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Flöte aktuell 2.2003

"Von trocknen Blumen und Lerchen"

Themen-Festivaltag der Deutschen Gesellschaft für Flöte
Weimar am 8.03.2003

Wie schon vor drei Jahren hatte die DGfF auch dieses Jahr wieder Mitglieder und Gäste zu einem "Zwischen-Festivaltag" zwischen zwei großen Flötenfestivals eingeladen - dieses Mal aber nicht nach Frankfurt wie sonst, sondern in Deutschlands "Weltkulturstadt 1999" Weimar, und dort in die Hochschule für Musik Franz Liszt. Weimar hatte sich gleich aus mehreren Gründen als Veranstaltungsort qualifiziert. Zum einen möchte die DGfF mit ihren Veranstaltungsorten in Zukunft variabler sein - auch wenn die Frankfurter Musikhochschule nach wie vor schon wegen der zentralen Lage in Deutschland Favoritin bleibt - , und zum anderen braucht man über die kulturelle Aura Weimars wohl nicht viele Worte zu verlieren. Interessant und weniger bekannt vielleicht noch, daß J.S. Bach hier eine Weile gelebt und gewirkt hatte und einige seiner Söhne hier zur Welt kamen. Vor allem aber bot die neu renovierte Musikhochschule mitten im Zentrum Weimars einen hervorragenden Standort für den Festivaltag.

Zu J. S. Bachs Flötenwerk war der letzte "Zwischen"-Festivaltag der DGfF in Frankfurt 10. Oktober 2000 aus Anlaß seines 250. Todestages konzipiert worden, und so war auch der diesjährige Festivaltag thematisch konzipiert. Aber dieses Mal ging es nicht um einen bestimmten Komponisten und sein Werk für die Flöte, sondern um Flötenmusik rund um die Schubertschen Liedkompositionen und um von Vogelstimmen inspirierte Flötenkompositionen. Was diese beiden Aspekte jeweils einzeln bedeuten sollen, kann man sich als Flötist unschwer vorstellen, aber wie die Brücke dazwischen aussehen kann, ist schon schwieriger. Ein zeitgenössisches Werk im Programm des Festivaltags gab die Antwort darauf: Hans Zenders Stück für Flöte und Klavier "Horch, horch, die Lerch' im Ätherblau!", das der Komponist als Auftragswerk für den Grazer Kammermusikwettbewerb 2003 "Schubert und die Moderne" auf der Grundlage des gleichnamigen Lieds von Schubert schrieb, das ein Sonett von Shakespeare aus dem Zyklus "Cymbeline" vertont. Gunhild Ott, Soloflötistin des SWR-Orchsters, und Cordula Hacke am Klavier lieferten eine musikalisch fesselnde Interpretation dieses rhythmisch, klangtechnisch und im Zusammenspiel sehr anspruchsvollen Werks. Als Motiv in beiden Instrumenten wird immer wieder die Tonfolge des Themas des Schubertliedes verwendet, wobei beide Spieler gleichwertig sind, so daß es keinen Begleiter und keine Solostimme gibt. Das Stück wirkt wirklich wie Morgengesang einer Lerche, bei dem die in der Rondoform immer wiederkehrenden langsamen, lyrischen und schnellen, eruptiven, jubilierenden und fugatohaften Teile durch Farben ineinander verschmelzen und ein homogenes Ganzes bilden. Einen eindrucksvollen akustischen Beweis, daß nicht nur die Lerche Komponisten zu Flötenstücken inspirierte, sondern auch andere Singvogelarten wie z. B. die Nachtigall, der Star, die Amsel oder das "Waldvöglein" und viele andere, führte Marianne Henkel in ihrem "Konzert zu Flötenkompositionen nach Vogelstimmen". In einem launigen und gelungenen Potpourri spannte sie einen weiten Bogen von Couperins "Le Rossignol en Amour" über Stücke von Saint-Saens, Blumer, Doppler, Tschaikowsky und anderen KomponistInnen der romantischen Epoche bis in die Gegenwart zu Richard R. Bennet und Sofia Gubaidulina. Daß so mancher Teilnehmer nach dem Konzert darüber philosophierte, welche vogelstimmeninspirierten Flötenkompositionen nicht im Programm vorgekommen waren, spricht für das "Konzert zu Flötenkompositionen nach Vogelstimmen" - außerdem können Interessierte auf der gleichnamigen CD von Marianne Henkel weitere Hörbeispiele finden (s. Flöte aktuell 1/2002).

