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Flöte aktuell 1.2002 (III)

Neue Noten

...I, Laika... for flute, cello, and piano
forever after for flute
Hope Lee

Furore - Edition 226
Furore - Edition 358

Hope Lee wurde am 14.01.1953 in Taiwan geboren und lebt seit 1967 in Kanada. Ihr Musikstudium absolvierte sie in den Fächern Komposition, elektronische Musik, Musiktheorie und Klavier an Torontos Royal Conservatory of Music und der McGill University in Montreal. Im Rahmen eines DAAD-Stipendiums studierte sie zwei Jahre bei Klaus Huber in Freiburg. 1985 war sie Gastkomponistin im Künstlerhaus Boswil (CH) und 1986/87 Gastdozentin für Komposition an der Queens University in Kingston. Von 1987-1990 studierte sie sowohl traditionelle chinesische Musik und Lyrik, als auch elektronische Musik in Berkeley, Kalifornien. Ihr Kompositionsstil greift zunehmend auf Inhalte der chinesischen Poesie, Geschichte, Musik und Philosophie Chinmusik (chinesische Zither) zurück. Derzeit lebt und arbeitet sie in Calgary/ Alberta. Lee's Werke wurden auf zahlreichen internationalen Musikfestivals präsentiert und gewannen viele Auszeichnungen und Preise.

Das Trio "...I, Laika..." für Flöte, Cello und Klavier ist ein großangelegtes Einsatzstück, das von dem Ensemble Daedalus in Auftrag gegeben wurde und Rita Gautier, der Pianistin und Gründerin des Ensembles gewidmet ist. Während der Entstehungszeit lebte Lee in Berkely, Kalifornien und belegte Kurse in chinesischer Dichtung und Philosophie. Fertiggestellt wurde das Werk 1989. Wie die historische Entwicklung der Kunstmusik zeigt, schöpfen Komponisten/innen, abgesehen von ihrem Selbstverständnis als Handwerker oder Genie, neben biografischen Einflüssen aus ganz unterschiedlichen Quellen, meist aus außermusikalischen Ideen, die der Natur, der Kunst, der Dichtung oder der Philosophie entstammen.

Nicht umsonst bezeichnet sich Hope Lee deshalb selbst als interkulturelle Forscherin, da sie versucht, ihre musikalische Sprache aufgrund ihrer nicht westlichen Tradition durch die Merkmale ihrer Nation anzureichern, chinesische und westliche Elemente auf eine neue und persönliche Weise zu verbinden. Ein mustergültiges Beispiel dafür ist sicherlich ihr Trio "I, Laika".

Eine erste Quelle stellt ein Text der "Spring and Autumn Annals of Mr.Lü" dar: "The origin of music is in the very remote past. It was born of equal measurement and rooted in the Grand Unity. The Grand Unity gave birth to the Counterparts (heaven and earth). The Counterparts gave birth to Yin and Yang transformed and stratified into higher and lower levels. These came together and formed regular patterns. Rolling over and about, again and again, they would separate, then come together and then separate. This is called the constancy of heaven; the turning wheel of heaven and earth coming to an end begins again, reaching its ultimate source. All things are a part of this process."

Ihre Musik setzt diese Bilder und Ideen suggestiv um. Der Klavierpart wird zu Beginn des Stückes von einer treibenden Geste beherrscht, die in ihrer Kernaussage bemüht ist, einen einzigen Ton "c" zu repetieren (the grand unity).

Die dynamische Ebene und die ungleichmäßig gesetzten Akzente dieser Geste rufen dramatische Assoziationen hervor, die mit der Geburt von etwas Neuem in Verbindung gebracht werden kann (Gegensätze von Himmel und Erde). Die Tonhöhe "d" tritt als gegensätzlicher Ton auf. Diese gegensätzlichen Elemente kommen zusammen und trennen sich wieder in einem trippelnden Auf und Ab. Im weiteren Verlauf des Stückes bilden diese beiden Töne ein tonales Zentrum innerhalb der einzelnen Abschnitte und werden durch Zusatztöne chromatisch aufgefüllt. Die tonale Spannung eines Abschnittes hält so lange, bis der Höhepunkt vorüber ist und die andere Tonhöhe auf einem Ruhepunkt erreicht wurde.

Notenbeispiele: Tonhöhe d = C; Tonhöhe c = A

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Der Einfluss ihrer chinesischen Tradition zur Umsetzung dieser polaren Struktur wird auch durch die beiden gegensätzlichen Elemente "shih" (konkret) und "hsu" (abstrakt) deutlich.

Das Stück wird beeinflusst durch festgelegte, vorgeplante Techniken, die eine solide musikalische Struktur vorgeben (Tonfloskeln, rhythmische Modelle, Entwicklung von Motiven), aber auch durch nicht fassbare, dem Zufall überlassene Elemente, die flexible, bewegliche Gesten enthält, um die Musik nicht vorhersehbar werden zu lassen.

