Flöte aktuell 3.2000 (I)
Fenwick Smith
Ein ungewöhnlicher Flötist
"I've always been allergic to selfpromotion. Somehow I seldom get around to telling my students - let alone my friends - about my concerts, recordings, publications or other musical activities. A website seems the perfect way around this, since you're here by your own choice, not mine."
(Fenwick Smith - Willkommensgruss auf seiner Website www.fenwicksmith.com)
Auf der Reise durch die virtuelle Welt des Internets, die teilweise so übertrieben bunt, aufregend, ja schon nervend wird durch die ständige, aufdringliche Eigenwerbung, fällt einem diese kurze Einleitung durch die ungewohnte Zurückhaltung sofort auf. Aber genau diese Eigenschaften beschreiben Fenwick Smith am besten. Durch sein ruhiges, zurückhaltendes Wesen fällt er in einer Flötenwelt, die sich oft glanzvoll und noch öfter kitschig präsentiert, völlig aus der Reihe.
Nach fast 3 hektischen Jahren aktiven musikalischen Lebens in Deutschland mit Studium, Orchesterprobespielen und Konzerterfahrung ist es für mich erfreulich zu sehen, dass manche Dinge sich nie ändern. Während meiner vielen Gespräche und schriftlichen Kontakte mit Fenwick Smith wird mir immer wieder bestätigt, dass man sich nicht von der übertriebenen Egozentrik vieler mitreißen lassen muss, um erfolgreich zu sein. Er lässt sich nicht beeinflussen und ändern, sondern verfolgt seine Ideale und Ziele. Fenwick Smith ist immer noch der gleiche, dem ich vor nun fast 8 Jahren zum ersten Mal während einer Aufnahmeprüfung am New England Conservatory of Music in Boston/USA vorspielte.
Alles begann 1992, als ich zum ersten mal eine CD von Fenwick Smith hörte. Meine damalige Lehrerin, Katharine Rawdon, spielte mir während einer Stunde ihre neueste Errungenschaft, eine CD mit Musik von Charles Koechlin, vor. Besonders begeistert war ich von den "14 Pièces pour flute et piano" und der "Sonate pour 2 flutes" mit Leone Buyse. Meinen sich darauf schnell entwickelnden Wunsch, nach Amerika zu gehen konnte ich einige Monate darauf verwirklichen: Im Herbst des gleichen Jahres zog ich nach Boston und begann mein Studium am New England Conservatory of Music (NEC).
Von Anfang an war er kein dominanter Lehrer, wie es viele sind, sondern er überlegte mit mir zusammen, wie ich mein Spiel weiterentwickeln könne. Er setzte mir nicht nur vor, was ich zu machen und zu üben hatte, sondern fragte mich nach meinen Klangvorstellungen, und half mir mit Hilfe einiger selbstentwickelter Übungen, meine eigenen Ideen umzusetzen. Da ich relativ spät zu spielen angefangen hatte, waren meine Selbstzweifel und die begleitende Furcht, meinen Studienkollegen "hinterher" zu sein, während meines 4jährigen Studiums leider ständig anwesend, aber auch darüber versuchte Fenwick Smith hinwegzuhelfen. Auch er kannte dieses Gefühl, noch nicht gut genug zu sein. Nach zwei Jahren Studium an der Eastman School of Music in Rochester/NY bei Joseph Mariano hatte er seine Ausbildung unterbrochen, um in sein heimisches Boston zurückzukehren und dort bei dem bekannten Flötenbauer V.Q. Powell zu arbeiten (wo er insgesamt 12 Jahre mit Unterbrechung tätig war und seine eigene Flöte baute) und Privatunterricht bei Doriot A. Dwyer, langjährige erste Flötistin des Boston Symphony Orchesters, zu nehmen. So verstand er meine eigenen Zweifel sehr gut und half mir hindurch, nicht zuletzt auch dadurch, dass er mich jede Woche (manchmal sogar zweimal) in die Konzerte des Boston Symphony Orchestra schmuggelte, wo sich mein Wunsch, Orchestermusiker zu werden, nur verfestigte. Es war ein sehr wichtiger Teil meiner Ausbildung, ihn in "Aktion" zu beobachten und die Höhen und Tiefen des Orchesters mit den verschiedenen Dirigenten und Solisten zu verfolgen.
