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Flöte aktuell 1.2004 (1/6)

Querflötenkauf V - Teil 1 (6)

Welt-Übersicht Querflötenhersteller:
Böhmflötenbau in Deutschland

Klaus Dapper

Die moderne Querflöte wurde von Theobald Böhm in München entwickelt und trat von dort ihren Siegeszug durch die ganze Welt an. Die Verbreitung der Böhmflöte in Deutschland erfolgte später als in Frankreich, England und den Vereinigten Staaten. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts setzte sich die Böhmflöte in den meisten deutschen Sinfonieorchestern durch. Es gab aber auch einflussreiche Vertreter der Flöte alten Stils: Hier wäre Anton Bernhard Fürstenau zu nennen, der allerdings nur bis 1852 lebte, Ernesto Köhler und insbesondere der 1853 geborene Maximilian Schwedler. Durch seinen Einfluss lernten Generationen von Schülern noch bis in die 20er Jahre auf den alten, 8-klappigen Flöten und den von Schwedler entworfenen und überwiegend von F. W. Kruspe, C. Kruspe jun. und M. M. Mönnig gebauten "Reformflöten", zu einer Zeit, in der sich anderswo die Böhmflöte längst durchgesetzt hatte. Als letzten Einschnitt zur Durchsetzung der Böhmflöte in Deutschland kann man die Neubesetzung der Soloflötisten-Stelle im Leipziger Gewandhaus im Jahr 1918 werten. Maximilian Schwedler schied aus, um sich ganz seiner Lehrtätigkeit am Leipziger Konservatorium zu widmen. Sein früherer Schüler Carl Bartuzat und späterer Orchesterkollege (seit 1904), der neben Schwedler natürlich auf der alten Flöte spielte, bewarb sich um die Stelle: Nun allerdings mit einer Böhmflöte, die er außerhalb der Orchestertätigkeit erlernt hatte! Es gab einen Eklat: Schwedler, der sich heftig gegen Bartuzat aussprach, wurde aus der Auswahlkommission ausgeschlossen, und mit Bartuzat zog die Böhmflöte in das Gewandhaus ein. Anton Bernhard Fürstenaus Sohn Moritz wurde übrigens Schüler bei Theobald Böhm.

Der Böhmflötenbau in Deutschland ging im wesentlichen von den berühmten Flötenbauern Sachsens aus. Um die Jahrhundertwende entwickelte sich der deutsche Holzblasinstrumentenbau in Berlin (Rittershausen), Leipzig (Otto Mönnig, M. M. Mönnig), und seit Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem in der Musikstadt Markneukirchen (Vogtland) und Umgebung (Klingenthal, Erlbach, Schöneck, Wernitzgrün) zu weltweit anerkannter Meisterschaft. Der Holzblasinstrumentenbau lag hier überwiegend in den Händen von Familienbetrieben, in denen die Erfahrungen von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Dort war man bis Anfang des 20. Jahrhunderts noch wenig spezialisiert: Einfache Flöten und Klarinetten baute fast jeder. Die meisten Holzblasinstrumentenmacher haben bis Anfang des 20. Jahrhunderts ihr Handwerk in der Regel im väterlichen Betrieb erlernt. Die jungen Gesellen gingen dann auf Wanderschaft und arbeiteten in anderen Werkstätten. In vielen Fällen war dies mit dem Kennenlernen der Böhmflöte verbunden. Mit der Böhmflötenherstellung setzte dann in einigen Werkstätten eine Spezialisierung ein.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es einen Knick in der Entwicklung des sächsischen Flötenbaus. Wegen des in der DDR eingeführten Systems der Planwirtschaft gab es für selbständige Instrumentenbauer zunehmend Probleme der Materialbeschaffung; dazu kamen äußerst ungünstige steuerliche Regelungen. Viele Familienbetriebe waren gezwungen, Produktion und Verkauf in einen "volkseigenen Betrieb" einzugliedern, in den Westen zu übersiedeln oder ihren Betrieb einzustellen. Bald war der größte Teil der Betriebe im VEB "B & S (Blechblas- und Signalinstrumentenfabrik)" Markneukirchen zusammengefasst. Hier wurden zwar weiter gute Flöten gebaut, aber es fehlte an Forschungsmöglichkeiten und Hightech, an Austausch mit internationalen Instrumentenbauern und Solisten, und es gab immer wieder Probleme bei der Materialbeschaffung. Zum Beispiel wurden Piccolos häufiger aus Metall gebaut, weil gutes Holz Mangelware war. In den über 50 Jahren von Kriegsende bis heute konnten die amerikanischen Flötenbauer einen Teil des Marktes mit ihren Spitzenflöten erobern, daneben ist es seit etwa 1970 japanischen Herstellern gelungen, in kürzester Zeit und auf breiter Front (Schülerflöten der untersten Preisklasse bis zu Solisteninstrumenten) den Markt aufzurollen. Bis auf Marktnischen haben die deutschen Hersteller ihren Platz auf dem deutschen wie dem internationalen Markt verloren; mit dem Generationenwechsel verschwanden deutsche Querflöten aus Sinfonieorchestern und wurden von amerikanischen und japanischen Flöten abgelöst. Im Bereich der Schülerflöten haben die Japaner seit Anfang der 70er Jahre eine marktbeherrschende Stellung aufgebaut, in neuester Zeit allenfalls bedroht von taiwanesischen und chinesischen Instrumenten. Traditionsreiche westdeutsche Unternehmen wie Schreiber & Söhne und Kohlert (beide aus Graslitz stammend) stellten um 1980 den Flötenbau ein, die sächsischen Flöten blieben im Westen hauptsächlich auf Grund des (staatlich festgelegten günstigen) Preises weiter interessant. Nach der Vereinigung ist erhebliche Bewegung in den sächsischen Instrumentenbau gekommen; es bleibt zu beobachten, wieweit der Anschluss an den internationalen Standard wieder erreicht wird.