Das Zender-Stück leitete das Nachmittagsprogramm des Festivaltags ein, der Vormittag aber hatte mit Meisterklassen begonnen. Den Anfang dabei machte die Flötistin Wally Hase, als Professorin an der Weimarer Musikhochschule und Soloflötistin der Staatskapelle Weimar die Gastgeberin des Festivaltags, der an dieser Stelle für ihre organisatorische Unterstützung zu danken ist. Man könnte natürlich grundsätzlich fragen, was eine insgesamt 45minütige Klasse, in der also jeder der drei Schüler gerade mal ungefähr 15 min Zeit hat, in pädagogischer Hinsicht bringen kann. Aber wie bei den beiden nachfolgenden Klassen mit Ulf-Dieter Schaaf, Professorenkollege von Wally Hase in Weimar und Soloflötist im RSO Berlin, und Felix Renggli, Nachfolger von Peter-Lukas Graf auf der Professur in Basel und internationaler Starflötist, stellte sich bei Wally Hases Klasse diese Frage den Zuhörern und Teilnehmern nicht. Alle drei "Kurz"-Klassen wirkten nicht nur wie Appetitmacher auf mehr, sondern man hatte als Zuhörer auch das Gefühl, daß der jeweilige Schüler - oder man müßte eher sagen, die jeweilige Schülerin, da es fast nur Teilnehmerinnen beim Festivaltag gab - eine gute Kontrolle und einen wichtigen Anstoß für seine weitere Arbeit bekam. Ein weiteres gutes Zeichen: Obwohl durchweg bekanntes Repertoire von den SchülerInnen gespielt wurde (Mozart Konzerte, Jolivet "Incantations", Hindemith Sonate, Schubert "Trockne Blumen"), wurde es beim Zuhören nicht langweilig - , und es gab auch lustige Szenen. So hatte Ulf-Dieter Schaaff zunächst den Eindruck, mit seinem japanischen Schüler - ausnahmsweise keine Schülerin - , der Schuberts "Trockne Blumen" mitbrachte, besonderes Glück zu haben, was in musikalischer Hinsicht auch durchaus zutraf: Als er nach einem ersten Durchlauf der Introduktion die Beziehung des musikalischen Ausdrucks zu Wilhelm Müllers Originalliedtext "Trockne Blumen" aus dem Zyklus "Die schöne Müllerin" herstellen wollte, fand Schaaff in den Noten des Schülers eben diesen Liedtext bereits eingeklebt. Dort beschreibt bekanntlich der Erzähler, wie die untreue Geliebte eines Tages, wenn sie an seinem Grab vorbeikäme, die vertrockneten Blumen wieder sehen könnte, die sie ihm früher gegeben hatte. Erfreut über das offensichtliche Problembewußtsein des Schülers fragte ihn Schaaff, was der Erzähler mit seinem Gedicht ausdrückt. Zu seiner großen Überraschung bekam er prompt zur Antwort: "Der Mann ist tot."

Wally Hase und Felix Renggli spielten in ihren Rezitalen ebenfalls Schubert-Lieder. Wally Hase wählte vier Lied-Adaptionen von Th. Böhm für Flöte und Gitarre aus "Die Winterreise" sowie das berühmte "Ständchen" und "Das Fischermädchen". Mit dem Gitarristen Thomas Müller-Pering hörten die Zuhörer einen weiteren Weimarer Professorenkollegen von Wally Hase - und hatten eine weitere Bestätigung des Eindrucks, daß in Weimar nicht nur eine junge, sondern auch hochmotivierte und musikalisch hervorragende Dozententruppe aktiv ist.

Felix Renggli sagte trotz heftigen Grippehandicaps sein Rezital nicht ab und spielte exzellent einen Teil der Schubert Sonatine a-moll (op.131/2) sowie vier Lieder aus der schönen Müllerin und der Winterreise "pur", also die Singstimme direkt auf der Flöte, - auf dem Klavier hervorragend begleitet von Bahar Dördüncü. Nur zu verständlich, daß die angekündigte Arpeggione- Sonate wegen der Grippeattacke ausfallen mußte - hoffentlich gibt es bald wieder eine Gelegenheit, diesen Ausnahmeflötisten der jungen Generation bei einem späteren Flötenfestival wieder zu hören.

Alles in allem war es in Weimar ein sehr gelungener Tag auf durchweg hervorragendem musikalischen Niveau und mit einem überzeugenden Gesamtkonzept. Nur schade, daß doch recht wenige Mitglieder der DGfF den Weg nach Weimar gefunden hatten. An den Kosten kann es nicht liegen, zumal die Teilnahmegebühr weit unter den tatsächlichen Kosten lag und man z. B. mit Hilfe des Internets auch in Weimar preiswert übernachten kann. Den Veranstaltern stellt sich letztlich dabei die Frage, ob ein Veranstaltungsort in den neuen Bundesländern in Zukunft nicht mehr in Frage kommt, wenn schon das relativ zentral gelegene und wunderschöne Weimar nicht attraktiv genug zu sein scheint, oder ob sie solche "Konzept-Festivaltage"
überhaupt nicht mehr anbieten sollten. Beides wäre wirklich sehr schade, wie der Tag in Weimar gezeigt hat.

Marco Lehmann-Waffenschmidt

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Erschienen in: Flöte aktuell 2/2003, Seite 11



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aktualisiert am Freitag, 01. Dez. 2006 um 10:01:45 CET

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