Als im Frühjahr 1997 mein Abschluss am NEC nahte, war es wieder Fenwick Smith, der mich dazu bewegte, den Schritt nach Deutschland zu machen. Aus persönlichen Gründen wäre ich damals lieber in Boston geblieben, aber er überzeugte mich, dass ich mir selbst diese Gelegenheit geben sollte (er selbst lebte von 1972 bis 1975 in Berlin). So kam ich an die Musikhochschule in München, eine Entscheidung, die ich trotz eines sehr schwierigen Anfangs nicht bereut habe. Fenwick Smith hatte es verstanden, mich in mehreren entscheidenden Situationen in die richtige Richtung zu weisen.
Fenwick Smith ist seit 1978 zweiter Flötist des Boston Symphony Orchestra, und in dieser Position aus meiner Sicht unschlagbar. Während der 5 Jahre, in denen das Orchester einen neuen SoloFlötisten suchte, hörte ich ihn neben vielen verschiedenen GastFlötisten aus allen Teilen der Welt, die vom Orchester "ausprobiert" wurden, und jedes Mal ermöglichten ihm sein unfehlbares Ohr und seine Anpassungsfähigkeit ein exzellentes Zusammenspiel. Auch seinen Studenten versuchte er diese Flexibilität zu vermitteln. Im Unterricht spielte er selber sehr viel, und oft lasen wir Duette vom Blatt, was mir jedes Mal für die restliche Woche einen Kick gab. Er bestand auf viele verschiedene Klangfarben und verlangte von uns, dass wir sie in Stücken aus allen Epochen und Stilen gezielt anwendeten. Besonders flexibel mussten wir mit der Amplitude und Schnelle des Vibratos arbeiten. Alle Varianten wurden ausprobiert: schnelles Vibrato mit großer Amplitude, langsames Vibrato mit kleiner Amplitude und umgekehrt, um so die Extreme des Geschmacks und unsere persönlichen Grenzen zu finden. Wir wurden dazu aufgefordert, uns eine große Palette von verschiedenen Tonqualitäten anzueignen, die es mir heute erleichtert, selber neben vielen verschiedenen Flötisten zu spielen.
Aber all das soll nicht den Eindruck geben, dass Fenwick Smith "nur" ein sehr guter 2. Flötist ist. Jahrelang hat er auch innerhalb der Boston Symphony 1. Flöte gespielt, aber es scheint manchmal einfacher einen sehr guten 1. als einen sehr guten 2. Flötisten zu finden...Im Laufe der Jahre nutzte er die sich viel anbietenden Gelegenheiten, um seine verschiedenen Interessen und Fähigkeiten zu zeigen. Besonders am Herzen lag und liegt ihm die Aufführung neuer Werke vor einem breitem Publikum. So präsentierte er sich als Solist mit verschiedenen Orchestern, um mehrere neue Konzerte in Boston erstaufzuführen (so die Konzerte von John Harbison und Christopher Rouse, sowie das "Renaissance Concerto" von Lukas Foss). Außerdem war er 13 Jahre lang Mitglied des Boston Musica Viva unter Richard Pittman.
Am bekanntesten und beliebtesten wurde er dem Bostoner Publikum jedoch durch seine jährlichen Flötenkonzerte im September in Jordan Hall, dem wunderschönen Konzertsaal des NEC. 1975 startete er diese Serie, die heute aus der Bostoner Musikszene nicht mehr wegzudenken ist (ich empfehle jedem, der sich im September in dieser Gegend der USA aufhält, dies nicht zu verpassen. Der Eintritt ist kostenlos - Informationen im Internet unter www.newenglandconservatory.edu). Mitte der 80er Jahre entschloss sich Fenwick Smith, in dieser Konzertreihe ausschließlich Werke zu spielen, die er bis dahin seinem Bostoner Publikum noch nicht vorgestellt hatte. So entwickelten sich im Laufe der Jahre sehr interessante und abwechslungsreiche Programme, die jedem anderen Flötisten neue Ideen geben (eine Liste aller Programme befindet sich auf Fenwick Smith's Webpage bei www.fenwicksmith.com). Die Konzerte werden jedes Jahr vom NEC aufgezeichnet und alle Aufnahmen stehen in der Audiobibliothek zur Verfügung.
