Flöte aktuell 1.2005 (I)
Tournee mit Ian Anderson - Teil 2
Ian Anderson im Berliner Tempodrom:
Eine Begegnung der sentimentalen Art
Günther Windeisen
Jethro Tull: Britische Folk-Rock-Band mit vielen Mitgliedern (5-10), geschart um den Sänger und Flötisten Ian Anderson. Sie waren verspielt-versponnen, fabel-haft.
Ian verstärkte den wurzelzwergigen Eindruck gerne, indem er auf Fotos von wehendem Haar umflort, grimmig schauend ein Auge zukniff. Und in Anlehnung an den Hamelner Pfeiffer gibt es so manches Foto, das ihn flötend, tanzend, mit einem Bein in der Luft zeigt. Diese Pose ist zu seinem Markenzeichen geworden.
Wer unter dreißig ist, hat sie wahrscheinlich noch nie gehört, "Tull", wie der Connaisseur wissend abkürzte.
Es ist ja auch lange her. Es war die Zeit der Friedensdemos und der Anti-Atomkraftbewegung. Die Grünen wurden gegründet. Wir würden alles besser machen, und das war auch unser gutes Recht, schließlich hatten unsere Eltern die Welt nur von uns geliehen. Damals hatte man Kassetten, kleine Tonbänder mit Musik drauf, die in Kassettenrecordern (auch Tapedecks genannt) abgespielt wurden. Ich besaß zwei Kassetten mit Musik von Jethro Tull drauf. Ich war 14+, hatte eine Querflöte zu Weihnachten bekommen und hörte diese Musik, bis die Bänder hin waren.
Doch nun schreiben wir Ende 2004, und ich schleppe mich nach einem harten Musikschultag ins Tempodrom. 35+ bin ich jetzt, kurzhaarig und sehr, sehr müde. Die Band betritt die Bühne und spielt erst 'mal ein paar Stücke zum Warmwerden. Altes, Neues und vor allem, wie Herr Anderson nicht müde wird zu betonen: Etwas vom "Christmas-Album", das in der Pause schließlich bitte noch gekauft sein will.
Ian trägt Seeräubertuch auf dem Kopf, versteckt das Bäuchlein unter wehendem Hemd. Er trägt sogar ein Schlüsselbund. Wozu er das auf einer Tour wohl braucht?
Schon im ersten Stück reißt er das Bein hoch, und da steht er dann einen kleinen Moment zu lang genau so da, wie es sein Markenzeichen war: Der Stadtpfeiffer, der Märchenerzähler, der Rattenfänger.
Nach dem dritten Stück dürfen die Fotografen an den Bühnenrand, und jetzt geht das mit dem Bein erst richtig los: Ein Rumgewackle ist das, da vergisst man glatt die Musik.
Warum bin ich hier? Bei diesem Barden mit Flöte, der doch gar nicht richtig spielen kann? Haach, was könnte man jetzt lästern, über die Finger des Meisters, die, ach, so meilenweit von den Klappen weg sind, über die schlüpfrigen Ansagen, bei denen man nicht weiß, ob die Leute das nicht komisch finden oder einfach kein Englisch können.
Doch dann passiert das unerwartete Wunder: Sie spielen "Skating away..on the thin ice of a new day", und ich kriege einen veritablen Flashback. Ich kann sie riechen, die Räucherstäbchen und andere Kräuter, kann ihn direkt vor mir sehen, den blutjungen Burschen von damals, der ich war: Vom Null-Bock-Gefühl gekrümmt, den Bauch voller Yogi-Tee, die Blechflöte in der Hand und in sich den Stolz, zu den Leuten zu gehören, vor denen seine Eltern ihn immer gewarnt hatten. Hatte ich wirklich eine lila Breitchordhose? Und hatte ich wirklich Zöpfe in mein Haar geflochten? Mit so PERLEN dran?!?
Es sollte dann doch noch ein recht interessanter Abend werden, denn nach einiger Zeit bat Herr Anderson das Orchester Neue Philharmonie Frankfurt auf die Bühne. Interessante Fusionen wurden probiert, verschiedene Solisten (unter anderem Frau Wähnert am Fagott!) wurden vorgestellt, auch ein Duo mit der Flötenkollegin Kathrin Troester, die sich trotz Mikrofonproblemen wacker schlug.
Und, natürlich unvermeidlich: Eine Version der Bachschen Bourree. Von seinen Plattenaufnahmen als eher beschauliches Stückchen bekannt, wurde es hier in einem aufwendigen Neuarrangement vorgetragen.
Alles in allem, wie der Berliner sagen würde: Juut jesungen, juut jewackelt, juut jeflöhtet..
Ein Markenzeichen aber fehlte noch, schwebte natürlich bereits virtuell im Raum, und in der Schlusskadenz kam er dann doch noch, als musikalisches Pendant zum einbeinigen Flöter: Der Tull'sche Teufelstriller (Terztriller e-g, heftig überblasen) aus "Locomotive Breath"...
Günther Windeisen, Jahrgang 1966, ist Flötist und Musikpädagoge und lebt in Berlin.
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