Flöte aktuell 4.2003 (II)
Helmut Lachenmann: NUN
Ein neues Flötenkonzert! Verfasst von einem der bedeutendsten Komponisten unserer Zeit - Helmut Lachenmann. Diese Nachricht weckte sofort unser Interesse, spielte zusätzlich auch unsere Lehrerin Prof. Gaby Pas-Van Riet dabei den Solopart der Querflöte. So kam der Gedanke auf, uns näher mit dem Werk und dem Komponisten auseinander zu setzen, und es ergab sich die Möglichkeit, bei der Generalprobe zur Aufführung am 9. 2. 2003 in Stuttgart im Theaterhaus Wangen als Zuhörer dabei zu sein. Wir erlebten eine sehr beeindruckende Darbietung des Werks durch die Solisten Gaby Pas-Van Riet (Flöte), Mike Svoboda (Posaune) und durch das RSO Baden-Baden / Freiburg unter der Leitung von Michael Gielen. Im Anschluss daran bot sich uns die einmalige Gelegenheit, mit Helmut Lachenmann auf der Basis unserer Fragen ein Gespräch über sein Schaffen im allgemein und im speziellen über NUN zu führen.
Helmut Lachenmann wurde 1935 in Stuttgart geboren und studierte an der dortigen Musikhochschule von 1955-58 Theorie, Kontrapunkt und Klavier. 1958 - 60 war er Schüler von Luigi Nono in Venedig.
Bis 1973 arbeitete er als freischaffender Pianist und Komponist in München, dann kehrte er nach Stuttgart zurück.
Verschiedene Lehrtätigkeiten ergänzen Lachenmanns kompositorische Arbeit und belegen seinen internationalen Ruf. 1972/73 leitete er eine Kompositions-Meisterklasse an der Musikakademie Basel, 1976 folgte er einem Ruf als Professor für Theorie und Gehörbildung an die Musikhochschule Hannover. Des weiteren war er seit 1972 mehrfach Dozent bei den "Darmstädter Ferienkursen". Ab 1981 war er Professor für Komposition an der Musikhochschule Stuttgart.
Helmut Lachenmann ist Mitglied der "Akademien der Künste" in Berlin, Hamburg, München, Mannheim und Leipzig.
1997 wurde seine Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" (nach einem Märchen von Hans Christian Andersen) in Hamburg uraufgeführt.
Als Parergon (Anhang) zu dieser Oper entstand die Orchesterkomposition NUN (für Flöte, Posaune, 8 Männerstimmen und Orchester), deren revidierte Fassung am 17. Januar 2003 im Konzerthaus Berlin (Gaby Pas-Van Riet, Flöte, Mike Svoboda, Posaune, Stuttgarter Vokalsolisten, Berliner Sinfonieorchester, Johannes Kalitzke, Leitung) uraufgeführt wurde.
Das Ich ist kein Ding, sondern ein Ort (Kitaro Nishida, 1870 - 1945)
Helmut Lachenmann verarbeitet in seiner Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" einen Renaissancetext von Leonardo da Vinci, dessen Zusammenhang mit NUN er uns in einem Gespräch wie folgt erläuterte:
"Die Geschichte spielt in der Kälte. Der Text von Leonardo da Vinci spricht - sozusagen als Intermezzo - genau vom Gegenteil, von Hitze, Lava und Vulkanen. Ein Wanderer geht durch die Klippen an den Vulkanen entlang, bis er zum Eingang einer großen Höhle kommt. Da heißt es dann wörtlich: "vor der ich in gefühlter Unwissenheit eine zeitlang verweilte. Ich hockte mit gekrümmtem Rücken, die müde Hand aufs knie gestützt beschattete ich mit der Rechten die gesenkten und geschlossenen Wimpern und NUN, da ich mich eine Weile hin- und herbeugte, verbot mir das die große Dunkelheit, die darin herrschte. Als ich aber eine Weile verharrt hatte, erwachten in mir zwei Gefühle, Furcht und Verlangen. Furcht vor der Dunkelheit der Höhle, Verlangen, mit eigenen Augen zu sehen, was an Wunderbarem darin sein möchte." Und diesem NUN habe ich dieses Stück sozusagen gewidmet."
Das Werk knüpft zum einen hier an die Oper an, zum anderen bezieht es sich auf einen Satz des japanischen Philosophen Kitaro Nishida (1870-1945) "Das Ich ist kein Ding, sondern ein Ort" - Es ist die Aufgabe der Musik, diesen Ort von Konventionen und allerlei sonstigem unnötigen Ballast zu säubern. "NUN ist der Versuch, eine Art Präsenz zu beschwören, also keine Musik, die weitergeht, keinen diskursiven Text, sondern Musik als Situation". Es ist durchaus die Intention des Komponisten, dass der Zuhörer sein Gefühl für Raum und Zeit verliert.
Mit seinem unverwechselbaren Personalstil gelingt es Helmut Lachenmann, seinen Zuhörern völlig neue Klang- und Geräuschwelten zu eröffnen und sie dort hin zu entführen.
"Für so ein Stück bereitet man eine Art Klangrepertoire vor, wodurch das Ganze auf ein gewisse Weise zusammengehalten wird. Hier ist es im Grunde eine serielle Idee, also 12 Töne, die sich aber nicht auf die Töne, sondern auf Luftformen bezieht."
Kein Instrument bläst, schlägt oder streicht einfach so einen konventionellen Ton, sondern die Klänge bleiben gehaucht, gestoßen, zerlöchert, zersplittert, ausgefranst, zersetzt etc. In der Soloflötenstimme werden z.B. folgende moderne Spieltechniken verwendet:
Notenbeispiele
T 2-4 Flageolett, Flatterzunge, tonloses Spiel, geräuschhaftes Spiel (verschleierter Ton mit extremem Luftanteil)
T 21 jet-whistle
T 26 tongue-ram
T 87 "gespuckt"
T 112 multiphonics
T 427 ObertöneBirgit Maier, Vanessa Britz, Miriam Arnold
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Erschienen in: Flöte aktuell 4/2003, Seite 20
» Mauricio Kagel — Das Konzert für Soloflöte, Harfe, Schlagzeug und Streicher (2001/02)

