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Flöte aktuell 2.2000

Der Komponist John van Buren

Ein neues Flötenkonzert

John van Buren wurde 1952 in Portland, Oregon, USA, geboren und studierte dort Deutsche Literatur, Musik und Malerei am Reed College. 1972 kam er nach Stuttgart und studierte an der dortigen Musikhochschule Komposition bei Milko Kelemen. Er war aktiver Student bei den Darmstädter Ferienkursen. Seine Lehrer waren hier u.a. Ligeti, Kagel, Nono, Lachenmann und Yun. Nach seinem Diplom 1979 und dem Kompositionspreis der Stadt Stuttgart arbeitete er mit vielen Choreographen an deutschen Musiktheatern und auch Filmemachern (u.a. Produktionen für das ZDF) zusammen, dazu kamen auch Aufführungen in London und der New Yorker Carnegie Hall. Viele renommierte Orchester (Minnesota Orchestra, Deutsches Symphonieorchester Berlin, Radio Sinfonieorchester Stuttgart u.a.), sowie bekannte Solisten und Ensembles (Robert Aitken, Carine Levine, Elisabeth Weinzierl und Edmund Wächter, Ensemble L'Art pour L'Art, AUROSEnsembleBoston) führen seine Werke auf, die international aufgrund ihrer künstlerischen Kraft und ihres kulturverbindenden Gestus gerühmt werden. John van Buren unterrichtet Komposition und Theorie an der Musikhochschule NürnbergAugsburg.

John van Burens Kompositionsstil basiert auf einem souveränen handwerklichen Können, Form und Struktur seiner Stücke sind klar und verständlich. Dazu beeindruckt sein perfektes Timing für die Dramaturgie in seinen Werken. John van Burens melodischer Erfindungsreichtum ist groß, wobei besonders sein ausgeprägter Sinn für das «Lyrische» im Klang imponiert. Auffallend ist hier auch die sichere Stimmlinienführung bei komplizierten kontrapunktischen Abschnitten. Der Komponist kennt sich gut aus im Klangfarbenspektrum aller Instrumente und beherrscht auch den Umgang mit neuen Spieltechniken auf der Flöte. Bei allem Klangsinn und Melodischen spricht seine Musik aber auch durch seine ausgesprochen rhythmische Vitalität an.

John van Burens kompositorisches Schaffen ist geprägt von seiner ständigen Auseinandersetzung mit der Tradition, der Geschichte und ihren unterschiedlichsten Stilrichtungen in Musik, Kunst und Literatur. Immer lässt er sich von Malern, Literaten und Komponisten aller Epochen und Stile anregen, ist stets bemüht, das Alte und das Neue in seiner Musik zu verbinden. Nicht selten entdeckt man in seinen Stücken Reminiszenzen und Zitate aus der musikalischen Vergangenheit bis in die Gegenwart. Das macht seine Musik nicht nur kontrastreich, sie gewinnt dadurch vor allem auch an Kontur und Individualität. John van Buren ist ein moderner Komponist, der zwar Tonales nicht scheut, sich deshalb aber in keinster Weise gegen das Progressive in seiner Kunstgattung stellt. Seine Musik ist eingängig, ohne sich anzubiedern und verständlich, ohne deshalb einfach zu sein.

Viele seiner Werke sind Flötenkompositionen, was wir vor allem seiner Frau zu verdanken haben: Die Flötistin Margret Schaal hat fast alle seine Stücke uraufgeführt.

1998 schrieb John van Buren das Konzert für Flöte und Orchester, das ihm auf meine Anregung vom Philharmonischen Orchester Augsburg in Auftrag gegeben wurde, und es war für mich eine Ehre, dieses Konzert als Erster spielen zu dürfen.

John van Buren über sein Flötenkonzert:

Im Sommer 1998, als ich mein Konzert für Flöte und Orchester beendete, verstarb der große russische Komponist Alfred Schnittke (am 3. August), dessen Musik ich besonders schätze. Seine Polystilistik hat einen Abschnitt der postseriellen Musik geprägt und verfolgt eine mir sehr naheliegende Art des Komponierens. Es ist eine beziehungsreiche Musik, die weder Angst vor der Tonalität, noch dem musikgeschichtlichen Zitat hat, und beides in ihren eigenen Stil, ihre eigene Sprache integriert. Ähnliches versuche ich in meiner eigenen Musik zu verwirklichen: Heterogenes in motivischer Arbeit zusammenzufügen. Das Konzert für Flöte und Orchester bewahrt die traditionelle Einteilung der drei Sätze in schnell - langsam - schnell und überlässt dem Solisten das Hauptgeschehen; er treibt die Dramatik des Stückes voran.

Nach anfänglichem Zögern beginnt der erste Satz doch energisch und stellt einen Ganztonschritt (esf) in den Vordergrund. Dieser wird gleich "umgedeutet" in die Begleitung der nächsten eher fließenden Struktur und mündet in ein EchoThema zweier Trompeten. Danach scheint eine chromatische, abwärts schreitende Bewegung schon einen Schluss herbeizuführen. Doch die Flöte leitet zu einer schönen, expressiven Melodie über, die von den Violoncelli begleitet wird. (Diese Melodie ist eine Verbeugung vor Samuel Barber, dessen Klavierkonzert mich schon als 12jähriger begeistert hat.)

Diese vier Abschnitte werden noch zweimal durchgeführt, bis sich die Flöte zu der chromatisch absteigenden Schlussfigur der Streicher gesellt und den Satz allmählich zerbröckelt.

Der zweite Satz gestaltet sich aus dem Gegensatz von kühlem, verhaltenem Fortschreiten und leidenschaftlichem Ausbruch. Die schreitenden Viertel am Anfang sind die Umkehrung des Themas des ersten Satzes, deren Bewegung hier merkwürdig zweideutig ist: sie scheinen zu steigen, wo sie doch von der Reihe her fallen. Dagegen ist das leidenschaftliche Thema von großen Sprüngen gekennzeichnet. In einem unheimlichen Mittelteil baut sich ein makabres TrillerCluster aus, das von der Flöte mit schnellen, skurrilen Tönen kommentiert wird. Nach der Wiederkehr des Anfangsthemas schließt eine Art Choral den Satz ab. Hier hören wir auch deutlich den Grundakkord des Satzes (dhcis), der nun in ein harmonisches Umfeld eingebettet ist.

Den Ausgangspunkt des dritten Satzes bilden drei chromatische Töne, die jeweils in einen MollAkkord eingeordnet sind. Manchmal grundieren diese MollAkkorde in schneller Folge die Melodie der Flöte, wie sogleich zu Anfang. Manchmal mischen sie sich polytonal, wie im ersten Abschnitt. Vorherrschend ist ein tänzerischer, quasibarocker Duktus, der durch ein Dreiklangsmotiv verstärkt wird, das an die Badinerie aus der hmollSuite von Johann Sebastian Bach erinnert. Die komplizierte Reihenform des Satzes wird überdeckt durch die Ähnlichkeit der jeweiligen Motive, so dass der Satz wie eine einzige fortwährende Variation wirkt. Der minimalistische Schluss lässt den Satz virtuos ausklingen.

Mathias Dittmann und John van Buren

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Erschienen in: Flöte aktuell 2/2000, Seite 11



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aktualisiert am Montag, 04. Dez. 2006 um 14:28:26 CET

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