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Flöte aktuell 2.2005

Die Erfindung der Musik - Teil 2

Der Klang erscheint im Pleistozän: Älteste Flöte entdeckt

Diese Vermutung legt das Material nahe. "Elfenbein war damals das schönste Material", sagt Nicholas Conard, "und das ist ein Hinweis darauf, daß Musik ausgesprochen wichtig war". Aber das Material war nicht nur schön, es hatte nicht nur als Substanz aus der Waffe des größten Beutetieres möglicherweise magische Bedeutung - es ist auch ausgesprochen schwierig zu bearbeiten. Löcher in einen sowieso schon hohlen Vogelknochen zu bohren, ist eines, einen gekrümmten Stoßzahn zu spalten, die beiden Hälften auszuhöhlen und luftdicht wieder zusammenzuleimen, ist etwas ganz anderes. So ist die dritte Flöte aus Geißenklösterle "eine technische Meisterleistung, die in dieser Form im Paläolithikum bislang unbekannt ist", schreibt Conard.

Beide Hälften der Geißenklösterle-Flöte von innenBeide Hälften der Geißenklösterle-Flöte von innen Aber konnte man diese Flöte denn auch benutzen? "Daran habe ich keinen Zweifel", sagt Friedrich Seeberger, der auch die Elfenbeinflöte aus Holunderholz rekonstruiert und dabei die fehlenden Teile ergänzt hat. "Ich hab das einfach mal analog zu der Knochenflöte aus Geißenklösterle ergänzt, allerdings proportional vergrößert", erklärt er. "Dann gibt das Ding anständige Töne. Die andere Seite, wo dieser schmale Steg übriggeblieben ist, das dürfte der Oberteil der Flöte gewesen sein, wo die Flöte angeblasen wurde.

Das Prinzip dieser Flöten ist also anders als bei unseren modernen Querflöten, aber auch bei den Blockflöten - dennoch ist es wohlbekannt. "Das sind Flöten, die ums ganze Mittelmeer herum verbreitet sind und sich dort bis ins vierte Jahrtausend vor Christus nachweisen lassen", sagt Seeberger. "Sie werden noch heute von Hirten gespielt, in Ägypten und Bulgarien auch als Konzertflöten.

Auch die 9000 Jahre alten Knochenflöten, die vor einigen Jahren in jungsteinzeitlichen Gräbern bei Jiahu in China gefunden wurden, sind genau von diesem Typ. "Aber wir haben noch einen älteren Nachweis aus Isturitz in den französischen Pyrenäen, der etwa 28 000 Jahre alt ist", sagt Seeberger. "Das ist die einzige komplett erhaltene Flöte aus prähistorischer Zeit. Auch die haben wir nachgebildet.

Auch die Isturitz-Flöte ist aus Vogelknochen: aus der Ulna (Elle) von Bartgeiern. Da eine Ulna länger ist als Radiusknochen, lassen sich daraus Flöten für eine tiefere Tonlage machen - allerdings klingen diese nicht so schön wie Radius-Flöten, da der Hohlraum einer Ulna nicht glatt, sondern voller Verästelungen ist.

Seeberger hält es nicht für ausgeschlossen, daß die Verwendung von Elfenbein auch den Sinn gehabt haben könnte, diesem Dilemma abzuhelfen. "Wir wissen natürlich nicht, ob es eine Tradition gab, die wußte, daß sich Elfenbein hervorragend polieren läßt und dadurch andere Klangeigenschaften aufweist". Denn Elfenbein macht einen besseren Klang. "Das werden wir sehen, wenn die Rekonstruktion vorliegt", erklärt er: "Das muß noch gemacht werden, wir suchen momentan noch nach einem geeigneten Elfenbeinstück. Aber Elfenbein ergibt mit Sicherheit einen viel schöneren Ton. Das Rauschen fällt weg, das wir bei Flöten aus Holz oder der Ulna haben". Seeberger nimmt daher an, daß Elfenbein verwendet wurde, um nicht die stark verästelte Ulna nehmen zu müssen, aber trotzdem einen tieferen, sonoreren Ton zu produzieren, wie er mit einer Flöte aus Radiusknochen möglich ist. "So ein Radius hat Beschränkungen in der Abmessung und klingt in der Tonlage extrem hoch. Die Elfenbeinflöte klingt viel tiefer.

Und diese Töne sind nicht so schräg, wie man sie sich von einer uns derart fernen Kultur erwarten würde. "Schon die neolithischen Jiahu-Flöten haben zum Teil richtige diatonische Tonleitern moderner Prägung, die die Chinesen ja später wieder aufgegeben haben", sagt Seeberger. Bei den paläolithischen Flöten aus Isturitz und Geißenklösterle allerdings sind die Abstände zwischen den Grifflöchern extrem groß. "Das heißt, das sind keine Abstände der diatonischen Tonleiter, sondern allenfalls der pentatonischen. Da sind also zum Beispiel Terzen drauf", sagt Seeberger. "Nehmen Sie das aber ganz vorsichtig. Wenn Sie da mit einem Stimmgerät drangehen, dann haben Sie bis zu einem Halbtonschritt Abweichungen von unseren Noten. Entscheidend sind aber die Intervalle, und die sind so gut getroffen, daß sie uns wohlklingend erscheinen", sagt Seeberger. Zwar stimmten auch die Intervalle nicht ganz, aber das Ohr toleriere sehr viel, und außerdem könne man bei diesem Flötentyp die Tonhöhe noch durch die Blastechnik etwas variieren. Anders als etwa auf einer Blockflöte ist der Spieler hier in der Lage, den Ton nach seinem Gehör dahin zu drücken, wo er hingehört. "Man spielt schwierig auf diesen Dingern", sagt er. "Man muß sich völlig einlassen auf diese großen Intervalle. Bei den kleineren Knochenflöten ist mir das relativ gut gelungen. Bei der großen Elfenbeinflöte tu' ich mich im Moment noch schwer.

Feuilleton Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. 12. 2004, Nr. 294, S. 33
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aktualisiert am Dienstag, 28. Nov. 2006 um 19:38:48 CET

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