uns dann erst 'mal alle selbst hingesetzt und geschrieben. Ich habe z.B. über Flötenbau geschrieben, mein Kollege Matthias Perl hat Interpretationsvergleiche verfasst, aktuelle Sachen wie Noten und CDs wurden u.a. von Rolf Bissinger besprochen. Erich Faltermeier, von Haus aus Pianist, der aber sehr eng mit der Flöte verbunden ist, hat sich dann um das Layout gekümmert und seine Beziehungen zu Druckbetrieben genutzt. Er war leidenschaftlicher Fotograf mit professionellem Niveau .Viele Fotos, wie z.B das berühmte Titelfoto der ersten Ausgabe von ”Flöte aktuell”, mit der legendären goldenen Rittershausen Flöte stammen von ihm. Ein Bekannter von Rüdiger, Herr Schirg - er hatte damals schon einen Computer, einen Tandy TRS 80, und konnte programmieren - hat anfangs die Mitgliederverwaltung übernommen, bis wir uns einen eigenen Computer leisten konnten. Mit diesem Programm, mit etlichen Erweiterungen und Verbesserungen, arbeiten wir heute noch. Die Fäden zusammenzufügen war für uns aufgrund der damaligen Technik noch sehr aufwendig und wurde alles vom Freundes- und Kollegenkreis gemacht.
Euer Enthusiasmus ist bewundernswert, hast du den Eindruck, dass sich das im Laufe der Zeit geändert hat?
Ja, sicherlich! Zu der damaligen Zeit gab es in Deutschland kaum Meisterkurse, wie das in der Schweiz, in Frankreich, England oder den USA der Fall war. Instrumentenvergleiche waren nicht so leicht möglich und es gab allgemein einen ungeheuren Bedarf und ein großes Interesse an den Dingen, die sich rundum mit der Flöte beschäftigten.
Heute gibt es das Internet, dort kann man weltweit alles nachlesen, es gibt unzählige Meisterkurse und es gibt eine neue Flötengeneration, die nicht mehr den Enthusiasmus hat wie wir damals.
An was könnte das liegen, als Professor einer Flötenklasse hast du ja direkten Kontakt zu den Studenten?
Ich denke es liegt vor allem an den fehlenden Leitfiguren, gerade für junge Flötisten ist das sehr wichtig. 1985 waren alle Flötensolisten, die mit dem Medium Schallplatte, bzw. CD groß und bekannt geworden waren, noch aktiv. Gerade solche Leute wie Jean--Pierre Rampal, Aurèle Nicolet, ebenso wie Peter Lukas Graf und besonders James Galway, um nur einige zu nennen, waren große Leitsterne und haben damals Maßstäbe gesetzt. Davon gibt es heute einfach weniger.
Ein weiterer Punkt war die Entwicklung im Osten. Nach dem Fall der Mauer kam von dort ein großes Interesse an der Flötengesellschaft. Flötisten wie z.B Galway waren zwar bekannt, aber es war schwierig gewesen, Informationen, französisches Notenmaterial, CDs oder ähnliches zu bekommen. Ebenso war die Neugier nach amerikanischen und japanischen Flöten riesengroß. Da war ein enormer Nachholbedarf zu spüren.
Heute ist bestimmt auch eine Übersättigung eingetreten, und bei den jungen Flötisten spielen die oben genannten Solisten keine so große Rolle mehr. Flötenkurse gibt es in großer Zahl.
Anders verhält sich das bei den Instrumenten. Bei unseren ersten Festivals kamen fast alle wichtigen internationalen Flötenbauer persönlich nach Deutschland. Dort gab es dann die Möglichkeit, solche Flöten zu probieren. Allerdings waren Goldflöten bei unseren Anfängen eher bei Profis zu sehen und auch da nicht die Regel. Mitte der 80-er bis Mitte der 90-er Jahre wurden sehr viele Flöten gekauft. Aber jetzt hat sich das auch spürbar beruhigt.
Junge Flötisten haben diesbezüglich heute viel bessere Möglichkeiten, sie können viele Flöten ausprobieren und vergleichen. Beinahe fast jeder Student bläst auf einer Goldflöte und es hat sich fast umgekehrt, die Berufsflötisten spielen wieder Silber oder Holz.
Kommen wir noch mal auf die Zeitschrift zurück, hattet ihr da auch Vorbilder?