Theobald Böhm (1794-1881)

Mit ihm fing alles an. Theobald Böhm besaß eine Ausbildung als Goldschmied im elterlichen Juweliergeschäft, in dem er von seinem 13. Lebensjahr an arbeitete und das er bis 1817 weiterführte, und eine musikalische Ausbildung, die ihn 1812 die Stelle des ersten Flötisten am Münchener Isator-Theaters, 1818 die des 1. Flötisten am Münchener Hoforchester einbrachte. Daneben fand er noch Zeit für das Studium der Komposition und gab Querflöten-Unterricht.

Im Jahre 1828 - mit 34 Jahren - gründete er eine eigene Flötenbauwerkstatt, da ihn die Qualität der zeitgenössischen Flöten nicht befriedigte. Während einer Konzertreise in London 1831 machte ihn George Rudall mit seinem Flötenlehrer Charles Nicholson bekannt. Böhm war von Nicholson's voluminösem Ton stark beeindruckt. Er erkannte, dass das Tonvolumen mit der gewöhnlichen Größe der Grifflöcher zu tun hatte und entschloss sich unter diesem Eindruck zu einer völligen Neukonstruktion der Querflöte. Der erste Schritt dazu war eine Flöte, die noch im gleichen Jahr unter seiner Mitwirkung in der Londoner Werkstatt Gerock & Wolff entstand. Diese Flöte verfügte bereits über zwei Ringklappen für F und Fis (Böhm-Griffweise).

Im Jahre 1832 entstand Böhms erste konische Ringklappenflöte. Mit dem Begriff "Ringklappen" sind hier übrigens im Gegensatz zu der heutigen Bedeutung Ringe gemeint, wie man sie von Klarinetten kennt.

Die wichtigsten Neuerungen waren vergrößerte Tonlöcher, eine chromatische Anordnung der Tonlöcher mit Tonlochpositionen an der akustisch richtigen Stelle, und ein geniales neues Klappensystem, das erlaubte, mit den zu Verfügung stehenden neun Fingern alle 13 Tonlöcher (offen-gis!) zu verschließen. Die Flöte von 1832 verfügte bereits im Prinzip über das fertige Böhm-Griffsystem. Das grundsätzlich Neue an Böhms Klappensystem war, dass im Gegensatz zu den Flöten alten Stils, bei dem in Ruhezustand grundsätzlich sämtliche Klappen geschlossen waren, bei Böhm sämtliche Klappen mit Ausnahme der Dis-Klappe und der beiden Trillerklappen geöffnet waren. Dies ist für den Flötisten von durchaus "handgreiflicher" Bedeutung: Eine Feder, die eine Klappe dicht schließt, muss wesentlich härter sein als eine Feder, die eine Klappe offen hält. Also braucht der Flötist bei der Böhmflöte wesentlich weniger Gegendruck der Klappen zu überwinden, die Mechanik läuft leichter und lässt prinzipiell wesentlich virtuoseres Spiel zu als die Flöten alten Stils.

