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Flöte aktuell 4.2003 (I)

Genzmer zum Fünfundneunzigsten

Für uns Flötisten ist Harald Genzmer ein Flöten-Komponist. Seine zahlreichen Flötenwerke aus allen Schaffensperioden sind ein wesentlicher Bestandteil unseres solistischen und kammermusikalischen Repertoires, und auch die Unterrichts- und Studienliteratur für unser Instrument hat er entscheidend bereichert. Aber selbstverständlich wären wir einäugig, würden wir Genzmer auf seine Flötenmusik reduzieren, zu umfangreich ist sein Oeuvre, das außer der Oper alle Gattungen umfasst. Dennoch, eine besondere Affinität zur Flöte lässt sich bei Genzmer nicht leugnen: "... ich bin vielleicht der schlechteste Flötist aller Zeiten, der je gelebt hat, aber ich hab' eine Flöte in der Hand gehabt, daher konnte ich ein Flötenkonzert schreiben, weil ich einfach das Körpergefühl hatte."[1] Als studierter Klarinettist jedenfalls besitzt Genzmer ausführliche Holzbläserkenntnisse und ein flötistisches Umfeld tat das übrige. Seine beiden Schwestern spielten sehr gut Flöte. Für sie entstand 1944 die Fis-Moll-Sonate für zwei Flöten als Weihnachtsgeschenk für die Eltern: "Mein Gott, was sollte man schenken, es gab ja nichts zu kaufen, es war Krieg!"[2]Am 9. Februar kommenden Jahres feiert Harald Genzmer seinen 95. Geburtstag Musik und Musizieren gehörte zum Leben der Familie Genzmer. Die Mutter spielte Klavier, der Vater Harmonium. Eine kontinuierliche musikalische Ausbildung für den jungen Harald Genzmer scheiterte allerdings am häufigen Wechsel des Wohnorts. Als Jurist und Germanist (bekannt ist seine Edda-Übersetzung) musste der Vater berufsbedingt mit der Familie von Blumenthal bei Bremen - hier wurde Harald Genzmer 1909 geboren - nach Posen, dann nach Berlin und Rostock umziehen, bis er 1923 eine Jura-Professur in Marburg annahm. Zu Genzmers musikalischen Schlüsselerlebnissen in diesen Jahren gehören die Aufführung der Alpensinfonie von Richard Strauss und das Streichquartett op. 22 von Paul Hindemith durch das Amar-Quartett mit dem Komponisten selbst an der Bratsche. Nach dem Abitur beginnt Genzmer 1928 in Berlin das Musikstudium: Kontrapunkt und Komposition bei Paul Hindemith, Instrumentenkunde bei Curt Sachs, Vergleichende Musikwissenschaft bei Georg Schünemann, Klavier bei Rudolph Schmidt und Klarinette bei Alfred Richter. 1933 geht er als Studienleiter an die Breslauer Oper. Hier ist er "Mädchen für alles" und erwirbt das praktische Rüstzeug für den kompositorischen Umgang mit Orchester. 1937 kann er nicht länger bleiben, da die erwartete NSDAP-Mitgliedschaft für ihn nicht in Frage kommt. Daraufhin unterrichtet er in Berlin an der Volksmusikschule Neukölln bis 1942. Es beginnt die Zusammenarbeit mit dem Trautoniumvirtuosen Oskar Sala. Genzmers zahlreiche Trautoniumwerke sind frühe Meilensteine auf dem Gebiet der elektronischen Musik. 1940 bis Kriegsende wird er eingezogen und wirkt bei Lazarett- und Wehrmachtskonzerten mit. Sofort nach dem Krieg gehört Harald Genzmer als Professor für Komposition zu den Gründungsmitgliedern der Freiburger Musikhochschule. 1957 folgt er dem Ruf nach München, wo er bis zu seiner Emeritierung 1974 lehrte und bis heute lebt.

