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Flöte aktuell 4.2004

Andenken
Erinnerungen an Toru Takemitsu - Teil 3

Robert Aitken

Auf etwas, das in seiner Umgebung passierte, konnte ein Zwinkern seiner Augen in ein Lächeln oder ein Lachen münden. Und selbst wenn Takemitsu eine ruhige, nette, sogar liebenswerte Persönlichkeit war (und er war in der Tat eine Persönlichkeit), konnte man nie ahnen, was er sagen würde. Zuweilen konnte er auch sehr leidenschaftlich sein. Bei einer Probe für "Munari by Munari", einem Stück für Soloperkussion, welches in einer Version für drei Spieler geprobt wurde, die Hochachtung vor Toru besaßen, habe ich ihn so erlebt. Die Leistung bestand darin, farbige Papierschnipsel, die man wahllos in verschiedenen Konstellationenen zusammenlegte, auf bestimmte Weise zu interpretieren. An einer Stelle, die ich nicht genau erkannt habe, sprang Takemitsu wütend auf, unterbrach die Probe seiner Freunde und sagte "Spielt meine Musik. Das ist nicht meine Musik!"

Takemitsu arbeitete größtenteils in einem Sommerhaus in Karuizawa, einem bekannten Erholungsort in den Bergen, 150 km von Tokio entfernt. Ich habe ihn dort zu mehreren Gelegenheiten besucht, zuletzt mit meiner Frau und unseren zwei Kindern. Er war ein geselliger Mensch, der gern kochte, und wir waren zu fast jeder Zeit bei ihm willkommen, selbst wenn er mitten in der Komposition eines großen Orchesterstückes war.

Bei einem Japanbesuch mieteten wir uns ein Auto mit dem wir die nordwestliche Küste erkundeten. Auf unserem Rückweg nach Tokio wollten wir bei Takemitsu in Karuizawa anhalten. Ich rief ihn an, und er wollte uns am Bahnhof abholen. Da wir mit dem Auto unterwegs waren, sagte ich ihm, dass das nicht nötig sei. Er sagte "Entschuldigung, ich kann euch nicht gut hören" und ich wiederholte "wir sind mit dem Auto unterwegs". Daraufhin war es am anderen Ende der Leitung still. Toru fuhr kein Auto. Und da wir des Japanischen nicht mächtig, und so auf der linken Seite der engen Bergstraße fahren mussten um zu ihm zu gelangen, traute er seinen Ohren nicht. Er sagte "Ich hole euch mit einem Taxi am Bahnhof ab."

Er hatte besonders große Freude am Kochen italienischer Pastagerichte, und als er auf Grund eines Krebsleidens im Krankenhaus lag, wo er kein Essen bei sich behalten konnte, schrieb er ein Kochbuch. Das Buch ist sehr schön illustriert, mit vielen Zeichnungen der geschmackvollen Zutaten für seine leckeren Rezepte, die er bei seiner Entlassung zu Hause kochen wollte.

Ich erinnere mich, dass bei Takemitsu Anfang 1995 Blasenkrebs diagnostiziert wurde. Durch eine neue Behandlungsmethode wurde eine andere Krankheit in seinen Krebs eingeimpft. Der Körper sollte diese Krankheit bekämpfen und dadurch auch den Krebs besiegen. Irgendetwas ging schief. Vielleicht hatte man seine geringe Körpergröße nicht beachtet. Die neue Krankheit brachte ihn fast um. Offenbar handelte es sich dabei um Gelbsucht, und er schwoll an wie ein Ballon. Als er sich davon erholte, hatte sich der Krebs schon in andere Regionen des Körpers ausgeweitet und musste mit Strahlen - und Chemotherapie behandelt werden. Während seiner Genesungszeit am Ende des Sommers besuchten ihn meine Frau und ich mehrere Male. Er lag in einem kargen, halb -privaten Zimmer ohne Fernseher und sonst wenig Ablenkung, fast wie ein Zen -Mönch. Wir waren überrascht angesichts der Einsamkeit, die er zu suchen schien.

Anfang September brachte er genug Kraft auf, um das Krankenhaus zu verlassen und sich die japanische Premiere von "Family Tree" im Sito Kinen Festival in Matsumoto anzusehen. Allerdings musste er wenige Tage später auf Grund eines Fiebers zurück ins Krankenhaus. Bereits am 21. September verließ er es erneut, um das Yatsukatake Festival zu besuchen, dessen künstlerischer Leiter er war. Dort spielte ich beim Eröffnungskonzert mit der kanadischen Harfenspielerin Erica Goodman. Ich gab auch einen im Fernsehen übertragenen Meisterkurs und dirigierte das Kuhlauer Flötenquartett. Das Festival wurde ein riesiger Publikumserfolg. Geladen war Shuichi (Speedy) Tanaka, der Präsident der Altus Flute Company, und dessen Frau. Da sie nicht viele Menschen auf dem Festival kannten, plante ich, einige Zeit mit ihnen zu verbringen und an ihrem Tisch zu essen, aber Speedy sagte weise zu mir "Nein. Bitte essen Sie nicht mit uns. Bleiben Sie bei Takemitsu, denn ich glaube, es wird das letzte Mal sein, an dem Sie ihn sehen." Er sollte Recht behalten.

Am nächsten Tag fuhren wir weg und Toru kam mit seiner Familie, um uns zu verabschieden. Als wir zurückblickten, sahen wir, wie er sich in japanischer Art verbeugte. Niemals werde ich diesen Demutsakt von einem so großartigen Mann vergessen.

Kurz vor Weihnachten und am Neujahrestag telefonierte ich aus Toronto mit Toru. Er erzählte mir, dass er gerade ein Stück für Soloflöte geschrieben hatte "um sich aufzuwärmen". Er hatte seit einem Jahr nichts komponiert. Es handelte sich um das Stück "Air" für Aurèle Nicolet's 70. Geburtstag.

Anfang Februar erkrankte er erneut an Fieber und musste mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert werden. Am Abend des 19. Februars 1996 schickte er seine Frau nach Hause, da er auf dem Weg der Besserung zu sein schien. Zu Hause angekommen bekam sie einen Anruf aus dem Krankenhaus, doch Toru starb noch bevor sie am 20. Februar zur frühen Morgenstunde dort ankam.

Einer der größten Komponisten unserer Zeit und einer meiner besten Freunde ist mit 65 Jahren in seiner Blütezeit gestorben.

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aktualisiert am Mittwoch, 29. Nov. 2006 um 12:26:56 CET

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