PDF erzeugen Diese Seite drucken

Flöte aktuell 4.2000

Bach und ...

ein Fest zum 15. Geburtstag der Deutschen Gesellschaft für Flöte

Seit 15 Jahren leistet die "Deutsche Gesellschaft für Flöte e. V." auf dem Gebiet rund um die Flöte intensive und erfolgreiche Arbeit. Die Gesellschaft ist ein Zusammenschluss von Amateuren, Studenten und Profis. Ruth Wentorf, Thaddeus Watson und Dr. Marco Lehmann­Waffenschmidt übernehmen zur Zeit die Vorstandsarbeit. Direktorin ist Sybille Wähnert.

Zu einer gelungenen Jubiläumsfeier fanden sich am 7.  Oktober in der "Loge zur Einigkeit" in Frankfurt rund 200 Gäste ein. Der Ablauf der Veranstaltung stand unter dem Motto: Erst die Arbeit, dann das Spiel. Ein weiteres Motto: Die Werke von Johann Sebastian Bach.

Peter-Lukas GrafPeter-Lukas Graf Peter­Lukas Graf begann die Arbeit mit einem Workshop über die Partita a­moll und wertete dieses als das wohl wichtigste Flötenwerk der Barockzeit. Den Zeigefinger legte er auf den ersten Satz "Allemande". 1949 bekam der Musikstudent Graf von seinem damaligen Lehrer Roger Cortet in Paris folgendes zu hören: "Ich kann die Allemande nicht unterrichten, da ich sie selbst jedesmal anders spiele." Damals stutzte der Schüler, heute hat er volles Verständnis und geht mit einer großen Sensibilität an die Vermittlung der Komposition heran. Und das Werk hat es so was von in sich: Der Anfang besteht aus einer Pause, für ein Solostück die Hörerirritation schlechthin. Dann keine besondere rhythmische Gliederung, sondern Sechzehntel am laufenden Band. Gute Atemstellen gibt es nicht, nur schlechte. Davon muss man allerdings wiederum die besten aussuchen, wenn man überleben möchte. Humorvoll, mit einem klaren Konzept und dennoch offen für Anregungen nahm Graf Stellung zu Phrasierung, Artikulation und Atmung. Vorher ausgegebene Notenbeispiele erleichterten dem Zuhörer, das Erläuterte nachzuvollziehen. Die Klangbeispiele demonstrierte der Flötist am Flügel. In der sich anschließenden Diskussion einigten sich Meister und Zuhörer auf die Sichtweise, das Wort "Allemande" in erster Linie als Tempobegriff zu sehen, nicht als eigentliche Tanzbezeichnung. Das hat als Konsequenz, das Tempo nicht zu schnell zu wählen.

Seinen sympathischen Vortrag beendete Peter­Lukas Graf mit einer Verbeugung in Richtung Interpreten Alter Musik. Vor fünfzig Jahren mit ihren Traversflöten noch mitleidig belächelt, ist ihr Stellenwert heute als sehr hoch einzuordnen und die geleistete Arbeit eine sehr bedeutungsvolle.

Uri ToeplitzUri Toeplitz Als nächster Solist nahm auf dem einzigen Stuhl auf der Bühne der 85­jährige Uri Toeplitz aus Israel seinen Platz ein. Mit seinem gehaltvollen und hoch menschlichen Vortrag bezauberte er das Publikum. Auch er hakte bei der Bachschen Partita ein und forderte, nicht eng zu bleiben, sondern so viele Werke wie möglich zu studieren. Die Geschwisterwerke sind in jedem Fall aufschlussreich, das gilt ebenso zum Beispiel für die Mozartkonzerte. Der Blick in die Runde erweitert das Sichtfeld und bringt neue Ideen.

In Kiel aufgewachsen besuchten er und seine Eltern 1925 in Venedig ein Konzert des Flötisten Louis Fleuri, danach stand der Entschluss fest: der Sohn wird Flötist. Doch während des Flötenstudiums in Köln 1932 fühlte sich der Student Toeplitz unter dem Nazi­Regime immer unwohler. Am 2. November 1936 wanderte er nach Israel aus und wurde Flötist und Mitbegründer des "Israel Philarmonic Orchestra". Das Eröffnungskonzert spielte er dort unter Arturo Toscanini. 1938 fuhr er, auf der Suche nach Weiterentwicklung des eigenen Spiels, nach Frankreich zu Marcel Moyse. Toeplitz über Moyse: "Sein Spiel war so herrlich, das können Platten gar nicht wiedergeben." Im Gegensatz zu den Naturtalenten musste Toeplitz sich vieles hart erarbeiten, dadurch gelangte er zu großem Bewusstsein. Auch kam er zu der Einsicht, dass man nach 20 Jahren der eigenen Entwicklung und der äußeren Einflüsse sein Spiel verändern und anpassen muss. In's Schwärmen geriet er bei der Erinnerung an berühmte Flötensoli, zum Beispiel "Daphnis und Chloe". Das Solo im letzten Satz der Eroica reizt ihn nicht so sehr: "Ich will da Beethoven keinen Vorwurf mac hen, aber in den Symphonien hat er etwas Gewalt angewandt. Mit dem Solo stehen wir etwas schief."