Auch das Wissen Lees über das Chin-Spielen kommt in diesem Stück, bei dem verschiedene Klangfarben eine große Rolle spielen, zum Tragen. Die Chin ist eine Wölbbrett-Zither, die über vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten verfügt. Der Klang und seine Variabilität stehen dabei in direkter Verbindung mit der Natur. Ein berühmter Chin-Spieler sagte einmal: "Mag der Körper des Chin-Spielers auch in einer Galerie oder einer Halle weilen, sein Geist sei mit den Wäldern und Flüssen". Somit sind Lee`s Anweisungen spielen "wie sich vorwärts bewegende Wellen" (T 76, Flöte), "wie eine frische Brise, die durchweht" (T 119, Klavier), "wie ein Schatten" (T 247, Cello) damit zu erklären, dass sie so viele unterschiedliche Klangfarben wie möglich aus den Instrumenten herausholen möchte.

Ein erzählerisches, programmatisches Element in diesem Stück ist der Bericht über den Hund Laika, der mit Sensoren bestückt als 1. Lebewesen von sowjetischen Wissenschaftlern in den Weltraum geschickt wurde, um zu ermöglichen, Aussagen über die biologischen Auswirkungen des Starts und der Schwerelosigkeit machen zu können. Nachdem der Sauerstoffvorrat des Tieres aufgebraucht war, starb es im Weltraum.

Der dramatische, aufbrausende Ausdruck zu Beginn des Stückes kann bildlich mit dem Start des Raumschiffs in Verbindung gebracht werden. Auch die Anweisung im Klavierpart T230 "Verlust der Schwerelosigkeit" spielt darauf an und wird musikalisch durch undefinierbare chromatische Akkordverbindungen ohne tonalen Orientierungspunkt (Töne c - d) erreicht.

Der Höhepunkt des Stückes kann als heldenhafter Klagegesang über den Tod interpretiert und die rätselhafte Schlussgeste im Klavier und Cello als letzten Atemzug des Hundes gehört werden. Diese metaphorischen Anklänge führen weiter zu dem biografischen Hintergrund der Komponistin. Das Werk trägt nicht zufällig den Titel "I, Laika"..=. "Ich, Laika".

Hope Lee verlor im Alter von acht Jahren ihren Vater. Er war Pilot bei der taiwanischen Luftwaffe. Mit Beginn des chinesischen neuen Jahres 1961 erhielt die Familie die Nachricht, dass das Flugzeug während eines Einsatzes in Laos abgestürzt war und alle Insassen vermisst würden. Die Familie wollte diesen offiziellen Bericht jahrelang nicht glauben und sie gaben die Hoffnung nicht auf, dass der Vater eines Tages wieder auftauchen würde. Während ihrer Komponierphase an "I, Laika" trat eine Frage wieder in ihr Bewusstsein: "Was waren die letzten Gedanken und Gefühle des Vaters, als er starb?" - wohl ungeheure Einsamkeit, so wie sich Hope Lee als Kind selbst einsam fühlte. Der persönliche Hintergrund des Werkes, vor allem der Tod des Vaters wird in einem klageliedähnlichen Gestus in dieser Komposition zum Ausdruck gebracht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese vielschichtige Komposition bildlich für den sich immer wiederholenden Zyklus von "yin" und "yang" steht, für die stetige Natur und die menschliche künstlerische Aktivität und Kreativität, für zu Ende kommen und Neubeginn, für Leben und Tod.

Durch die Identifikation mit den ersten Lebewesen mit Weltraumerfahrung wird der Versuch ausgedrückt, in die Weite und Tiefe vorzudringen, die persönliche Erfahrung der Schöpfung zu beschreiben im Konflikt zwischen Begrenzung und Grenzenlosigkeit der Möglichkeiten einer Künstlerin, die selbst in der begrenzten Welt der eigenen Person steht. Eingefärbt wird das Stück durch die Klage und Trauer über den schmerzlichen Verlust.

Ungefähr 10 Jahre später entstand ein weiteres Auftragswerk, ein Solostück, geschrieben für Carin Levine für das Eröffnungskonzert des Künstlerinnenhauses Die Höge bei Bremen am 28.05.2000. Das musikalische Material für forever after stammt hauptsächlich aus dem Trio "I, Laika". In forever after wird der Traum von einer besseren Welt realisiert. Dieses Solostück vereinigt in knapper, überschaubarer Art und Weise die Kerngedanken von "I, Laika" (die beiden ersten Seiten entsprechen der Flötenstimme in "I, Laika"). Gegen Ende des Stückes löst es sich von seiner Vorlage und entschwindet nach einem rauschenden Cantabile in unsichtbare Sphären.

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In der Endaussage unterscheiden sich die beiden Stücke: der klagende Ton verwandelt sich in einen hoffnungsvollen. Das Stück lebt sowohl durch deutlich sprechende Artikulation und rhythmische Genauigkeit, als auch durch tonliche Verfärbungen und charakteristische Klangwelten, die im wesentlichen durch drei Bewegungsrichtungen entstehen:

Das sich auflösende, endmaterialisierte Ende kann mit dem Titel des Stückes in Verbindung gebracht werden: forever after - für immer danach / danach für immer, dass schließlich alles in Grand Unity eingeht.

