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Flöte aktuell 1.2005 (I)

Tournee mit Ian Anderson - Teil 1

... hörte ich zum ersten Mal die britische Band Jethro Tull und war elektrisiert. Der Frontmann Ian Anderson hatte sich historische Verdienste um die Rockmusik erworben: Er war der erste Mensch der Welt, der in einer Rockband Querflöte spielte!
Auf einmal wusste ich, was ich wirklich wollte: Ich wollte sein wie Ian Anderson, und ich wollte Querflöte spielen. Das mit Ian Anderson sagte ich Mutter natürlich nicht. Ihr gegenüber tat ich wieder harmlos, und sie willigte auch sofort ein. ("Aber du weißt, dass du dann auch üben musst, sonst bringt das nichts." - "Jaja.") Weihnachten 1976 lag eine nigelnagelneue Querflöte von Yamaha unterm Tannenbaum. Tagelang bestaunte ich das wunderschöne Instrument, baute es zusammen und wieder auseinander und versuchte vergeblich, ihm Töne zu entlocken. So verbrachte ich die Zeit bis zum Unterrichtsbeginn damit, zu Jethro-Tull-Platten vor dem Spiegel zu posieren. Ich stand wie mein großes Vorbild einbeinig wie ein Storch vor dem Spiegel und tat so, als ob. Das war nämlich Ian Andersons Markenzeichen: einbeiniges Spiel. Genial! Ich fand, dass das die beste Performance seit Einführung des Showbusiness' überhaupt war. Für meine Playbacks vor dem Spiegel hängte ich mir den guten Pelz von Oma um, denn Ian Anderson und seine Mannen hatten wirre, lange Haare und Bärte, und sie trugen Pelzmäntel. Richtige Freaks! Die hysterische Antipelzstimmung war damals noch weitgehend unbekannt. Für mich waren sie die größte Rockband aller Zeiten, scheiß auf die Beatles! Ich habe nie wieder jemandem so nachgeeifert wie dem zauseligen Storchenkönig und über Jahre nichts, aber auch wirklich gar nichts anderes gehört als Jethro Tull.

Aus: Heinz Strunk, Fleisch ist mein Gemüse - Eine Landjugend mit Musik
Copyright (c) 2004 by Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Ian Anderson

Ohne die Querflöte wären "Jethro Tull" sicherlich nicht das, was sie heute sind: Rock-Legenden. Denn die Querflöte des Frontmanns ist nicht nur - wie sein Auf-einem-Bein-Stehen - das äußerliche Markenzeichen. Sie ist auch musikalischer Mittelpunkt der Combo um den gebürtigen Schotten Ian Anderson. Doch "Jethro Tull" sind nicht einfach nur Legenden, Rock-Dinosaurier - sie leben. Und wie! Der Bandleader gibt auf der Bühne den Derwisch. Er tanzt, singt, er flötet quer. Ohne Pause. (...) Ein Konzert ist eine unglaubliche Energieleistung. Ian Anderson hat einen langen Atem - einen "Locomotive Breath". (Klaus Härtel in clarino.print 11/03)