Ja, da gab es z.B. ”The Flutist Quarterly”, ”Pan” von der British Flute Society und andere Magazine, an denen wir uns orientierten. Dinge wie Flötenbau, pädagogische Themen und die ”große Welt der Flöte” lagen uns schon am Herzen. So ergab sich der Inhalt ganz schnell fast von selbst. Wir bekamen dann auch Einnahmen und das war glücklicherweise gar kein so großes Problem. Die Flötenfirmen und Notenverlage haben alle gleich mitgemacht und wir kamen mit den Finanzen für die Zeitschrift dann ganz gut hin. Das war ja auch immer ein Problem, den Etat jedes Jahr auf die Beine zu stellen, wir hatten ja noch kein Büro und es wurde auf mehr oder weniger privaten Treffen alles besprochen. Langsam konnte das alles dann finanziert werden.
Udo, du warst fast zwölf Jahre im Vorstand der DGfF, was waren deine Highlights, an die du dich spontan erinnerst?
Highlights waren in erster Linie die ersten Festivals, da kam alles was Rang und Namen hatte, gerade aus internationaler Sicht. Ich erinnere mich an ein Wochenende mit Rampal, die Konzerte mit Peter Lukas Graf und auch einen Workshop mit Nicolet. Das war eigentlich die erste Veranstaltung überhaupt, noch vor dem 1. Festival, dann Kurse mit Robert Dick und seiner neuen Musik. Solche Angebote waren damals hoffnungslos überbelegt, was heute auch nicht mehr so ist.
Ein ganz besonderes Konzert ist mir noch Erinnerung mit Robert Heriché, der mit 81 Jahren als letzter Vertreter der großen französischen Flötenschule um Gaubert und Moyse einfach hinreißend spielte.
Ich erinnere mich noch gut an die erste Veranstaltung mit Nicolet in der Frankfurter Freimaurerloge, als Jugendlicher spürte ich die Aufbruchstimmung, die davon ausging.
Ich würde schon sagen, dass die ersten beiden Festivals eine besondere, wie du sagst ”Aufbruchstimmung” hatten. Da kamen Leute wie Maxence Larrieu, Michel Debost, Albert Cooper ect. und die deutschen Meisterflötisten von Andreas Blau bis Karlheinz Zoeller. Man muss dann auch sagen, alle waren sehr offen für die Idee und leicht für die Festivals zu gewinnen.
Was man unbedingt noch sagen muss, ist, dass uns ganz klar war, jemanden als Aushängeschild, einen Präsidenten, haben zu müssen, der sowohl national wie international bekannt war. Da kam uns die Idee, András Adorján mit seinem Ruf als Solist, Orchesterflötist und Pädagoge, mit seinem Enthusiasmus für die Flöte, als Präsidenten zu gewinnen. Was er auch mit viel Engagement und guten Kontakten zu anderen internationalen Flötisten machte.
Seine Internationalität war ein Wink in die Ausrichtung der Flötengesellschaft.
Trevor Wye z.B. hatte dann ja auch einige Veranstaltungen mit uns gemacht.
Die DGfF hat sich u.a. aufgrund gesellschaftlicher Gründe verändert und weiterentwickelt. Was würdest du dir als Gründungsvorstand von der heutigen DGfF wünschen?
Ich denke, man sollte versuchen das Interesse neu zu beleben und auch die Orchesterszene mehr einzubeziehen. Die professionellen Flötisten, die früher dabei waren, sind nach meinem Eindruck jetzt nicht mehr so interessiert, und ich würde mir wünschen, dass das ganze Spektrum wieder eingebunden werden kann. Von den Kindern bis zu den Profis. Die Befruchtung kann für alle nur von Vorteil sein. Es sollten ebenfalls mehr Diskussionen stattfinden, von Leserbriefen bis zu Diskussionsforen, heute würde man vielleicht Chatrooms sagen, müssten Angebote vorhanden sein. Das setzt voraus, dass sich die Mitglieder mehr aktiv in den Verein einbringen. Da sehe ich ein vielleicht deutsches Problem. Die Mitglieder bezahlen ihren Jahresbeitrag und kaufen sich dadurch sozusagen frei, um nur zu konsumieren. Sie bekommen die Zeitschrift und die sonstigen Angebote. Der Gedanke, sich in einem Verein einzubringen und aktiv an der Gestaltung teilzunehmen, fehlt mir bei den meisten. Der Kontakt unter den Mitgliedern könnte in Form von Briefen, Diskussionsforen verbessert werden, dann könnten die Verantwortlichen der DGfF besser auf die Wünsche und Fragen der Mitglieder eingehen, die sich dann auch angesprochen fühlen.
Udo, ich danke dir für das Gespräch und hoffe für alle Mitglieder, dass sich durch deine Einblicke zur Entstehung der DGfF wieder mehr Eigeninitiative zeigt.

