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Flöte aktuell 4.2003 (III)

Mauricio Kagel - Das Konzert
für Soloflöte, Harfe, Schlagzeug und Streicher (2001/02)

"Das Konzert" von Maricio Kagel ist ein Werk 'in einem Guss' ohne Satzpausen von etwa 27 Minuten Länge, in dem Kagel den Flötisten mehrmals zwischen Großer Flöte und Altflöte wechseln läßt und zum Abschluss auch das Piccolo zum Einsatz kommt. Das Stück erfordert, neben einer gehörigen Portion Virtuosität, ein Höchstmaß an Klangreichtum von den Flöteninstrumenten, wobei auch die Singstimme während des Spielens benutzt wird. Als besonders reizvoll empfinde ich das Zusammenspielmit Harfe und Schlagzeug. Durch die oftmals parallele Führung der drei Instrumente, beziehungsweise der Instrumentengruppe Schlagzeug, erhalten viele Passagen einen durchaus konzertierenden, kammermusikalischen Charakter.

Auch die Streichorchesterbehandlung scheint mir sehr geprägt von der Absicht, unterschiedlichste Klangfarben fast ohne jeglichen Einsatz außergewöhnlicher Spieltechniken sich von selbst entwickeln zu lassen. Eine Besonderheit dieses Solo-Konzertes ist, dass sich eine 'Kadenz' im klassischen Sinne in dieser Komposition nicht findet - eher zwei "Anti-Kadenzen", ein typisch Kagelscher Ironiezug, durch den er sich und seiner der Gattung 'Konzert' anfänglich ablehnenden Haltung gegenüber treu geblieben ist.

Mauricio Kagel: "Das Konzert" Geschichte einer Uraufführung.

Mauricio Kagel (li) und Michael Faust (re)Mauricio Kagel (li) und Michael Faust (re) Bei unserem ersten Gespräch, das ich 1997 mit Mauricio Kagel wegen der Möglichkeit eines Auftrages führte, bat ich ihn, für mich ein "Stück für Soloflöte und Streicher, und vielleicht noch einem oder zwei anderen Instrumenten" zu schreiben. Kagels Antwort und Standpunkt war folgender: Zwar habe er bereits ein 'Konzertstück' für Pauken und Orchester geschrieben, sich aber bislang geweigert, ein 'Konzert' zu schreiben, "da es schon so viele Werke für alle normalen Instrumente in dieser Form gibt; für Pauke gab es nichts, also schrieb ich es". Gerne wolle er für mich ein Solostück für Flöte schreiben, aber er schreibe halt kein Solokonzert. Sogleich, noch im selben Gespräch, entwickelte Kagel ein Projekt eines Stückes für Soloflöte von ca. 30 Minuten Länge, und eine Szene, in der ein Schlangenbeschwörer" aus einer Kiste steige, aus der er verschiedene Objekte zaubert. Ich als Flötist sollte seitwärts vor dieser Kiste sitzen und die Partie im Halbdunkel spielen. So hatte Kagel in kürzester Zeit ein Bühnen-Szenarium entworfen, dem die Fantasie größten Raum ließ.

Aber bald danach jedoch ergab sich die Möglichkeit, einen der "Lebensträume" Mauricio Kagels zu verwirklichen: einige seiner konzertanten Werke inszeniert auf die Bühne zu bringen.

Die Komposition - sein erstes wirkliches Instrumentalkonzert - wurde im Mai 2002 fertig, obwohl die Uraufführung erst für den Oktober 2003 anberaumt war. Kagel stellt seine Kompositionen gerne frühzeitig fertig, um den Interpreten eine angemessene Einstudierungszeit zu ermöglichen. Diesmal aber, wohl auch wegen der Besonderheit des gesamten TheaterKonzert-Projektes, wurde er extrem früh fertig und schickte mir sogleich eine Kopie seiner Partitur zu. Mir fiel schon beim ersten Durchblättern das Besondere dieser Komposition auf, zugleich aber auch die Schwierigkeiten der Spielbarkeit: die Textur der Flötenbehandlung war so konzipiert, dass sie kaum über die Mitte der dritten Oktave hinaus ging. Bei unserem ersten Hör-Treffen im Januar 2003 war ich dann ganz stark beeindruckt von Kagels Offenheit einigen meiner Vorschläge als Interpreten gegenüber. Bei diesem Vorspielen der Solostimme und folgenden Proben mit Klavier, sowie später mit Orchester, entwickelte sich eine produktive Zusammenarbeit in einer vertrauensvollen Atmosphäre, die ich in der Spannung von Ernsthaftigkeit und Humor als einzigartig empfand.

