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Flöte aktuell 1.2004 (6/6)

Querflötenkauf V - Teil 6

Welt-Übersicht Querflötenhersteller:
Böhmflötenbau in Deutschland

Klaus Dapper

Gerhard Sachs

aus Sonnenbühl bei Reutlingen baut Silber- und Goldflöten der Spitzenklasse. Während seiner langjährigen Tätigkeit als Flötist der Württembergischen Philharmonie in Reutlingen begann er - zunächst als Autodidakt - sich mit den erforderlichen Techniken der Metallbearbeitung auseinanderzusetzen und zu experimentieren. Aufgrund seiner Orchester-Tätigkeit ging dies nur in dienstfreien Zeiten, also überwiegend nachts, an Wochenenden und in den Ferien. Schließlich ermöglichte der Vater einer Schülerin den Start in den handgefertigten Flötenbau durch den Auftrag zum Bau einer Goldflöte. Die Flöte Nr. 1 wurde 1978 fertiggestellt. Hilfreich für die Anfänge seines Flötenbaus waren Kontakte zu Hans Reiner, Jonathon Landell und Albert Cooper. Mittlerweile haben seine Flöten einen hervorragenden Ruf. Dennoch ist Gerhard Sachs ein Instrumentenbauer, den es eigentlich gar nicht gibt: Da er keine formelle Ausbildung zum Flötenbauer hat, verbietet es ihm die deutsche Handwerksordnung, den Beruf des Flötenbauers auszuüben, Gehilfen zu beschäftigen, bzw. auszubilden, ja sogar seine Flöten zum Verkauf anzubieten. Gerhard Sachs baut - sozusagen als Hobby - durchschnittlich eine Flöte pro Jahr; als Perfektionist leistet er sich einen "Maschinenpark", der in keinem Verhältnis zu der Anzahl der von ihm gebauten Flöten steht. Für das Tonlochnetz profitierte er von seiner Bekanntschaft zu Albert Cooper, der ihm bereitwillig seine Berechnungen zu Verfügung stellte. Für seine Konzertflöten verwendet er 7 (!) verschiedene Tonlochgrößen; die Klappen seiner Flöten sind ebenfalls aufgrund der geringen Stückzahl handgeschmiedet. Vor einiger Zeit entwickelte er eine bis auf die Trillerklappen-Achse stiftfreie Mechanik. Seine Flöten werden von mit ihm befreundeten Flötisten in einer Reihe von großen deutschen Orchestern gespielt.

Portrait von Hans-Udo Heinzmann: Flöte aktuell 2/86

Werner Ludwig (1920-2002)

Werner Ludwig wurde in Wohlbach im Vogtland geboren. Im Jahre 1935 begann er seine Lehre in der Firma Carl August Schreiber bei Meister Franz Mehnert. Nach dem Krieg, im Jahre 1949 siedelte sich Mehnert in Stuttgart an, Ludwig folgte ihm einige Monate später. Fast 30 Jahre lang arbeitete er in Mehnerts Werkstatt zusammen mit Horst Voigt und Mehnerts Sohn Jochen. 1961 legte er die Meisterprüfung ab.

Nach Franz Mehnerts Tod machte Ludwig sich 1978 in Stuttgart selbständig. Schon bald war er Geheimtipp für Flötenköpfe und perfekte Generalüberholungen. Seine jahrzehntelangen Erfahrungen flossen 1981 in ein eigenes, neu entworfenes Modell mit eigener Scala ein. Er baute bis zu seinem Tod Flöten aus Silber (0,40 und 0,45 mm Wandstärke) und Gold. In den ca. 20 Jahren entstanden etwa 200 Flöten. Bis zur letzten Stunde war er mit dem Flötenbau verbunden: Er starb beim Löten in seiner Stuttgarter Wohnung.

Horst Voigt (1925-1995)

Der aus Markneukirchen stammende Horst Voigt lernte den Flötenbau in der Firma C. A. Schreiber bei Franz Mehnert. 1951 legte er seine Meisterprüfung als Holzblasinstrumentenmacher ab. Er übersiedelte nach Westdeutschland und war auch hier eine Zeitlang Mitarbeiter bei Mehnert. 1961 gründete er in Stuttgart seine Meisterwerkstatt für Böhmflötenbau, in der zunächst Reparaturen gemacht und Kopfstücke hergestellt wurden. Später kam der Bau von Flöten und Piccolos dazu. 1981 trat sein Sohn Michael als Lehrling in die Firma ein, die bis zu seinem Tod von beiden gemeinsam geführt wurde. Michael Voigt führt heute die Werkstatt weiter.