1932 machte Genzmer mit Gustav Scheck, dem Nestor des modernen Flötenspiels in Deutschland, Bekanntschaft, aus der sich eine lange Freundschaft und künstlerische Zusammenarbeit entwickelte. Seine beiden Flötensonaten schrieb Genzmer für Scheck, die "Neuzeitlichen Etüden" entstanden auf seine Anregung hin. Vom ersten Flötenkonzert existiert noch eine Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern unter Sergiu Celibidache und mit Scheck als Solist. Das handschriftliche Notenmaterial ist auf dem Weg nach Italien - Severino Gazzelloni hatte es angefordert - verschollen. Als Ersatz schrieb Genzmer sein zweites Flötenkonzert, ebenfalls für Scheck. Zu diesem Werk bemerkt der Interpret treffend: "Für das innere Wesen der Flöte, ihre Sensibilität und Farbigkeit hat Harald Genzmer das Feingefühl eines französischen Komponisten, ebenso für ihre enormen technischen Möglichkeiten. Die in manchen Passagen des Konzerts vorkommenden außerordentlichen Schwierigkeiten bedeuten keineswegs Unkenntnis, ihr Vorkommen ist vielmehr als "Hommage" an die Fähigkeiten der Virtuosen auszulegen".[3]

Aber nicht nur die Virtuosen inspirierten Genzmer. "Für Kenner und Liebhaber" schreibt der Komponist ohne darin einen Widerspruch zu sehen. Viele seiner Flötenwerke sind auch von Amateuren und Schülern gut zu bewältigen. Wichtige Erfahrungen sammelte Genzmer an der Volksmusikschule Berlin-Neukölln als Lehrer für Tonsatz und Zusammenspiel. Hier "hatte ich den ersten wirklichen Kontakt mit musikalischen Laien. So was lernt man nicht an der Oper, so was lernt man nur durch den Kontakt mit jungen Menschen. Da habe ich gelernt, auch für junge Leute zu schreiben, was ich bis heute gerne getan habe". [1] Damals bereits entstanden Idee und erste Entwürfe zu Genzmers jüngstem Flötenwerk "Dialoge - 50 Spielstücke für zwei Flöten", das soeben bei Ries & Erler erschienen ist. Während die ersten Duos bereits in der Unterstufe zum gemeinsamen Musizieren anregen, fordern die Kompositionen gegen Ende des Kompendiums sehr. fortgeschrittene Flötisten. Musizierlust steht im Vordergrund und gleichzeitig wird der Spieler behutsam an musikalische und spieltechnische Charakteristika der klassischen Moderne herangeführt. Diese Sammlung vielfältiger Spielmusik, Charakterstükke, Studien, Volkslieder und Choralmelodien ist eine Fundgrube für Unterricht, Schülervorspiele, Jugend musiziert, Wettbewerbe... Wir erkennen in jedem einzelnen Stück Genzmer, als bedeutende und unverwechselbare Stimme in der Musik des 20. Jahrhunderts: musikantisch, aber dennoch kunstvoll kontrapunktisch in einer zeitgemäßen Tonsprache, die Einflüsse der Zeitgenossen nicht leugnet und gleichzeitig klassische Formen und europäische Tradition einbezieht.

Die Schaffenskraft des Komponisten ist ungebrochen und so muss auch jedes Werkverzeichnis vorläufig bleiben. So ist im Augenblick ein neues Werk für Block- oder Querflöte und Klavier im Entstehen. Auch gibt es bei der Vielzahl der Werke keine Gewähr für Vollständigkeit. Einiges ist nur als Manuskript oder Leihmaterial (LM) vorhanden, wird aber im Laufe der Zeit in Druck gehen. Ergänzend sind im folgenden Verzeichnis der Querflötenwerke Harald Genzmers auch Kompositionen für Altblockflöte aufgelistet, die gewinnbringend im Querflötenunterricht Verwendung finden.

Elisabeth Weinzierl und Edmund Wächter

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Erschienen in: Flöte aktuell 4/2003, Seite 11

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[1] Katalog zur Ausstellung im Alten Rathaus München zum 80. Geburtstag von Harald Genzmer
[2] Harald Genzmer im Gespräch mit den Autoren
[3] Gustav Scheck: Die Flöte und ihre Musik, Mainz 1975

» Helmut Lachenmann: NUN



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aktualisiert am Mittwoch, 29. Nov. 2006 um 14:58:32 CET

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