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Der erste Takt mit der Bezeichnung outburst setzt das Tonamterial in die welt, auf das während des ganzen Stückes zurückgegriffen wird - vergleichbar einer Introduktion. Außerdem bestimmt es sehr genau die Töne c und d, die als Tonzentren in Erscheinung treten. Man kann sagen, dass dieses Stück einen festen Platz in der Unterrichtsliteratur und im Repertoire haben sollte. Es ist leicht fassbar in Form und Länge, rhythmisch anspruchsvoll und verlangt nur eine kleine Auswahl an neuen Spieltechniken.

Hope Lee versteht unter Kreativität ein unendliches Abenteuer im Bereich des Forschens und Experimentierens. Da sich die Dinge stetig und ständig ändern, sollte man sich jedem Werk von einem neuen Blickwinkel aus annähern. Wachstum ist ein natürliches Phänomen, das sich in ihrer Kompositionstechnik widerspiegelt. Dies git auch für die beiden Stücke "I, Laika" und "forever after" und ihren Zusammenhang.

Katharina Gelbarth

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Englischhorn Solo-Album
Barbara Heller
Flöte, Blockflöte, Karinette, Oboe,
Oboe d'amore, Heckelphon

Furore - Edition 325

"Musik ist eine sinnliche Erfahrung, der ich meine Struktur gebe". Barbara Heller stammt aus einer Restauratorenfamilie und wurde 1936 in Ludwigshafen am Rhein geboren. Nach dem Musikstudium in Mannheim und München war sie von 1958-1962 Dozentin für Klavier an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in Mannheim. Nach Kompositionsstudien bei Hans Vogt (Mannheim), Harald Genzmer (München) und M. Lavagnino (Siena) kam sie 1963 nach Darmstadt, wo sie bis heute als freiberufliche Komponistin und Pianistin lebt und arbeitet.

Ihr Werk umfasst in erster Linie Klavier- und Kammermusik, in den letzten Jahren auch Lieder. Sie improvisiert und komponiert viel in Kollektivprojekten, macht Tonbandcollagen und Klanginstallationen zu Ausstellungen. Das Englischhorn Solo-Album von 1998 ist eine Sammlung von 10 kurzen mittelschweren Stücken, die auch wahlweise auf der Flöte, Blockflöte, Klarinette, Oboe, Oboe d'amore oder auf dem Heckelphon gespielt werden können.

Das Album eignet sich sowohl für Konzerte, als auch als Unterrichtsliteratur für Studierende. Die Stücke sind traditionell notiert; teils frei im Metrum, teils metrisch genau festgelegt. Das erste Stück Selbstgespräch ist im freien Metrum notiert, und lässt sich grob in 3 Abschnitte teilen. Der erste Teil ist im ruhigen Gestus gehalten, gefolgt von einem bewegteren Mittelteil mit viel 1/8-Bewegung, die jedoch häufig von sogenannten Ruhepunkten in Form von einer halben, bzw. punktierten halben cis'', unterbrochen wird. Der Schlussteil ist wieder ruhig gehalten und mit wenig 1/8-Bewegung.

Auffallend ist, dass das "Anfangsthema" (d'-e'''-fis'-gis''-a'-cis'') im Stück immer wieder auftaucht, teils nur abschnittsweise, teils in veränderten Oktavlagen, bis es schließlich ganz zum Schluss nochmals voll erscheint und somit das Selbstgespräch beendet. Man hat wirklich das Gefühl, als führe man ein Selbstgespräch, in dem man sich immer wieder dieselbe Frage stellt und sie von verschiedenen Seiten betrachtet. Ebenso hat man beispielsweise im zweiten Stück Traum das Gefühl, als versinke man in eine Traumwelt. Es lässt sich ebenfalls grob in 3 Abschnitte teilen. Der erste Teil steht im 4/4- bzw. 7/8- Takt, man befindet sich noch im Wachzustand, bevor man dann im zweiten Teil in die Traumwelt hinübergleitet und jede metrische Einteilung aufgehoben wird. Der dritte Tei l - der Traum? - ist im Gestus eher ruhig und "traumhaft" gehalten und ist sehr frei zu spielen, bis es sich dann am Ende mit einem Diminuendo im Nichts verliert.

Auch zu den restlichen Stücken lässt sich sagen, dass die jeweiligen Titel den Inhalt der Stücke genau wiedergeben. Somit sind die 10 Stücke aus dem Album auch vom Interpretatorischen her für zeitgenössische Musik nicht allzu schwer.

Claudia Ehmann

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Erschienen in: Flöte aktuell 1/2002, Seite 49



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aktualisiert am Dienstag, 05. Dez. 2006 um 23:59:40 CET

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