Max Hieber, München

Die Münchener Firma Max Hieber besaß neben mehreren Musikgeschäften und einem Notenverlag auch eine Spezialwerkstatt für Holzblasinstrumente. 1973 gewann der damalige Inhaber Ulrich Seibert Werner Wetzel aus Berlin für den Aufbau einer Querflöten-Werkstatt. Als Wetzel 1981 seinen Ruhestand antrat, wurde die Leitung der Werkstatt von seinem langjährigen Mitarbeiter Christian Jäger übernommen. Ein weiterer namhafter Mitarbeiter war Howel Roberts, der 1979 etwa zur gleichen Zeit wie Christian Jäger von der Flutemakers Guild aus London zu Hieber gekommen war. Spezialität von Wetzel/Hieber waren die tiefen Flöten (Alt-/ Bass). Später wurde das Programm um weitere Baugrößen erweitert, die zum Teil von keinem anderen Hersteller weltweit gebaut werden. Zwischen dem Piccolo (auch mit C-Fuß!) und der Konzertflöte gibt es eine hohe Flöte in G und eine Terzflöte in Es, unter der Konzertflöte gibt es die Altflöte in G mit geradem und U-förmigen Kopf, eine Bassflöte in C, darunter eine Großbassflöte in G, eine Kontrabassflöte in C und darunter eine Sub-Kontrabassflöte in G und eine Sub-Kontrabassflöte in C (zwei Oktaven tiefer als die Bassflöte!). Ebenfalls sehr ungewöhnlich war eine "moderne" konische Konzertflöte aus Metall mit Ringklappen nach dem Vorbild von Theobald Böhm (1832). Der Flötenbau wurde 2000 aufgrund wirtschaftlicher Probleme eingestellt, die Firma Hieber wurde bald darauf verkauft. In der Werkstatt ist alleine noch Rüdiger Kirpal beschäftigt; es werden nur noch Reparaturen ausgeführt.

Christian Jäger (geb.1945)

Von Hause aus Diplom-Ingenieur, lernte neben seiner Tätigkeit als Flötist autodidaktisch den Flötenbau. 1977 baute er seine erste Querflöte; bis 1979 hatte er 15 Flöten fertig und bewarb sich damit bei verschiedenen Herstellern als Mitarbeiter. Hilfreich bei der Entwicklung seiner Fähigkeiten war eine langjährige Freundschaft mit Hans Reiner. 1979 wurde er vom Musikhaus Hieber für die neu gegründete Querflöten-Manufaktur eingestellt. In der von Werner Wetzel geleiteten Werkstatt holte er seine formelle Ausbildung nach. 1981 übernahm er die Leitung der Werkstatt. Zu dieser Zeit war er noch nicht Meister; er musste aufgrund der deutschen Handwerksordnung, nachdem ein Handwerksbetrieb nur von einem Meister geführt werden darf, wieder die Schulbank drücken um den Meistertitel zu erwerben. Solange durfte die meisterlose Hieber`sche Werkstatt aufgrund einer Sondergenehmigung ausnahmsweise weiterarbeiten. Das von Wetzel entwickelte und auch nach Wetzels Weggang noch einige Male gebaute "Pinschophon" (Bassflöte mit Tonumfang bis tief-G) regte ihn an, eine G-Flöte unterhalb der Bassflöte zu entwickeln. Christian Jäger ist letztlich für die Entwicklung aller extremer Baugrößen unterhalb der Bassflöte in C verantwortlich. Seit der Schließung der Flötenbau-Werkstatt der Fa. Hieber im Jahre 2000 hat er sich aus dem Flötenbau zurückgezogen.

Howel Roberts (geb.1956)

Der aus Liverpool stammende Howel Roberts machte seine Ausbildung zum Flötenbauer bei der "Flute Makers Guild" in London. Er war dort von 1974-79 tätig. Seit 1979 lebt er in Deutschland. Zunächst arbeitete er als Flötenbauer in der Werkstatt der Firma Hieber, München, der er 25 Jahre lang (bis 1994) angehörte. Seit 1984 ist er Meister. In der Hieber'schen Werkstatt war er mit dem Bau sämtlicher Größen vom Piccolo bis zum Großbass beschäftigt. 1995 machte er sich als Flötenbauer selbständig. Zunächst baute er Kopfstücke für Konzertflöten aus Edelhölzern, seit 1998 sind auch Böhmflöten aus Holz im Programm. Der größte Teil seiner Instrumente wird in England und USA verkauft, in Deutschland ist seine Werkstatt seltsamerweise kaum bekannt.

Howel Roberts Kopfstücke im Internet: z.B. www.flute4u.com/Howel.html

Jörg Rainer Lafin (geb.1940)

Hat seine Werkstatt in Lörrach und baut Kopfstücke aus Silber und Gold, die zur Weltspitze gehören.

J. R. Lafin begann seinen Weg nach dem Studium bei Fritz Demmler und Aurèle Nicolet in Berlin als 1. Flötist in Bonn, dann an der Deutschen Oper Berlin und später als 1. Piccoloflötist im RSO Berlin. Dort hatte er das große Glück, 13 Jahre lang als Gast bei den Berliner Philharmonikern mitzuwirken, sowohl im Konzert, bei Schallplattenaufnahmen und den Salzburger Festspielen unter der Leitung von Herbert von Karajan und vielen anderen großen Dirigenten dieser Epoche. J. R. Lafin war immer zutiefst beeindruckt von der Qualität dieses Orchesters, das seine Sensibilität für den Klang am meisten beeinflusst hat. Nach 13 Jahren Orchesterspiel orientierte er sich um und entschied sich für den Flötenbau. Seine ersten Handgriffe lernte er bei Helmuth Hammig in Ostberlin, dann folgte eine Ausbildung bei Muramatsu in Tokio als Reparateur. Die eigentliche Lehre zum Kopfstückbauer erfolgte während regelmäßiger Besuche bei Albert Cooper in London.