Besonders gut kann ich mich an das Konzert im September 1996 erinnern. Damals spielte Fenwick Smith ein Programm, indem er das Stück "Why Patterns?" von Morton Feldman in der ersten Hälfte, ein Stück von Couperin und die amoll Sonate von Carl Ph. Emanuel Bach nach der Pause aufführte. So musste das Publikum erst den Feldman überstehen, bevor der für viele eigentlich interessante Teil kam. Dies zeigt, dass Fenwick kein bequemer Musiker ist, der seinem Publikum jedes Jahr die "Greatest Hits" präsentiert, sondern versucht, ohne aufdringlich und arrogant zu werden, ihm neue Werke vorzustellen und ihm die Möglichkeit zu geben sich weiterzubilden. Trotz des Risikos, das er damit in Kauf nimmt, sind die Konzerte jedes Jahr bis fast auf den letzten Platz besetzt. Die Reaktionen auf den Feldman reichten von lautem Gähnen bis zu unruhigem Hin und Herrutschen. Aber die Zuhörer blieben, und viele wurden so sicherlich zum ersten Mal einem solchen Stück ausgesetzt. (Fenwick erinnert sich wegen der sehr extremen Reaktionen auch sehr gut an dieses Konzert. Er erfuhr hinterher, dass wohl doch ein paar Leute das Konzert verlassen hatten, aber dafür überraschten ihn am nächsten Morgen mehrere Anrufe von unbekannten Personen aus dem Publikum, die sich für das abwechslungsreiche Programm bedankten. Solche Reaktionen hatte auch er selten erlebt... Aber er freute sich über die Anteilnahme des Publikums, das sei schließlich sein Ziel!)
Neben seinem Lehrauftrag am New England Conservatory of Music in Boston, den er seit 1975 hat, hat Fenwick Smith Meisterklassen in der ganzen Welt gegeben. In Boston gründete er zusammen mit Leone Buyse 1992 eine Flötengesellschaft (die Greater Boston Flute Association, www.channel1.com/gbfa/), die jährlich viele Meisterklassen, Kurse und Festivals organisiert. Aber sein musikalisches Interesse geht über das Flötenspiel hinaus. 1997 kaufte er mit der Unterstützung einiger Sponsoren einen ehemaligen FreimaurerTempel in Boston und baute ihn in ein Aufnahmestudio um. Die ersten erfolgreichen Einspielungen haben bereits stattgefunden. Eine seiner Absichten ist es, sich und sein Studio in Zukunft Komponisten zur Verfügung zu stellen, um dort neue Werke für Flöte einzuspielen.
Obwohl ich in den letzten Jahren durch Meisterklassen und Konzerte viele bekannte Flötisten kennengelernt und teilweise Übungen oder Ideen von ihnen übernommen habe, bleibt Fenwick derjenige, der mich am meisten mit seiner Art und seinem Spiel beeinflusst und geprägt hat. Oft wird man von großen Namen und erfolgreichen Karrieren geblendet, dabei befinden sich viele der bewundernswertesten und eindruckvollsten Musiker im Hintergrund und bewegen dort Leben. Fenwick Smith ist einer davon. Ich denke, dass er, hätte er es sich zum Ziel gesetzt, eine großartige Solokarriere anzustreben, bestimmt sehr viel Erfolg gehabt hätte. Aber wie er selbst zugibt, liegt es ihm eben nicht. Und ich muss ehrlich bekennen, dass ich darüber sehr froh bin, denn sonst hätte ich bestimmt nie die Gelegenheit gehabt ihn kennenzulernen.
