Flöte aktuell 4.2004
Andenken
Erinnerungen an Toru Takemitsu - Teil 1
Robert Aitken
"Ich kann mir Toru Takemitsu vorstellen, wie er durch Japan reist, nicht um verschiedene Ansichten des Mondes zu erhalten, sondern um, sagen wir, den Wind durch unterschiedliche Bäume wehen zu hören und mit einer Gabe in die Stadt zurückzukommen. Diese Gabe besteht in der Umwandlung von Natur in Kunst. Dafür sind wir dankbar."
John Cage
Toru Takemitsu
Ich muss den Worten von John Cage, der den japanischen Komponisten Takemitsu in gewissem Sinne für den Westen entdeckt hat, zustimmen. Seine Ansichten haben in erheblichem Maße zur weltweiten Anerkennung dieses einzigartigen Genies beigetragen. Und ich glaube, dass Cage Takemitsu gerade deshalb so zu schätzen weiß, weil er selbst vieles von ihm gelernt hat. Denn es war John Cage, der die Naturmusik aus Japan in den Westen brachte.
Ich glaube nicht, dass wir Menschen aus den westlichen Ländern in der Lage sind, Takemitsu wirklich zu beschreiben. Er war ganz natürlich wie ein normaler Freund, aber er hatte eine besondere Gabe, die Zeit, die man mit ihm verbrachte, zu etwas sehr Besonderem zu machen. Toru war ein kleiner, schmaler Mann, elegant, attraktiv und wohlerzogen. Was auffiel, war sein vielsagendes Schweigen. Oft sagte er nur wenig, aber man merkte, wie er alles um ihn herum in sich aufnahm. Wenn er redete, dann sprach er meist über die Natur und wurde dadurch geradezu ein Teil davon, wie ein Baum oder ein Stein. Er überzeugte mit seinem Charisma, und obwohl er nicht viel sprach, gab es Momente, in denen er mit einer tiefgründigen Bemerkung ein interessantes Gespräch in Gang setzte. Andernfalls machte er eine provokative Anmerkung oder stellte eine scharfsinnige Frage und vermochte es somit, den Gesprächsverlauf zu ändern, wenn es die Situation erforderte. Auch an Humor fehlte es ihm nicht, und er konnte sich über geistreiche Witze amüsieren. Er hatte strahlende Augen und ein sarkastisches Lächeln außer bei Problemen oder bei der Auseinandersetzung mit künstlerischen Themen, vor allem, wenn es um die Aufführung seiner oder der Musikstücke anderer Komponisten ging. Dass seine Meinung immer hochgeschätzt wurde, rechtfertigten seine Erfolge bei der Gründung und Organisation von Festivals. Er selbst war sich seiner Fähigkeiten als Komponist durchaus bewusst und vertrat sicher den eigenen Standpunkt. Ich glaube, dass er selten künstlerische Fehler beging. Und als wahres Genie war er in der Lage, jede Erfahrung in Kunst zu verwandeln.
Die Schnelligkeit, mit welcher er arbeitete, wenngleich er sich immer über die eigene Faulheit beklagte, blieb zeitlebens ein Mysterium. Es ist eine unglaubliche Leistung, in einem Leben über 120 Kompositionen zu schreiben, darunter mehr als 50 für Orchester und zusätzlich Hintergrundmusik für über 90 Filme von Japan's berühmtesten Regisseuren zu komponieren. Damit nicht genug, schrieb er auch einige Bücher, darunter "Quotation of Dream", ein besonders komplexes Werk über die Geschichte des Films, mehrere kurze Romane unter einem Pseudonym, ein paar Science -Fiction Bücher und eine große Zahl an Popsongs, von denen ein Lied bis auf Platz acht der japanischen Hitparade stieg. Eine Sammlung seiner Kurzgeschichten ("Confronting Silence") wurde auf Englisch beim Verlag Fallen Leaf Press, Berkeley, California publiziert.
Bei unserem ersten Treffen 1967 erzählte er mir, dass Filme sein Hobby seien und dass er sich ungefähr 250 Filme im Jahr ansah. Da ich mir nicht vorstellen konnte, wie jemand so oft ins Kino gehen konnte und gleichzeitig soviel schrieb wie er, ging ich davon aus, dass er sich die Filme auf Video ansah. Doch er erwiderte "Nein, [er sehe sie alle] im Kino". Mit den Einnahmen seiner ersten Filme gab er vor junge, bedürftige Komponisten oder zeitgenössische Musikfestivals zu finanzieren und zeitgenössische Musikaufnahmen zu produzieren. Ich glaub ihm, dass das stimmt, doch bei größeren Filmproduktionen wie "Ran" und dem Hollywoodfilm "Rising Sun" bin ich mir nicht so sicher. Als er bei uns zu Besuch war, bekam er zufällig einen Anruf aus Hollywood mit einem Angebot, die Hintergrundmusik für "Toro, Toro, Toro", einen Film über Pearl Harbor, zu schreiben, was er entrüstet zurückwies. Er erzählte mir, dass er die Musik für manche seiner frühesten Filme in seiner Küche mit Töpfen und Pfannen und zwei Revox Kassettenrekordern aufgenommen hatte. Ich habe ein Foto davon gesehen. Ansonsten lebte er sehr bescheiden mit seiner Frau Asaka und Tochter Maki in einem Stockwerk eines kleinen dreistöckigen Hauses. Auf den anderen beiden Etagen lebten die Komponisten Joji Yuasa und Toshi Ichiyanagi mit ihren jeweiligen Familien.
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