Im Februar 2003 dann trafen Mauricio Kagel und ich schon mit der Harfenistin und dem Schlagzeuger der Duisburger Philharmoniker in Duisburg zusammen, um das 'Trio' in "Das Konzert" durchzuhören. Es waren sehr nützliche Vorproben, da schon einige Fragen auch der Schlagzeuginstrumentierung beantwortet werden konnten. So wurde festgelegt, dass das Werk besser mit zwei Orchesterschlagzeugern statt mit einem versierten Schlagzeug-Solisten zu spielen ist. Der Harfenistin wurde deutlich, dass Kagel selber Harfe gespielt hat, da ihr Part extrem gut auf ihr Instrument abgestimmt ist - was ja besonders bei Neuer Musik nicht selbstverständlich ist!

Wärend dieser Phase des Kennenlernens des Orchesterparts wurde auch viel an der Flötenstimme geändert, um dem Stück den Charakter eines "Konzertes" zu geben, das einerseits den Flötenpart als in den Orchesterpart integriert versteht, andererseits ihm klangliche Eigenständigkeit verleiht. Wir machten während der Vorproben eine Aufnahme, die der Regisseur Christoph Nel für seine Inszenierungsarbeit benutzte: das Besondere des geplanten Abends an der Deutschen Oper am Rhein Duisburg und Düsseldorf war ja die Inszenierung ursprünglich konzertanter Werke Kagels.

Und so ging es im Juni an die szenischen Proben. Nel hatte entschieden, dass "Das Konzert" in seiner eigentlichen Aufführungsart, als Instrumentalkonzert, bestehen bleiben sollte, d.h., der Flötensolist sollte während der Aufführung dieses Werkes keinen szenischen Part übernehmen - was mich beruhigte. So waren wir - Robert Aitken spielte auch einige der insgesamt 12 Aufführungen - dann erst im September in die Orchester- Bühnenproben eingebunden und erhielten auch unseren szenischen Part: als langsam einschlafender Zuhörer während des letzten Stückes des Abends, "Der Brief". Während unseres Konzertes spielte sich eine Unmenge ab auf der Bühne: Trapezkünstler sprangen, ein Zauberer zeigte seine Stückchen, zwei Tangotänzer schlichen in Slowmotion über die Bühne. Das ganz Besondere war aber der Schauspieler, der als stille 'Vermittlungsfigur' (Christof Nel) zwischen dem Bühnengeschehen und uns Musikern eine Brücke schaffte. Dieser - ich nannte ihn bald 'mein alter Ego' - kam mir während des Konzertes manches Mal so nahe, dass mich die Kollegen fragten, ob er nicht irritiere. Aber er hatte diese Rolle des 'Intervenierenden ohne Einmischung' und spielte diese wunderbar!

Die Uraufführung stand noch unter einem schwierigen Stern: Mauricio Kagel hatte alle Proben bis zur Hauptprobe geleitet. Während dieser vorletzten Probe allerdings erlitt er einen Schwächeanfall infolge einer verschleppten schweren Lungenentzündung. Es war an mir, ihn mit der Ambulanz in ein Krankenhaus in Duisburg einzuliefern und, nachdem ich ihn in guten Händen wusste, zurück zur Probe zu fahren und die Hauptprobe unter Kagels einspringenden Assistenten Roland Techet zu spielen. Dieser erfüllte seinen Part sehr kompetent und sicher, sodass die beiden restlichen Proben und die Uraufführung sehr gut 'über die Bühne gingen'.

Da es sich um eine Co-Produktion mit der Ruhr-Triennale handelte, waren dort auch sämtliche wichtigen Zeitungen vertreten, die das Projekt und besonders "Das Konzert" durchweg nur positiv besprachen. Ich bin sehr glücklich, diesem großen Komponisten ein Flötenkonzert 'abgetrotzt' zu haben, das sicher einen Platz in unserem Repertoire verdient hat!