1987 ist bei einem Fachwettbewerb der italienischen Flötengesellschaft "Accademia Italiana del Flauto" einem Lafin-Kopf trotz Konkurrenz namhafter japanischer und amerikanischer Mitbewerber der 1. Preis zuerkannt worden. Lafin, der zu dieser Zeit mit Physikern der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig zusammenarbeitete, sah seine empirischen Forschungsergebnisse auch naturwissenschaftlich untermauert.

Portrait von Hans-Udo Heinzmann: Flöte aktuell 2/88

Homepage: www.lafinheadjoints.com

Christoph Mancke (geb. 1953)

Lebt in Lünebach in der Hocheifel. Er ist ursprünglich ein Flöte spielender Bildhauer. Seine Erfahrung mit dem Gießen und Bearbeiten von Metall erwarb er bei dem Studium der Bildhauerei. Ohne die Werkstätten anderer Flötenbauer besucht zu haben, erlernte er die Herstellung von Kopfstücken autodidaktisch. Seine ersten Köpfe entstanden 1986, mittlerweile sind sie bekannt und gefragt. Inzwischen arbeitet sein Sohn Tobias mit, der sich auf Holz-Kopfstücke spezialisiert hat.

Martin Wenner

hat seine Werkstatt in Singen am Bodensee. 1995 arbeiteten hier noch 4 Mitarbeiter, leider hat er den Flötenbau mittlerweile eingestellt.

Portrait in: Flöte aktuell 1/96

Harry Gosse (geb. 1953)

Begann 1968 seine Lehrzeit in der Werkstatt von Johannes Hammig, damals noch in Freiburg. Seit 1980 arbeitete er wegen der großen Entfernung für den nach Lahr im Schwarzwald umgezogenen Betrieb als Heimarbeiter. 1989/90 wurde er Meister und gründete in Titisee/Neustadt eine eigene Werkstatt. Sein wohl interessantestes Instrument ist die verdünnte Holzflöte. Der Ausdruck "verdünnt" wird heute fast nur noch bei Kopfstücken verwendet. Damit wird bezeichnet, dass sich die Mundplatte wie bei herkömmlichen Metallflöten vom Rohr abhebt. Bei Gosses verdünnter Holzflöte ist das komplette Instrument so gearbeitet, dass sich jedes einzelne Tonloch vom Rohr wie ein Kamin abhebt.

Bei den verdünnten Holzflöten, die momentan auf dem internationalen Markt erhältlich sind, werden die Tonlöcher zum Teil einzeln eingeklebt (z.B. Powell). Dies birgt langfristig Risiken, da das Holz in Faserrichtung und quer zur Faserrichtung völlig unterschiedlich arbeitet. Bei der Harry Gosse Holzflöte sind das Rohr und die Tonlöcher aus einem Stück heraus gearbeitet.

Bei Gosse Silberflöten werden die Tonlöcher hart aufgelötet und das Rohr anschließend durch ein besonderes Verfahren thermisch gehärtet. Durch diese Methode wird eine besonders gute Tragfähigkeit im Konzertsaal so wie eine sehr leichte Ansprache erreicht.

Eine weitere Gosse-Spezialität ist die "Offen-Gis-Akustik": Die Flöte hat kein zweites Gis-Tonloch, sie ist jedoch herkömmlich zu spielen wie eine Flöte mit normalem geschlossenem Gis.

Portrait in: Flöte aktuell 4/97

homepage: www.boehmfloete.de

Buffet-Crampon

Dieser traditionsreiche französische Hersteller von Böhmflöten soll hier nochmals erwähnt werden: In der im Jahre 2000 in Markneukirchen fertiggestellten Betriebsstätte der Firma Schreiber & Söhne werden für die "Music Group" (früher: Boosey & Hawkes") in der vielleicht modernsten Fabrik der Welt Querflöten unter dem Markennamen "Buffet-Crampon" hergestellt. Die Jahresproduktion der 32 Mitarbeiter liegt bei etwa 9000 Böhmflöten.



Für diesen Bericht möchte ich mich für äußerst wertvolle Hilfe und Information bedanken bei:
Peter Spohr, Frankfurt
Enrico Weller, Markneukirchen, dessen Dissertation "Der Blasinstrumentenbau im Vogtland von den Anfängen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts" im Laufe des Jahres 2004 erscheinen wird.

Dazu Info unter museum.mkn.@t-online.de

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aktualisiert am Mittwoch, 29. Nov. 2006 um 14:06:40 CET

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