Im Jahr 2004 hat Ian Anderson sein 41. Bühnenjubiläum gefeiert! Der 1947 in Dunfermline in Schottland geborene Anderson kam im Alter von 12 Jahren nach Blackpool im Norden Englands, absolvierte wie jedes Kind die Schule und begann, Kunst zu studieren, bevor er sich für die musikalische Karriere entschied. Und die hat es in sich. Richtig begann sie 1968 mit der Gründung von "Jethro Tull" (der Name ist der eines Engländers aus dem 17. Jahrhundert. Heute sagt er, wenn er eine historische Person treffen könnte, würde er gerne Jethro Tull treffen, um ihn zu überreden, vielleicht doch einen anderen Vornamen anzunehmen "this bloody J-word"). Seitdem ist er mit der Band und auch Solo unterwegs.
Der flötistische Autodidakt sieht seine Wahl der Flöte als Instrument ganz pragmatisch: "Ich war an der Gitarre nicht gut genug, um mit Eric Clapton und Jimmi Hendrix mithalten zu können, also mußte ich mich nach etwas anderem umschauen. Vor allem wollte ich der führende Instrumentalist in einer Band sein, denn ich fand meine Stimme nicht typisch für einen Rock-Sänger. Die Flöte bot mir Gelegenheit, anders zu sein als die anderen". Obwohl er trotzdem singt und Gitarre spielt, bleibt die Flöte sein wichtigstes Instrument. "Ich liebe, was man technisch und musikalisch aus dem Instrument herausholen kann, es zeichnet sich bei der Improvisation aus und - es ist überaus dekorativ". Der Beste zu sein war zu Beginn sein Ziel, das hat er geschafft. "Es war schwer, die Flöte in die Rockmusik zu integrieren, und niemand hat es wirklich so geschafft wie ich".
Wir - die Neue Philharmonie Frankfurt - haben ihn während der Tournee im Dezember 2004 (Berlin, Frankfurt am Main, Mannheim, Stuttgart, Suhl, Hameln, Wolfsburg) als einen überaus professionellen, ruhigen und freundlichen Praktiker kennengelernt. Er arbeitet sehr effizient, so sehr, daß das Orchester am Probentag völlig verdattert drei Stunden vor Probenende herumstand und nichts mehr zu tun hatte, und ist sehr britisch höflich. In den Konzerten wird er auch schon mal anzüglich (siehe auch Interview mit der Flötistin Kathrin Troester), was (Gott-sei-Dank?) nicht jeder verstehen kann, da sein Englisch halt ein schottisches Englisch ist. Die Professionalität Andersons ist beeindruckend, er ist der Erste auf der Bühne zum Soundcheck, feilt an den Stücken, probiert andere Versionen, immer geduldig und nachsichtig, wenn es nicht gleich klappt. Und geht als letzter ab. Wirklich beeindruckend, diese Energie.
Aber das ist verständlich, wenn er sagt, die Solo-Musik sei nicht Selbstverwirklichung, denn das hat er nicht mehr nötig, sondern "egoistisch, mir sehr am Herzen liegend und überaus persönlich".

Dem Tournee- und Konzerttrubel entkommt der seit über 25 Jahren mit Shona verheiratete Zuhause auf einer Farm im Südwesten Englands. Seine zwei erwachsenen Söhne sind in der Musik- und Filmbranche tätig, James ist Schlagzeuger und war auf der Tournee mit dabei. Im Züchten ist er ganz groß: In Schottland hat er eine Lachsfarm gekauft, züchtet und verkauft Lachse (bzw. läßt züchten und verkaufen, die Musik läßt ihm dafür keine Zeit). Und Katzen liebt Anderson sehr, seine Garderobe auf der Tour war nicht mit seinem Namen, sondern mit einem Foto einer Katze gekennzeichnet. Katzen sind ein anderes, ganz großes Thema in seinem Leben. Seit seiner Kindheit in Edinburgh hatte die Familie Katzen, mittlerweile ist er zum ausgesprochenen Fachmann geworden. Auf die Frage in einem Interview, wann er das letzte Mal geweint habe, sagt er "als eine unserer Katzen gestorben ist". Auf seiner Homepage ist ihnen ein großer Raum gewidmet, z.B. mit einem Artikel mit Tipps für Katzenneulinge (Kitten Care).

Ein Wunsch für die Zukunft? Eine Querflöte "die niemals gereinigt werden muss, die immer den Ton hält, unabhängig von Temperatur und Luftfeuchtigkeit, die nie gestohlen wird oder verloren geht".

 

Soloalben von Ian Anderson
Walk into Light, BGO 1983
Divinities, EMI 1995
The Secret Language Of Birds, Repertoire/SPV 2000
Rupi's Dance, Roadrunner 2003

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aktualisiert am Dienstag, 28. Nov. 2006 um 19:47:30 CET

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