Seine Stärken lagen auf dem Gebiet des Unterrichtens, so urteilt der Flötist über sich selber. Geduld und Wissen sind das Rüstzeug für einen guten Pädagogen. Und dieser bescheidene Mensch Uri Toeplitz mit seinem enormen Erfahrungsschatz ist ohne Zweifel immer noch ein großartiger Lehrer. Eine philosophische Betrachtung über das Vibrato beginnt er mit der Aussage "Das Vibrato ist der Tomatenketchup des Flötenspiels", und er beendet seinen wunderbaren Vortrag mit den Worten: "Jetzt bin ich wieder an einer Fermate angekommen."

Als dritter Arbeiter im Bunde referierte Konrad Hünteler über die Sonate A­Dur, erster Satz "Vivace". Marianne Petersen - eigentlich Zuhörerin - wurde spontan als "Versuchskaninchen" auf die Bühne geholt, als Pianist meldete sich mit 89 Jahren Willy Schmidt, ehemals Flötist in Frankfurt. Diese Drei gestalteten eine offene Unterrichtsstunde, wobei Hünteler der Musik nach eigenen Worten pedantisch zu Leibe rückte. Für ihn ist Musikmachen immer ein Stück Schauspielerei, und so wurde das Podium wirklich zur Bühne ­ tiefer Kniefall, große Gestik, alles inclusive. Die Flöte ist für Konrad Hünteler ebenfalls ein Medium aller Charaktere. Nur schön spielen gilt nicht, das ist langweilig. Es darf auch mal unschön werden, wenn es der Sache dient. Der tiefe musikalische Ausdruckswille ist der Maßstab. Die Musik des 18. Jahrhunderts kommt ihm da stellenweise entgegen. In die Domäne des Spielers gehörte damals die Artikulation. Doch gibt es allgemeine Richtlinien, an die sich jeder halten sollte. Kleine Intervalle werden eher gebunden. Je größer das Intervall, desto unüblicher die Bindung. Zweier­ Bindungen galten als Ausnahme, sie wurden erst in der Klassik zum Charakteristikum. Im Barock steht die asymmetrische Artikulation auf der Tagesordnung, zum Beispiel drei Noten gebunden, eine Note gestoßen. Eine gewisse Flüchtigkeit tut dieser Musik gut. Zum Abschluss gab Hünteler ein Statement für die Selbstkritik eines jeden Einzelnen. Das unparteiische Zuhören sich selbst gegenüber ist wichtig, obwohl man damit eine Art Schizophrenie produziert, allerdings eine ganz gesunde. Die Flötistin Marianne Petersen, die erst mit 25 Jahren das Flötenspiel begonnen hat, bezeichnete ihren unerwarteten Unterricht als anregend und sehr aufschlussreich.

Musik Bertram und Breitkopf + Härtel (hinten)Musik Bertram und Breitkopf + Härtel (hinten) Den ganzen Tag über standen im "Kleinen Saal" verschiedene Noten­ und Instrumentenaussteller parat. Eine finnische Carbonflöte lag bei den "Holzbläsern" zum Probepfiff bereit. Eigenwillig, ohne Federn und Polster, dafür mit Magneten ausgestattet handelt es sich um eine leichte Flöte, sowohl vom Anblasen als auch vom Gewicht her. Eine hundert Jahre alte Louis Lot­Flöte gab es bei "All flutes plus", ein Experimentierkopf mit nach innen gerundeter Mundplattenkante reizte bei Harry Gosse zum Fortetest. Ornamentverzierte Mundplatten lockten bei Musik Lösch; weiter vertreten mit einer Bassflöte im Gepäck Musik Bertram, Yamaha Europa GmbH, Breitkopf ∓ Härtel und der Musikverlag Zimmermann. Am späten Nachmittag diente ein Geburtstagsempfang für alle Teilnehmer im Foyer als Podium für den fachlichen Austausch und die neuesten Neuigkeiten.

Und nach der morgendlichen Arbeit begann das Spiel. Konzerte von Peter­Lukas Graf (Flöte), Jean­Claude Gerard (Flöte) und Andreas Kersten (Klavier) boten Bachgenuss auf höchster Ebene. Moshe Epstein (Flöte), Jos Rinck (Flöte/Improvisation) und Wolfgang Zehrer (Cembalo) beendeten die hochkarätige Geburtstagsfeier unter dem Titel "Good old brandnew Bach" außergewöhnlich und zeitgemäß.

Gudrun Klinkhammer

linie

Erschienen in: Flöte aktuell 4/2000, Seite 12

1 2 3 »



^ zum Anfang
aktualisiert am Montag, 25. Jun. 2007 um 12:04:09 CEST

Vorherige Seite: Online-Artikel
Nächste Seite: Impressum