1839 verkaufte Böhm seine Werkstatt an seinen langjährigen (seit 1829) Mitarbeiter Rudolph Greve (1806-1862). Böhm war zu dieser Zeit mit der Entwicklung von Verfahren zur Eisenverhüttung beschäftigt. Er blieb aber seiner ehemaligen Werkstatt auch nach dem Verkauf als Partner verbunden: Die Werkstatt hieß von 1839 bis 1846 "Böhm & Greve". 1843 arbeitete Greve bei Rudall & Rose in London, um die Handwerker dort mit dem neuen Instrument vertraut zu machen. Nach 1846 musste Greve den Namen "Böhm" bei seinen Flöten weglassen, da Böhm die Gründung einer neuen Werkstatt plante. Dies ließ sich anscheinend nicht einvernehmlich regeln: Böhm ließ Greve die Verwendung seines Namens gerichtlich verbieten. Die Anzahl der unter dem Namen "Böhm & Greve" hergestellten Flöten alter und neuer Bauart liegt bei etwa 100.

Der nächste Schritt zur modernen Böhmflöte war die Metallflöte von 1847. Hierfür hatte Böhm wieder eine eigene Querflötenwerkstatt eröffnet. Die wichtigsten Neuerungen waren das zylindrische Rohr mit sich oben verengendem Kopf, die Verwendung von Metall-Rohren und die wissenschaftlich ermittelten Maße und Positionen der Tonlöcher in Form einer geometrischen Reihe. Letztere wurden nach akustischen Studien bei Böhms Freund Prof. Carl von Schafhäutl entwickelt und durch empirische Versuchsreihen korrigiert (Korrektionswert, Kompromiss-Tonloch für Cis). Die ersten Exemplare waren noch mit Ringklappen ausgestattet, 1848 kam die Verwendung eines vollständigen Deckelklappen-Systems dazu. Für seine neue Flöte meldete Böhm Patente in Deutschland, Frankreich und England an. Er hatte nämlich mit seiner patentrechtlich nicht geschützten konischen Ringklappenflöte schlechte Erfahrungen gemacht; zum Beispiel hatten der Flötist Victor Coche und der Flötenbauer Louis-Auguste Buffet versucht, die neue Flöte nach geringfügigen technischen Änderungen als eigene Entwicklung zu reklamieren. In Frankreich erhielten die Firma Clair Godfroy ainé mit den Inhabern Vincent Godfroy und Louis Lot die Lizenz zur Herstellung der neuen Böhmflöte, in England die Firma Rudall & Rose. Die nach 1847 hergestellten Flöten trugen die Signatur "Th. Böhm (in) München" und trugen Serien-Nummern, beginnend mit der Flöte Nr. "1". Die Anzahl der bis 1862 hergestellten Flöten beträgt etwa 145. Seit dieser Zeit schrieb Böhm seinen Namen mit Rücksicht auf seine internationale Kundschaft meistens mit "oe".

1854 wurde der Uhrmacher Carl Mendler Böhms Mitarbeiter. 1858 entwickelte Böhm die zylindrische Altflöte in G, sein späteres Lieblingsinstrument. 1860 verkaufte Böhm sein Inventar an Mendler und machte ihn zu seinem Partner. Ab 1862 wurden die Instrumente mit "Böhm & Mendler" signiert. Bei der Übernahme der Werkstatt durch Mendler gab es Probleme mit der Handwerksordnung: Mendler war kein ausgebildeter Instrumentenbauer: Um ihm das förmliche Nachholen von Lehre und Gesellenzeit zu ersparen, war ein Dispens des bayerischen Königs nötig.

Teilweise verwendete Böhm Halbfertig-Teile z.B. fertig gebohrte Holzrohre aus der Produktion von Louis Lot, da seine Werkstatt die Nachfrage nicht mehr alleine bewältigen konnte. Böhm arbeitete unermüdlich bis ins hohe Alter in der Werkstatt mit. Er verstarb 1881.

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aktualisiert am Mittwoch, 29. Nov. 2006 um 14:05:15 CET

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