Stephanie Wagner
Diskographie
vorgestellt von Mathias Dittmann
Die vorliegenden Einspielungen von Fenwick Smith sind in mehrfacher Hinsicht beeindruckend. Fenwick Smith ist ein Flötist auf höchstem technischen Niveau und ein äußerst fantasievoller Musiker, der seine Kunst dabei immer in den Dienst der Musik stellt. Aber nicht nur seine Seriosität und Stilsicherheit zeichnen ihn aus; was mich geradezu in den Bann zieht, ist seine außergewöhnliche und modulationsreiche Tongebung. Die Klarheit, die Beweglichkeit, die Farbigkeit und die Wärme in seinem Klang, das ist betörend! Garanten dafür, dass alle Aufnahmen ein Kammermusikalischer Hochgenuss sind, sind auch die mitwirkenden, ganz hervorragenden Musiker, in der Regel Mitglieder des Boston Symphony Orchestra. Erfreulich ist die sehr gute aufnahmetechnische Qualität aller CDs.
Fenwick Smith's Programmgestaltung der CDs ist bemerkenswert. So verzichtet er auf die Einspielung gängiger Repertoirestücke und stellt gleichzeitig interessante und gute Flötenmusik vor. Und hier gibt es wahrhaftig viel zu entdecken.
Die "Carl ReineckeCD" ist eine Rarität. Sowohl das Oktett als auch das Sextett sind Bläserkammermusik mit wunderschönen Flötenparts und "Von der Wiege bis zum Grabe" op. 202 für Flöte und Klavier in der Bearbeitung von Ernesto Köhler eine echte Bereicherung unseres romantischen Repertoires.
Eine Besonderheit ist auch die Aufnahme mit C.Ph.E.Bach's Triosonaten für Flöte und obligates Cembalo, u.a. mit der bekannten Sonate EDur für 2 Flöten und basso continuo. In dieser Einspielung beeindruckt mich Fenwick Smith's Natürlichkeit und Lebendigkeit in seinen Phrasierungen.
Sehr empfehlenswert ist die CD mit Flötenkammermusik der amerikanischen Komponisten Aaron Copland und Arthur Foote, dessen Musik durch seinen neobarocken Duktus ausgesprochen reizvoll ist. Copland's "Threnodies" für Flöte und Streichtrio ist wohl die interessanteste Entdeckung auf dieser CD.
Die CD "Silenced Voices" widmet sich Komponisten, die Opfer des Holocausts wurden. Fenwick Smith spielt außer der Flötensonate das Concertino für Flöte, Viola und Kontrabass von Ervin Schulhoff, ein spannendes Stück, das geprägt ist durch stark kontrastierende Stilelemente, impressionistisch in den ruhigen Passagen, jazzig in den Virtuosen mit gezupftem Bass, folkloristischböhmisch im 2. Satz mit dem Piccolo. Wegen der Thematik dieser Aufnahme möchte ich an den Artikel "Die verlorene Generation" in Flöte aktuell 1/97 von Beate SchröderNauenburg und die CD von Cornelia Thorspecken und Cordula Hacke erinnern.
Ned Rorem's Flötenkompositionen sind nach seinen eigenen Worten beeinflusst durch den "goldenen Hauch von der Panflöte des Fauns, von Roussel's Spinne, von Ravel's Daphnis und Varèse's Density". Die Musik des Amerikaners hat atmosphärischimpressionistisches mit höchst virtuosen Elementen, und ist so für den Flötisten ausgesprochen dankbar.
Auf seiner neuesten CD stellt Fenwick Smith den Komponisten Daniel Pinkham vor. Dankiel Pinkham verfügt über ein solides Handwerk, seine Musik ist kontrastreich und besonders in "Miracles" für Flöte und Orgel von großer emotionaler Ausdruckskraft. Fenwick Smith's Spiel begeistert in der Sonata da Camera für Flöte und Viola mit seinem Kollegen Burton Fine und besonders in der meditativen "Elegy" für Altflöte solo.
Von all diesen wundervollen Aufnahmen ist für mich die CD mit Musik von Charles Koechlin die Schönste. Koechlin war ein großer Komponist, dessen lebendige und faszinierende Musik hier in höchster Vollendung eingespielt wurde. Die Sonate für 2 Flöten, mit Fenwick Smith spielt seine langjährige Orchesterkollegin Leone Buyse, ist ein kleines Juwel.
Alle hier besprochenen CDs hat Fenwick Smith freundlicherweise der DGfF zur Verfügung gestellt, so kann jeder im Flötenhaus mal 'reinhören.
![]()
Erschienen in: Flöte aktuell 3/2000