Michael Faust

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Pressestimmen

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Als ob man fröhlich sei Babylonische Baustellerei: Mauricio Kagels "TheaterKonzert" bei der Ruhrtriennale in Duisburg. Der Abend brachte auch eine Uraufführung: "Das Konzert" für Flöte, Harfe, Schlagzeug und Streicher, Kagels erstes Solokonzert als überaus anspielungsreiche "absolute" Musik. Doch während Michael Faust vor dem hochgefahrenen Orchester hochvirtuos brilliert, tapert das vertraute Basispersonal des Abends hinten auf der Bühne herum.
Gerhard R.Koch

Süddeutsche Zeitung
Mauricio Kagels TheaterKonzert in Duisburg uraufgeführt ... Uraufführung des unverhohlen musikantischen "Konzerts" für Flöte und Streicher (mit dem bravourösen Solisten Michael Faust) ...
Michael Struck-Schloen

NRZ
Ruhr-Triennale und Rheinoper widmen dem erkrankten Klang-Jongleur Maurico Kagel ein "TheaterKonzert". Das uraufgeführte Flötenkonzert mit dem famos blasenden Solisten Michael Faust war, schloss man die Augen, ein hinreißend helles, hochvirtuoses Klangstück, das der Regisseur szenisch mächtig nachwürzte.
Johannes K. Glauber

dpa
Voller Absurdität, Poesie und Witz: Kagels Musik-Theater in Duisburg. Mit dem in Duisburg uraufgeführten «Konzert» hat Kagel erstmals ein Werk für ein Solo-Instrument mit Orchester geschrieben. Michael Faust ist dabei mit drei verschiedenen Flöten zu hören, denen er mit Virtuosität ein Höchstmaß an Klangvielfalt entlockt. Wie auch in anderen Werken Kagels entfalten sich im "Konzert" Bilder und Befindlichkeiten wie Unruhe, Schwärmerei, Überschwang und Niedergeschlagenheit.
Andreas Schirmer

WAZ Duisburg
In Kagels bunter Welt wird die Musik zum Theater. Zu diesem Projekt gehört als Auftragswerk der Kunststiftung NRW Kagels erstes wirkliches Konzert, nämlich "Das Konzert", als Uraufführung. Der fabelhafte Michael Faust begegnet mit drei Flöteninstrumenten hochvirtuos dem Orchester. Die Streichergrundierung ist dicht verwoben. Interessant die Korrespondenzen mit Harfe und Schlagzeug. Es gibt irisierende Momente. Und die Spannung steigt durch wachsende Dichte in der zweiten Hälfte des Konzertes.
Michael Stenger

Westdeutsche Zeitung
Wenn der Traum als Musik erwacht. Und auf diesen Abend hin hatte Kagel sein immerhin erstes Konzert ... geschrieben. ... Von praller Klangpracht dann die Uraufführung, "Das Konzert", 27 Minuten pausenlos ohne Satzeinteilung. Eine vitale, stoffliche, haptisch greifbare, sangliche Musik, mit großen Auf- und Abschwüngen, harmoniefreudigen Ensembles. Der Orchestergraben ist hochgefahren, Michael Faust muss zwischen Großer, Alt- und Piccoloflöte variieren und ist in den Rang eines Mitdarstellers erhoben. ... Es war dem Publikum Bravissimi wert.
Sophia Willems

Kölnische Rundschau
Zu schöner Musik den Mimen zersägt. Für "Das Konzert", die musikalische Uraufführung, fuhr der Orchestergraben auf Bühnenhöhe. Michael Faust, langjähriger Soloflötist der WDR-Sinfoniker, hatte dieses Werk motiviert und spielte den anspruchsvollen Solopart. Fausts Finger- und Ansatzartistik animierte die - ebenfalls echten - Artisten auf der Bühne zum Bodenturnen.
Olaf Weiden

Online Musik Magazin
Luftakrobatische Flötentöne. Die Uraufführung von "Das Konzert", einem fast impressionistisch anmutenden Instrumentalkonzert, wurde zum Triumph für den exzellenten Flötisten Michael Faust, dessen expressives Spiel anzuschauen ungleich spannender ist als alle Aktion auf der Bühne, die leider ablenkt von der konzentrierten, farbenreichen Partitur.
Stefan Schmöe


Erschienen in: Flöte aktuell 4/2003, Seite 30



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aktualisiert am Mittwoch, 29. Nov. 2006 um 15:06:25 CET

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