Flöte aktuell 1.2002 (I)
Musikalische Volière und neue Klangdimensionen
Rezensionen aktueller CD-Titel
Musikalische Volière
Kompositionen nach Vogelstimmen
Marianne Henkel, Flöte
Oliver Triendl, Klavier
Die Stimmen der Vögel künden den Tag, den Frühling an und geben uns Menschen immer wieder Anlaß zur Freude. Häufig haben Komponisten sich von den Gesängen der Vögel inspirieren lassen. So spricht Olivier Messiaen von seiner wiedergefundenen "Inspiration dank dem Gesang der Vögel, das ist meine Lebensgeschichte". Kaum
ein Instrument kann den Gesang der Vögel so gut nachahmen wie die Flöte. Durch die Jahrhunderte entstanden zahlreiche Kompositionen, in denen die Flöte den Gesang der Vögel lebendig werden lässt.
Aus diesem großen Repertoire gibt die vorliegende CD eine bunte Auswahl. Bekanntes steht neben Unbekanntem, Altes neben Neuem, Camille Saint-Saens' Volière aus "Der Karneval der Tiere" neben Johannes Donjons "Rossinolet", Francois Couperins "Le Rossignol en Amour" neben Klaus-Hinrich Stahmers "König Wiedehopf", Olivier Messiaens "Le merle noir" neben Theodor Blumers "Flug der Vögel nach dem Süden" und Siegfried Karg-Elerts "Kolibri" neben Sofia Gubaidulinas "Klänge des Waldes".
Es ist Marianne Henkel und Oliver Triendl zu danken, dass sie diese kleinen Werke zusammengetragen haben. Das virtuose Spiel der Interpreten, die Programmatik und die heiteren Kompositionen lassen diese CD besonders empfehlenswert werden. Die Aufnahmetechnik ist gut, das Booklet ist informativ.
Ruth Wentorf
![]()
Neue Klangdimensionen:
CD "Albido" von Stefan Keller
Rückwärts atmende Flöten in expansiven Räumen
Traditionalisten werden bei der in exzellenter Qualität aufgenommenen CD "Albido" von Stefan Keller aus Bellikon AG einige Ueberraschungen erleben. Mit unzähligen Mikrophonen ausgestattet, hat Keller seine Flöten auf ein Niveau gebracht, wo jegliche Nebengeräusche hörbar gemacht und verändert werden können. Der Zuhörer wird näher an den Instrumentalisten und sein wundersames Handwerk herangeführt und das Ohr für neue, expansive Räume gewonnen. Die Live-Samplingtechnik ermöglicht es Keller, komplexe Klang- und Rhythmusstrukturen zu erzeugen, die dann abermals gedoppelt, durch mehrstimmige Flötenmelodien ergänzt, wie ein universales ganzes Instrument oder ein Orchester wirken. Dieses vereint sowohl Rhythmen im Tiefbassbereich, mittlere Frequenzschichtungen in Melodie und avantgardistischen Klängen im Obertonbereich. Das Mehrfachsampling wurde im eigenen Tonstudio über zwei Loopgeräte, genau wie bei den Konzerten, live inszeniert. Stefan Keller verzichtet dabei voll und ganz auf Effekte, die per Computer erzeugt werden. Der Verzicht auf diese magische Maschine bedingt an den verschiedenen Flöten und an den vielen Pedalen jedoch eine umso grössere motorische Perfektion. Das Gedächtnis für jede musikalische Sequenz, jeder Handgriff und jeder Fußtritt will ganz eingeprägt sein. Was die CD "Albido" anbietet, ist wie ein akustischer Fokus bis an die Lippen des Flötisten. Stefan Keller bedient seine Zuhörerschaft auch an seinen Livekonzerten in gleicher Weise mit Kontrabass-, Bass-, Alt- und Querflöte. Er hat seine Sporen im In- und Ausland an verschiedenen Konservatorien und Schulen längst abverdient. Dazu gesellt sich auf "Albido" eine Klangwelt, welche einen in afrikanische und südamerikanische Sphären entführt, wobei die erzeugten Muster auf den verschiedenen Flöten von Wind-, Zisch-, Jembe-, Shakuhaji-, und einer Unzahl unvergleichlicher Sounds begleitet werden. Diese begeistern, sofern der Approach und das Abstandnehmen von konservativer Denkweise gelingen. Zum einen fast wie rückwärts atmend, bringt Keller in allen Stücken eine äusserst kreative Haltung zur Musik zum Ausdruck, umrahmt sie in "Choral and Dance" mit einer wunderbaren, muezzinartigen Männerstimme und entführt mit einer Groove-Box in die Welt der ersten elektronischen Experimentalmusik. Weit gefehlt, wenn die Meinung aufkommen sollte, es handle sich um reine Avantgarde oder Sound an Soundmusik! Stefan Keller greift klassische Elemente ebenso leicht auf wie poppig-jazzige Einheiten, verwebt sie über Rhythmus und Klang immer wieder zu neuen faszinierenden Gebilden. Kleine Nachteile ergeben sich indes konzeptioneller Natur, ist der Wechsel weg von der Tonika über das gesampelte Melodiematerial unglaublich schwierig. Dennoch wird Langeweile vermieden, in dem Rhythmus, meistens über die Klappen der Instrumente erzeugt, immer neue Welten öffnen. Einmal wie Wasserwelten erscheinend, macht Stefan Keller auch über die verschiedenen Hall- und Echoräume Tore auf, ehe er da und dort mit prägnanten Melodien, oft weit weg vom üblichen vier Viertel, neuen Nährboden für neue Dimensionen schafft. Wird Kellers Werk wegen des insgesamt unkommerziellen Produktes vorerst vielleicht die Anerkennung fehlen, so haben seine Stärken aber längst kulturfördernde Institutionen auf den Plan gerufen, und die Geburt der ersten Stücke von "Albido" in Paris ermöglicht. Es wäre falsch, sein Werk als rein elektronisches Klangerlebnis abzutun. Die Größe des Musikers auf "Albido" besteht in der Umsetzung in einer jahrelang gepflegten Idee, selbst wenn sie der Zeit voraus ist. Sollte Keller ein weltweiter Erfolg beschieden sein, so dürfte es im Hinblick auf seine Genialität nicht verwundern. Sollte dies nicht geschehen, dann vielleicht deswegen, weil Genies immer zu spät die Anerkennung finden, die Ihnen zusteht. Ein weiterer Weg zu größerem Erfolg wäre womöglich die Produktion kürzerer Stücke mit eingängigeren Loops und Melodien. In Anbetracht der als Initialzündung zu bezeichnenden neuen CD "Albido" ist dieser letzte geäusserte Ansatz jedoch zu kritisieren. Stefan Keller präsentiert seine CD "Albido" nämlich wie sie beginnt und wie sie endet: Spannend mystisch und prägnant! Insofern bedarf es keiner weiteren Worte, als der des Respektes und der Hoffnung, dass ein Zusammentreffen mit weltweit bekannten Musikern und noch grössere Auftritte in Stefan Kellers Zukunft zum Alltag gehören werden.
Stephan Roos
Mehr Infos unter: www.flutetrends.ch
Bestellung direkt bei ALADIN RECORDS:
Tel/Fax: +41. 56. 470 16 61
Erschienen in: Flöte aktuell 1/2002, Seite 56

